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13. April 2015

Die Pioniere der Schweizer Popmusik

Die einen provozierten das Bürgertum, die anderen brachten Südseeromantik oder Beatles-Songs in die Schweiz: Heute sind die Mitglieder der ersten Schweizer Popbands im Rentenalter. Eine Ausstellung in Bern ehrt die Pioniere.

Minstrels: Die Stirnimänner (von links) Mario Feurer, Dani Fehr und Pepe Solbach.
Minstrels: Die Stirnimänner (von links) Mario Feurer, Dani Fehr und Pepe Solbach.

Sie hatten bloss einen Hit, aber was für einen: «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa!» machte die Minstrels 1969 nach einem Auftritt an der Olma auf einen Schlag bekannt.Mit diesem Song hielten sie sich während 16 Wochen unter den Top Ten der Schweizer Hitparade, 9 davon auf Platz 1. Die Single verkaufte sich in 27 Ländern insgesamt 1,5 Millionen Mal – unter anderem, weil da zum ersten Mal jemand auf die Idee gekommen war, eine rockige Melodie mit Mundart zu kombinieren. In der Folge bezahlte Frau Stirnimaa dem Trio ein 16-Zimmer-Haus in Trogen AR, das zu einem internationalen Künstlertreff wurde.

Rund 50 Jahre später ist es ein schwieriges Unterfangen, die Minstrels (englisch für Minnesänger) zu einem gemeinsamen Treffen aufzubieten. Nicht etwa, weil das Trio Krach hätte. Sondern weil ständig einer von ihnen im Ausland ist. Als es endlich klappt, ist Geiger und Komponist Mario Feurer (72) eben aus Indien zurück und Pepe Solbach (70) auf dem Sprung nach Italien, wo er gemeinsam mit seiner Freundin ein Haus mit Olivenhain besitzt. Dani Fehr (69) reist aus Wald AR an.

Bürgerschreck in Hippie-Kluft

Als Treffpunkt haben die ergrauten Herren die Bodega Española in Zürich ausgewählt, wo sie als Strassenmusikanten einst verjagt und später Stammkunden wurden. Während sie Wein und Tapas geniessen, erinnern sich die drei Altrocker gern an die Vergangenheit: Zum Beispiel, wie «die vom deutschen Fernsehen», die bloss den Song kannten, erstaunt waren, als da plötzlich drei bärtige Männer mit langen Haaren und farbigen Klamotten auftauchten. «Der Stirnimaa-Text stammt von einem Volkslied und ist harmlos, aber optisch erschreckten wir die Bürger ziemlich», erzählt Mario Feurer. Mit Hippie-Kluft und Mundartsong seien sie Brückenbauer zwischen den Volksmusikfreunden und der Sex-’n’-Drugs-Generation gewesen.

Die Bärte sind geblieben: Mario Feurer, Dani Fehr und Pepe Solbach (grosses Bild, von links) heute in der Bodega Española in Zürich und damals auf der Bühne mit ihrem Top-Ten-Feger «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa!».
Die Bärte sind geblieben: Mario Feurer, Dani Fehr und Pepe Solbach (grosses Bild, von links) heute in der Bodega Española in Zürich und damals auf der Bühne mit ihrem Top-Ten-Feger «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa!».

1970 war der Nummer-1-Hit der Minstrels laut einer Umfrage bekannter als die Schweizer Nationalhymne. Doch «Frau Stirnimaa» war Anfang und Ende zugleich: «Sie frass ihre Kinder auf», sagt Pepe Solbach im Rückblick. Eine Übermutter sei sie gewesen, deren Geiste sie nicht mehr hätten entfliehen können. Und Dani Fehr ergänzt: «Für die Mehrheit des Publikums waren wir einfach die Stirnimänner.» Diesen Stempel seien sie nie mehr losgeworden.

1974 löste sich die Band auf. Alle drei machten in verschiedenen Formationen weiter. Pepe, bis ihn der Kehlkopfkrebs im Alter von 55 Jahren stoppte. Mario, bis die Pflege seiner an Demenz erkrankten Frau immer mehr Zeit in Anspruch nahm. Dani setzte als Einziger nicht hauptberuflich auf Musik, sondern wurde als gelernter Typograf Druckereibesitzer. Dafür hat er den längsten Atem und spielt auch heute noch in einer Band, dem Volksmusiktrio «Gad’ase».

Honolulu Girls: Die erste Schweizer Girlgroup

Nackte Beine unter luftigen Baströckchen: Das war Ende der 50er-Jahre in der Schweiz durchaus gewagt. Trotzdem konnten die Honolulu Girls – vier Teenager aus Basel – auf die Unterstützung ihrer Eltern zählen. Erst beim Erlernen des exotischen Musikstils, dann beim Schneidern der Kostüme und später beim Touren von Anlass zu Anlass. Zwei der Girls durften sogar den Führerschein machen, um die Truppe mit Vaters Wagen durch die Schweiz zu kutschieren – für junge Frauen in jener Zeit eine Sensation.

Zeigten einst viel Bein. Heidi Bürgin, Rita Hagen, Valerie Claus und Hannelore Bürgin (von links).
Zeigten einst viel Bein. Heidi Bürgin, Rita Hagen, Valerie Claus und Hannelore Bürgin (von links).

Was die Honolulu Girls damals noch nicht wussten: Sie waren die erste Schweizer Girlgroup, wenn nicht sogar die erste Schweizer Retortenband. Denn bis auf die Schwestern Heidi und Hannelore Bürgin kannten sich die Bandmitglieder nicht, bevor sie miteinander zu spielen begannen. Ihr einziger gemeinsamer Berührungspunkt: Sie nahmen alle Unterricht bei den Hula Hawaiians, welche die Ha-waii-Musik ein paar Jahre zuvor in Basel populär gemacht hatten.

Mit Südseeromantik gegen Fernweh

«Damals, nach dem Krieg, wollte man reisen und die Welt sehen. Bloss fehlte den meisten das Geld dazu. Die Hawaiimusik nahm diese Sehnsucht auf», erklärt Rita Hagen (75) den Erfolg der Südseeromantik, die auch unter der Bezeichnung Tiki-Kultur oder Polynesischer Pop gehandelt wurde. Einmal vereint, emanzipierten sich die Girls schnell von ihren Vorbildern: Mit dem «Honolulu Rock» brachten sie als Erste eine Rock-’n’-Roll-Nummer in die Schweiz.

«Den grössten Auftritt hatten wir an einem Personalfest der Firma Hoffmann-La Roche vor rund 3000 Leuten», erinnert sich Valerie Claus (73). Später folgte sogar eine Einladung ins TV, doch da sei die erste schon schwanger gewesen: «Heute kann man auch mit Bauch vors Publikum, aber damals war das unvorstellbar», erzählt Hannelore Bürgin (77), die seit der Heirat den Nachnamen Grüssi trägt.

Die Honolulu-Girls heute: Rita Hagen, Valerie Claus und Hannelore Bürgin (von links). Heidi Bürgin, im historischen Bild ganz links, lebt heute zurückgezogen und wollte nicht fotografiert werden.
Die Honolulu-Girls heute: Rita Hagen, Valerie Claus und Hannelore Bürgin (von links). Heidi Bürgin, im historischen Bild ganz links, lebt heute zurückgezogen und wollte nicht fotografiert werden.

Kinder und Familie waren denn auch der Grund, warum die Honolulu Girls 1962 getrennte Wege gingen. Rita Hagen wurde als Erste Hausfrau und Mutter. Hannelore Bürgin ging für ein Jahr als Au-pair nach England und setzte ihre Englischkenntnisse als kaufmännische Angestellte ein, bis auch sie hinter dem Herd verschwand. Ihre Schwester Heidi entschied sich für einen spirituellen Weg und lebt heute sehr zurückgezogen. Einzig Valerie Claus trieb ihre Musikkarriere voran: Sie spielte unter anderem in der europaweit gefragten Damen-Big-Band Hanny’s Dutch Sisters und war rund zehn Jahre als Berufsmusikerin unterwegs.

Ein Revival der Band gab es nie. Einzig die Baströckchen feierten ein Comeback, wenn auch in anderer Funktion: Die Mutter von Valerie Claus band jahrelang ihre Tomaten mit den Bastfäden an den Stock.

Dorados: Die Luzerner Beatles

Schweizer Beatles-Bands gab es in den 60er-Jahren gleich mehrere. Aber nur die Dorados hatten für einen Abend einen waschechten Pilzkopf aus Liverpool in ihren Reihen, und zwar am 5. Februar 1965 im Casino-Dancing in St. Moritz GR, wo die fünf flotten Jungs aus Luzern ein Konzert gaben.

John Lennon (Mitte) tauchte 1965 unverhofft an einem Konzert der Dorados auf. Er wollte die Band nach England holen, das scheiterte aber an der fehlenden Arbeitsbewilligung.
John Lennon (Mitte) tauchte 1965 unverhofft an einem Konzert der Dorados auf. Er wollte die Band nach England holen, das scheiterte aber an der fehlenden Arbeitsbewilligung.

«Wir staunten nicht schlecht, als wir John Lennon im Publikum erkannten», erinnert sich Gründungsmitglied Walti Grüter (70), den wir via Skype in Thailand erreichen. Lennon weilte damals für Skiferien im Engadin und soll total begeistert gewesen sein, dass da eine Schweizer Band Lieder coverte, von denen es noch nicht mal Noten gab. Zu verdanken war dies dem damaligen Bandleader und Pianisten Fredy Enz (75), gelernter Radio- und Fernsehelektriker. Er nahm die neusten Beatles-Songs ab Radio Luxemburg – damals der einzige Sender, der moderne Musik spielte – in einem aufwendigen Verfahren auf Tonband auf und schrieb die Melodien heraus, während sich Leadsänger Franco Bussmann (70) auf die Lyrics konzentrierte.

«Nach dem Konzert setzte sich Lennon zu uns, und dabei entstand das Foto», erzählt Fredy Enz, der heute in Kriens LU ein beschauliches Rentnerdasein führt. Lennon soll sogar Zukunftspläne für die Dorados geschmiedet und ihnen den eigenen Manager vermittelt haben. «Brian Epstein wollte uns nach England holen», so Enz. Der Deal sei dann aber leider an der Arbeitsbewilligung gescheitert, die man nur bekommen hätte, wenn gleichzeitig eine englische Band in der Schweiz engagiert worden wäre.

Wochenlang unter den Top Ten

Die Karriere gewann dann aber trotzdem an Fahrt: Der Texter und Produzent von Peter Alexander und Caterina Valente holte die Dorados im Sommer 1965 nach Köln und schrieb für sie den erfolgreichen Schlager «Der Tiger», der in der deutschen Hitparade wochenlang unter den Top Ten war. Die «Blick»-Leser kürten die goldenen Jungs in einer Umfrage noch im gleichen Jahr zur «Besten Schweizer Beatband». 1977 gelang den Dorados nochmals ein Hit: «Mary ven con migo» mit Andy Lütolf als Sänger hielt sich 15 Wochen in den Top Ten der Schweizer Hitparade. Allerdings waren von den Ur-Dorados damals nur noch Gitarrist Walti Grüter und Saxofonist Luc Modolo dabei.

Fredy Enz (oben direkt hinter Lennon) lebt heute in Kriens LU
Fredy Enz (oben direkt hinter Lennon) lebt heute in Kriens LU.

Pianist Enz hatte die Band bereits zwei Jahre zuvor verlassen, um wieder auf seinem Beruf zu arbeiten.
Er gründete in der Folge die Firma Expert Enz Audio Video und eröffnete mehrere Filialen in der Region Luzern. Gitarrist Grüter stieg 1987 aus und baute in Zürich die Playboy- und die Vasco-Bar auf. Heute verbringt er den Winter jeweils in Thailand. Franco Bussmann, der nach seinem Ausstieg bei den Dorados bei Hazy Osterwald anheuerte, lebt in Weggis LU. Luc Modolo blieb der Band bis 1981 treu, ist aber inzwischen verstorben. Und wie es mit Schlagzeuger Peter Baumgartner weiterging, der die Band kurz nach dem legendären Foto verliess, weiss niemand so genau.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Paolo Dutto