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13. April 2015

Gesagt ist nicht gesagt

YB-Angreifer Guillaume Hoarau
Erfrischend undiplomatisch: YB-Angreifer Guillaume Hoarau.

Endlich sagt mal einer die Wahrheit. «Je suis content pour moi», sprudelts aus YB-Stürmer Guillaume Hoarau heraus – dem dunkelhäutigen Franzosen, um den uns die halbe Schweiz beneidet –, nachdem ihm zwei entscheidende Tore gelungen sind. Er freut sich zunächst über den eigenen Erfolg, dann erst freut er sich fürs Team und schliesslich für den Klub: «Je suis content pour moi», sagt er ins Mikrofon, schmunzelt cool und schiebt nach: «Je suis content pour l’équipe, je suis content pour le club.» Worauf der Reporter (der Ostschweizer mit dem Dauergrinsen) übersetzt: «Er hat gesagt, wie wichtig das Kollektiv sei …» Neiiin! Hat er eben nicht. Aber der TV-Mann ist offenbar so geübt darin, Floskeln wiederzugeben, dass er die Finesse überhört hat.

Bänz Friedli hats gern geradeaus
Bänz Friedli hats gern geradeaus.

Verübeln können wir es ihm kaum, denn meist sagen Torschützen nach dem Spiel dasselbe: «Dee Kolekdif isch wichtig, nöd ich individél …» Oder so ähnlich. Und unterdrücken, wie sie es im PR-Kürsli gelernt haben, ihre persönliche Freude. So sehr sie sich mit ihren Frisuren und Tattoos auf Individualität trimmen, so sehr ähneln heutige Spitzensportler sich in den Phrasen, die sie absondern: austauschbar und nichtssagend. «Wir nehmen Spiel für Spiel», «Konnte die Leistung nicht abrufen …», «Mir müend füre luege», und so weiter. Wie wohltuend, wenn mal einer nicht die in den Medientrainings vorgestanzten Gehirnwäscheantworten gibt, und sei es nur, dass er die eigene Freude zugibt: «Je suis content pour moi …»

Die Unart zu reden, ohne etwas zu sagen, hat längst auf die Politik übergegriffen. Wie sich nun all die sozialdemokratischen Würdenträger winden, die plötzlich gegen die Erbschaftssteuer-Initiative der eigenen Partei sind! «Eine Umsetzung wäre heikel», lässt der eine vernehmen; ein anderer sagt: «Die Rückwirkung der Initiative und der Eingriff in die Steuerhoheit der Kantone würden uns zu schaffen machen.» Eine dritte richtet aus, von ihr gebe es «keinen Positionsbezug». Diplomatisch. Und unaufrichtig. Denn geradeheraus würde es heissen: «Im Programm meiner Partei steht zwar, wir wollten den Kapitalismus überwinden, aber das ist nostalgischer Habasch, ausserdem erbe ich demnächst ein Hüsli …» Oder aber: «Eigentlich bin ich schon für eine Erbschaftssteuer von 20 Prozent, denn mich bekümmert, dass die Armen immer ärmer und die Reichen reicher werden, aber ich darf das nicht laut sagen, denn ich bange um meine Wiederwahl …»

Die Welt wäre freier, gäbe es mehr Menschen wie Guillaume Hoarau (der übrigens auch tätowiert ist, aber mit dem Konterfei Bob Marleys). Irgendwie mahnt er einen an Sportgrössen vergangener Tage, die blöde Fragen noch entwaffnend blöd zu kontern wussten: «Marie-Theres Nadig, wie isch de Schnee gsy?» Antwort: «Wiiss.»

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli