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24. September 2012

Gerührt, nicht geschüttelt

Bänz Friedli wird öfter umgetauft.
Bänz Friedli wird öfter umgetauft.

Sie, liebe Leserinnen auf dem Land, mögen sich wundern, wofür wir Städter Geld ausgeben, aber ich gestehe: Beinahe täglich besuche ich eine Starbucks-Filiale. Was wiederum jene Leser auf den Plan rufen wird, die es ja schon immer gewusst haben: dass wir Hausfrauen und -männer nichts zu tun und den ganzen Tag Zeit zum Käfelen hätten.

Falsch. Wir sind einfach geübt darin, uns zu organisieren. Und da ich in der Stadt mit der weltweit höchsten Starbucks-Dichte lebe, in Zürich, liegt immer irgendwo eine Filiale am Weg: auf der Heimfahrt von der Optikerin, wenn ich ein neues Passfoto machen lassen oder für Hans den neusten Band seiner geliebten Agentenromanreihe «Top Secret» besorgen muss, und zwar druckfrisch am Erscheinungstag. Nennen Sie es, wie Sie wollen: Ritual, Zwangshandlung, Spleen … Oder wie meine Kinder zu motzen belieben: «Vati, du bisch Starbucks-süchtig!» Mir egal. Ich mag die Atmosphäre und den Kaffee — er gibt mir den Geschmack von Freiheit und Abenteuer, stillt für Augenblicke mein Fernweh. Ich wähne mich dann in, sagen wir mal, Boston, Massachusetts, wo ich in den Public Gardens in die Herbstsonne blinzeln würde.

Bänz. Vier Buchstaben. Sollte machbar sein.

Nur haben die hiesigen Niederlassungen vom amerikanischen Mutterhaus nun leider auch die Angewohnheit übernommen, einen bei der Bestellung nach dem Namen zu fragen und den Pappbecher entsprechend zu beschriften, auf dass man an der Ausgabe das richtige Getränk erwische, in meinem Fall einen Grande Americano mit Platz für Milch, meist «to go». Und ich sage «leider», weil sich das Personal — so freundlich es in der Regel ist — ausserstande zeigt, meinen Vornamen richtig zu schreiben. Bänz. Vier Buchstaben. Sollte machbar sein, nicht? Vergiss es! Sie schreiben «Bernd» oder «Bans». Anfänglich buchstabierte ich noch brav «Bee, Ää, Enn, Zett», betonte gar: «Mit Umlaut!» Aber weil sie es eh nie checkten, begann ich, ein einziges Mal deutlich «Bänz» zu sagen und zu schauen, was rauskam. Ich habe Protokoll geführt: «Bent», «Penz», «Ben’s», «Panz», «Mänz» und, der Gipfel, «Lance». Mir fielen die ersten selbst geschriebenen Einkaufszettel unserer Kinder ein: «Gafe, Iogurd …» Einige Schreibweisen waren so drollig, dass sie blieben; noch heute notieren wir «Grebfri», wenn Grapefruitsaft fehlt. Hans war drei, als Madame Calmy-Rey Bundesrätin wurde, und taufte sie unabsichtlich, aber wenig schmeichelhaft «Gammli-Reh» — sie hiess für uns fortan so. Und Leserin Tanja erzählt, die fünfjährige Lina habe beim Bestäuben des Kuchens «Bude-Zucker» statt Puderzucker verstanden. «Jetz chum i drus! Drum chunnt der Papi immer wiiss hei.» Papa ist Zimmermann und kehrt oft voller Holzstaub von der «Bude» heim — voller «Bude-Zucker».

Was Starbucks betrifft, beschloss ich irgendwann, die Angestellten nicht länger mit meinem Umlaut zu martern. Seither sage ich, wohlweislich falsch: «Benz, wie bei Mercedes-Benz.» Und was kritzelt der Bedienstete im Niederdorf letzten Donnerstag — ich komme von der Coiffeuse — auf meinen Becher? «Bänz». Korrekt!!! Aber seine Kollegin am Schaffhauserplatz, die den Buchstaben offenbar Nummern vorzieht, schlägt anderntags alles. Erst im Tram werde ich gewahr, wie sie mich getauft hat: «007». Dennoch trank ich meinen Kaffee danach nicht geschüttelt, sondern gerührt.

Bänz Friedli live: 28.9. Zürich, «Monolith».

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli