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13. März 2017

Georg Schlunegger hat Heimweh

Mit einer hippen Mischung aus Folklore und Pop hat der Männerchor «Heimweh» die Hitparade gestürmt. Jetzt, auf dem Höhepunkt des Erfolgs, zieht sich Produzent und Frontmann Georg Schlunegger überraschend von der Bühne zurück.

Zwei Seelen wohnen in Georg Schluneggers Brust. Der 36-jährige Berner Oberländer lebt ausgesprochen gern in der Stadt Zürich, vermisst aber seine Eltern und Freunde in Grindelwald BE. Und die Berge. «Ihnen haftet etwas Mystisches, Melancholisches an, das mir hier fehlt», sagt er. «Heimweh» heisst denn auch sein Männerchor: Er besingt das Gefühl der Entwurzelung, die Sehnsucht nach dem Glück, die Freuden und Leiden des Alltags.

Zwei Jahre lang hat der Musikproduzent nach den idealen Sängern für sein Herzensprojekt gesucht. Gefunden hat er sie im Muotatal, im Emmental, im Appenzell: urchige Jodler, tiefe Bass- und hohe Tenorstimmen aus sieben Kantonen. Das jüngste der elf Chormitglieder ist 25, das älteste 55 – sie alle vereint die Nähe zur Volksmusik und zu den Bergen.

Georg Schlunegger und sein Chor
Georg Schlunegger und sein Chor

Besingen starke Gefühle: Georg Schlunegger und sein Chor

Vor dem ersten Auftritt in der Sendung «Donnschtig-Jass» im Schweizer Fernsehen vergangenen Sommer war Georg Schlunegger nervös: Vielleicht interessiert sich ja keiner für diese Musik, dachte er. Doch mit dem Song «Rosmarie» landete der Männerchor einen Überraschungshit. Innerhalb von vier Wochen wurde sein Album 10 000-mal verkauft und mit Goldstatus aus­gezeichnet. Mittlerweile hat sein Debütalbum Platin­status erreicht. Bei den Swiss Music Awards gewann «Heimweh» in den Kategorien «Best Group» und «Best Breaking Act».

Das Urschweizerische entstauben

Volksmusik in der Schweiz sei etwas Konserviertes, das kaum wirklich gelebt werde, sagt Schlunegger. Er wollte das Urschweizerische entstauben, Lieder komponieren, die Volksmusik und Pop verbinden und lebensnah sind. «Rosmarie» etwa erzählt eine unaufgeregte Liebesgeschichte, die mit einem Tanz beginnt und ein Leben lang dauert – wie die Liebe seiner Eltern.

Der Männerchor besingt auch weniger glückliche Beziehungen, zum Beispiel im Lied «Rote Wyy»: «Die ewigi Liäbi hett dä glich nur für äs paar Jahr ... Rote Wyy, än guätä Fründ bisch immer gsi.»

Mit einem nur aus Männern betehenden Chor wollte Schlunegger tiefe Stimmen vereinen, die gut zu nachdenklichen Texten passen. Dazu die sanfte Begleitung durch Akkordeon, Kontrabass, Gitarre und ein reduziertes Drumset.

Seit Abschluss seines Geschichtsstudiums vor sechs Jahren ist Georg Schlunegger Komponist, Produzent und Mitinhaber bei der Musikfirma Hitmill. Vor allem in der Popszene hat er sich einen Namen als Hitproduzent gemacht. Er hat Sängerinnen wie Anna Rossinelli (29) und Francine Jordi (39) oder den Luzerner Sänger Kunz (28) in die Hitparaden katapultiert. Er hat den Eurovision-Song der Heilsarmee, «You and Me», und den Migros-Weihnachtssong geschrieben.

Was es braucht, um einen Hit zu komponieren, kann Georg Schlunegger nicht genau sagen. «Sonst würde ich jeden Tag einen schreiben.» Manchmal hat er eine Melodie im Kopf und sucht nach Worten, die passen. Manchmal spielt er ein paar Akkorde am Klavier, zwei Griffe auf der Gitarre – und merkt augenblicklich: «Das funktioniert.» Schreibt er Lieder für andere Musiker, muss er erst den Menschen kennenlernen, wissen, was ihn beschäftigt, traurig oder fröhlich macht. «Sonst wird es unecht.»

Als Jugendlicher in einer Rockband

Er hält es für Selbstschutz, wenn Künstler auch hierzulande englische Songs vorziehen. «Auf diese Weise müssen sie nicht viel von sich preisgeben.» Ihm persönlich sind Mundartlieder sympathischer. «Sie kommen so direkt und ehrlich rüber.»

Als Jugendlicher spielte Georg Schlunegger in einer Rockband, nun tritt er als Jodler in einer Sennenkutte auf. Für ihn kein Widerspruch: «Ich finde jede Musik spannend und mache gern eingängige Sounds. Stilrichtungen haben mich noch nie interessiert.»

Manchmal sitzt Georg Schlunegger bereits um sechs Uhr früh am Mischpult und tüftelt an Melodien. So kann er abends noch Zeit mit seiner Frau Olivia (34) und der gemeinsamen Tochter Elif (17 Monate) verbringen. Ihr hat er das berührende Lied «Mis Chind» gewidmet («Wänn öppär dini Tränä tröchnä muäss, immer wänn du än Umarmig bruchsch, bin ich da, mis Chind ...»). Abends setzt er sich gern an Elifs Bett und besingt das, was er erlebt hat.

Im Sommer erwartet das Paar sein zweites Kind. Um in Zukunft mehr für die Familie da sein zu können, wird Schlunegger fortan nicht mehr mit dem Chor auf der Bühne stehen, sondern nur noch Songs für ihn schreiben und produzieren – aus «Schluneggers Heimweh» wird «Heimweh».

«Andere singen besser als ich»

Wird ihm die Bühne nicht fehlen? «Nein», sagt Georg Schlunegger. «Meine Stärke ist das Schreiben, ich bin eher der Intellektuelle als der Livemusiker.» Obwohl er die Auftritte bisher sehr genossen habe, fühle es sich richtig an, zum jetzigen Zeitpunkt auszusteigen. «Andere singen besser als ich.» Er sei froh, dass er nicht schon mit 20 Jahren einen solchen Erfolg gefeiert habe: «Damals hätte ich das überbewertet.» Heute wechsle er jeden Tag Windeln und entsorge Abfall – «das schafft Bodenhaftung».

Die Chormitglieder zeigen Verständnis für seine Entscheidung. Stefan Renevey (55), Landwirt und Bassstimme aus dem Aargau, sagt: «Ich bin Grossvater, bei Georg geht es jetzt erst so richtig los. Sein Schritt ist bemerkenswert, besonders heute, wo alle nur ihrer Karriere hinterherrennen. Er ist einfach richtig Mensch.» Auch Markus Stadelmann (34), Radiomoderator, Musiklehrer und Bassstimme aus Glarus, bewundert Georg Schlunegger für seine Grösse, diesen Schritt jetzt zu machen. «Es braucht sehr viel menschliche Qualität, sich nicht vom Erfolg und vom Rampenlicht blenden zu lassen. Es beweist für mich, dass er die Songtexte, die wir singen, nicht einfach nur dahinschreibt, sondern deren Inhalt tatsächlich auch lebt.»

Nun sucht der Chor nach weiteren Mitgliedern. Da die Männer berufstätig sind und fast alle von ihnen eine Familie haben, ist es für sie kaum möglich, jeden Termin wahrzunehmen. «Die Idee, dass nun weitere Stimmen auf der ‹Heimweh›-Bühne ihren Platz finden sollen, gefällt mir», sagt Ricardo Sanz (48), Musiker und Tenorstimme aus Luzern.

Am Samstag tritt «Heimweh» eine Tournee durch die Deutschschweiz an – ohne Georg Schlunegger auf der Bühne. «Nun muss das Publikum halt einfach noch einen Tick lauter klatschen», sagt Markus Stadelmann, «damit Georg es auch hinter der Bühne mitbekommt.» 

Autor: Monica Müller

Fotograf: Joseph Khakshouri