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16. April 2012

Genie oder Problemkind?

Hochbegabte Kinder schreiben nicht zwingend gute Noten und können den Unterricht genauso beeinträchtigen wie schlechte Schüler. Auf ihre speziellen Bedürfnisse sollte deshalb in gleichem Masse Rücksicht genommen werden.

Lesen und verstehen, Basteln oder Kombinatorik
Lesen und verstehen, Basteln oder Kombinatorik: Talente zeigen sich an unterschiedlichen Orten.

Vitus spielt Klavier wie ein bekannter Pianist und liest anspruchsvolle Literatur – bereits im Kindergartenalter. Mit seinem Verhalten überfordert er Eltern, Lehrer und Schulkameraden. Dabei möchte der Junge am liebsten normal sein.
Im 2006 erschienenen Film von Regisseur Fredi M. Murer werden die Spannungsfelder, mit denen sich Hochbegabte und ihr Umfeld konfrontiert sehen, auf eindrucksvolle Weise geschildert. Denn zwischen «Genie» und «Problemkind» liegt oft nur eine Gratwanderung.

Über- oder unterfordert?
Während der Intelligenzquotient des Durchschnitts zwischen 85 und 115 liegt, spricht man in der Regel bei Werten ab 130 von Hochbegabung. Eine solche kommt schätzungsweise bei zwei Prozent der Bevölkerung vor.

Hochbegabte sind allerdings nicht zwingend gute Schüler. Denn Begabung heisst, zu ausserordentlichen Leistungen fähig zu sein. Um diese tatsächlich zu erbringen, müssen Motivation, Inspiration und die Bestätigung durch das Umfeld gegeben sein. Erhalten Kinder mit besonderen Fähigkeiten nie den Raum, sich zu entwickeln, leiden sie selbst und auch ihre soziale Umgebung: Auffälliges Verhalten, Lernschwierigkeiten und Leistungsversagen können die Folge sein. Soziale Probleme treten – entgegen aller Vorurteile – nicht im Zusammenhang mit der überdurchschnittlichen Intelligenz, sondern oft als Folge von Unterforderung auf. Eltern und Pädagogen stehen daher vor einer schwierigen Aufgabe: Wie fördert man Hochbegabte und lässt sie dennoch Kinder sein?

Hochbegabte im Schulunterricht
Die erste Schwierigkeit liegt darin, ein Kind überhaupt als «hochbegabt» zu identifizieren. Weil die öffentlichen Schulen in der Regel auf den Durchschnitt ausgerichtet sind und die Leistungen nicht zuletzt von den Anforderungen abhängen, bleibt manches Talent unerkannt. Zu leichte Aufgaben stehen aussergewöhnlichem Potential genauso im Weg wie der Wunsch, nicht aufzufallen. Schliesslich wird kein Schüler gerne als «Streber» oder «Besserwisser» bezeichnet, und gerade Hochbegabte verfügen oft über ein ausgeprägtes Gerechtigkeits- und Moralbewusstsein.

Langweilt sich das Kind, besteht die Gefahr, dass es den Unterricht stört, um Aufmerksamkeit zu erhalten oder das Interesse gänzlich verliert und seine Leistungen nachlassen (sogenanntes «Underachievement», siehe Box). Eine Abklärung durch den schulpsychologischen Dienst oder eine externe Fachstelle ist sinnvoll, wenn ein Kind wiederholt auffällt – sei es durch:

- Extrem früh selbständig erworbene Fähigkeiten wie Lesen, Rechnen, Sprachen
- Unbändiger Wissensdrang, grosser Wortschatz
- bemerkenswerte Informationsverarbeitung und/oder Merkfähigkeit
- Erkennen von Zusammenhängen, komplexen Mustern, Prinzipien
- Viele Fehler bei leichten, wenig Fehler bei schwierigen Aufgaben
- Gedanken über ernste Themen (Sinn des Lebens o.ä.)
- ungewöhnliche, kritische Fragen
- grosses Allgemeinwissen oder Wissen in einem Interessensgebiet
- Streben nach Selbstbestimmung und wenig Interesse an Gleichaltrigen
- Wiederholte Aussagen wie «Schule ist einfach/langweilig»

Motivation und Leidenschaft
Sitzt ein überdurchschnittlich intelligenter Schüler in der Klasse, ist dies für die Lehrperson eine echte Herausforderung. Einerseits gilt es, die schwächeren Schüler nicht zu überfordern, andererseits darf auch der Hochbegabte nicht vernachlässigt werden. Solche Kinder fallen nicht zwingend mit einem enormen Wissen auf, sondern haben die Gabe, Verbindungen zwischen verschiedenen Themenbereichen herzustellen. Sie bevorzugen knifflige Denkaufgaben, forschen und kombinieren lieber, als zu repetieren und auswendig zu lernen.
Sind die Möglichkeiten im regulären Unterricht ausgeschöpft, empfiehlt es sich, dem Hochbegabten ausserhalb der Schule «geistige Nahrung» zu bieten – sei es in einem Förderprogramm, mit Hilfe eines Mentors oder einer Stiftung. Unbedingt berücksichtigt werden sollten die besonderen Interessensgebiete des Kindes. Denn viele weisen überdurchschnittliches Potential in einem oder mehreren bestimmten Bereichen auf. Und der Erfolg hängt letztendlich auch bei Hochbegabten von Motivation und Leidenschaft ab. Im Falle von Vitus war und ist dies die Musik: Hauptdarsteller Teo Gheorghiu ist ein Ausnahmetalent und bereits heute – mit 20 Jahren – ein gefeierter Pianist.

Vitus – der Film zum Thema: www.vitus-film.com

Autor: Nicole Demarmels

Fotograf: Xavier Voirol