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05. Mai 2014

Gemütlich von Lugano nach Pugerna

Wie gestaltet man einen Ausflug stressfrei und genussvoll? Ganz einfach: Man verteilt eine zweistündige Rundreise auf zwei Tage. Bei der gemütlichen Tour von Lugano nach Pugerna und ins italienische Campione geht der Puls höchstens beim Glücksspiel im Casino hoch. Lesen Sie zudem rechts den Artikel zu weiteren grenzüberschreitenden Wanderungen.

Ein Mal Italien und zurück: Ab Lugano gehts mit dem Schiff nach San Rocco, von dort zu Fuss zum Hotel Panorama und am nächsten Tag weiter in die italienische Exklave Campione.
Ein Mal Italien und zurück: Ab Lugano gehts mit dem Schiff nach San Rocco, von dort zu Fuss zum Hotel Panorama und am nächsten Tag weiter in die italienische Exklave Campione.

Die Roulettescheibe dreht – in entgegengesetzter Richtung rotiert die Kugel im Kessel. Die Augen starren gebannt. Fünf Franken sind auf die erste Kolonne gesetzt – also die Zahlen 1, 4, 7, 10, … bis 34. Die Kugel wird langsamer, rollt hinunter zu den sich drehenden Nummernfächern …

Nicht zu viel aufwärts, nicht zu viel abwärts, nicht zu weit, aber doch abwechslungsreich soll es sein. Unter diesem Motto steht der Ausflug von Lina (77), Hans (78) und mir (45), der uns von Lugano über den See nach Pugerna, zu Fuss nach Campione und per Boot wieder zurück nach Lugano bringen wird. In zwei Stunden wäre das machbar, wir haben zwei Tage geplant, werden also ganz bewusst die Langsamkeit zelebrieren. Das hat schon mal einen grossen Vorteil: kein Frühaufstehen, um von der Deutschschweiz anzureisen. Und gemächlich geht es nach unserer Ankunft in Lugano auch weiter: In der Kirche Santa Maria degli Angioli setzen wir uns auf eine der Holzbänke und betrachten in Ruhe das gemäss Schweiz Tourismus «berühmteste Renaissancefresko des Landes». Bernardino Luini hat es 1529 geschaffen, und es zeigt die Leidensgeschichte und Kreuzigung von Jesus.

Spielfieber im Casino in Campione: Beim Roulette folgt auf die Euphorie der Katzenjammer.
Spielfieber im Casino in Campione: Beim Roulette folgt auf die Euphorie der Katzenjammer.

Gleich vis-à-vis der Kirche steigen wir darauf in ein Taxiboot, das uns in gut fünf Minuten über den Luganersee zur Anlegestelle in San Rocco bringt. Von hier führt uns der Weg stetig nach oben, durch das Dörfchen Caprino, vorbei an vielen Palmen, über Treppen, ein Bächlein, und nach 40 Minuten erreichen wir bereits unser heutiges Ziel – das Hotel Panorama. «Grüezi mitenand» begrüsst uns Hotelier Benno Schuler. Der ausgesprochen jugendlich wirkende 58­Jährige hat das Hotel zusammen mit seiner Frau vor 34 Jahren gekauft. Die Abgeschiedenheit hier hätte sie begeistert, aber auch geschreckt, erzählt er. «Wir fragten uns, ob wir allenfalls für immer die Letzten gewesen sind, die den Weg hierhin gefunden hatten.» Trotzdem gingen sie das Wagnis ein. Zwar ist das Haus derweil in die Jahre gekommen, und der Plastikwindschutz der Terrasse schmälert deren romantische Atmosphäre ein wenig. Gastfreundschaft sowie Gastronomie stimmen dafür, und der Ausblick wird dem Hotelnamen mehr als gerecht: Das Panorama reicht vom San Salvatore über Lugano bis zum Monte Brè und die schneebedeckten Tessiner Gipfel im Hintergrund. An einem lauen Sommerabend übersitzt man hier schnell einmal, angesichts des herrlichen Blicks über die dunkle Seefläche hinüber zu den funkelnden Lichtern Luganos.

Zwei-, dreimal springt die Kugel noch, dann bleibt sie im Fach der Zahl 7 liegen. Ja, diese gehört zur ersten Kolonne. Gewinn! Aus 5 Franken mach 15, hahaaa, Jubel, Schulterklopfen … und verständnislose Blicke von gegenüber.

Gut ausgeschlafen starten wir am nächsten Morgen zum Spaziergang nach Campione, der im Seniorentempo rund eine Stunde dauert. Kurz führt der Weg über das enge Fahrsträsschen nach oben, am Weiler Pugerna vorbei und zweigt dann auf einen Feldweg ab. Von nun an geht es nur noch abwärts. Links passieren wir einen steilen Rebberg, wo die Merlottrauben für den feinen Wein wachsen, den wir gestern Abend zu Saltimbocca und Risotto genossen haben. Weiter verläuft der Weg nun auf einem schmalen holprigen Pfad. Etwas im Dickicht verborgen finden wir eine Eisentafel mit der Aufschrift Svizzera auf der einen und Italia auf der anderen Seite.

Nun befinden wir uns also in Campione, einer italienischen Exklave (oder aus Schweizer Sicht Enklave) mit etwas mehr als 2000 Einwohnern. Das Gebiet ist vollständig vom Kanton Tessin umgeben und hat deshalb auch einen engen Bezug zur Schweiz: Bezahlt wird in Franken, und die Telefonvorwahl ist diejenige des Tessins, genauso wie die Autokennzeichen. Die Entstehung dieser Enklave geht zurück auf das Jahr 777, als der damalige Herrscher Toto von Campione diese Region testamentarisch einem Mailänder Kloster vermachte. Napoleon schlug 1797 Campione der Cisalpinischen Republik zu, die später im italienischen Königreich aufging.

Wir gehen auf volles Risiko …

Unser Wanderweg führt jetzt unterhalb steiler Felswände durch den dicht mit Lianen behangenen Wald. Bald ist Campiones Casino durch das Blätterwerk ersichtlich. Für Glücksspiele müsste man zwar seit dem liberalisierten Spielbankengesetz von 2000 nicht mehr ins Ausland, doch wenn wir schon mal hier sind, wollen wir uns das nicht entgehen lassen – Zeit haben wir ja zur Genüge. Deshalb gönnen wir uns vorgängig noch eine ausgedehnte Pause in einem Café unten an der Hafenmole. Doch dann wagen wir den Schritt in das vom Schweizer Architekten Mario Botta entworfene, riesige Gebäudeungetüm, dessen Realisierung gut 80 Millionen Franken gekostet hat: das Casino Campione d’Italia.

Obwohl erst kurz nach Mittag, hat es hier schon reichlich Leute – vorwiegend Senioren. In den fensterlosen Räumen sitzen sie alleine vor den aufgeregt flackernden und laut tönenden Spielautomaten, drücken Knöpfe, warten, drücken erneut Knöpfe – teilnahmslos, ob jemand gewonnen oder verloren hat, ist nicht ersichtlich. Kein Wunder, fallen wir negativ auf. Nach unserem Gewinn mit der Nummer 7 sind wir euphorisch, glauben an unser Glück, das uns aber nicht immer hold ist. Mal liegen wir bei einem Gewinn von 42 Franken, dann bei einem Verlust von 17 Franken. Die Zeit vergeht wie im Flug, und schon bald wird uns das Taxiboot hier in Campione abholen kommen. Also spielen wir noch ein letztes Mal – gehen auf volles Risiko, setzen unsere letzten vier Franken auf die Nummer 16. Entweder verlassen wir das Casino mit 144 Franken oder mit nichts.

Die Kugel rollt. Wir halten den Atem an. Nichts geht mehr … Die Kugel – sie geht nach unten, springt noch einmal, landet in der 27. Aaaaaah, neeeeein, lautes Wehklagen … und böse Blicke von gegenüber.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Olaf Hajek