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20. März 2017

Gemeinsam Zugvögel zählen und schützen

Mit dem Frühling kehren die Zugvögel aus Afrika zurück. BirdLife Schweiz fordert die Bevölkerung auf, den Himmel zu beobachten und Sichtungen von fünf Vogelarten online zu melden. Diese Daten zeigen die Folgen des Klimawandels.

Weissstörche
Weissstörche sind eigentlich Zugvögel, überwintern inzwischen aber mehr und mehr auch in der Schweiz. (Bild: Michael Gerber/zVg)

Zugvögel leisten Erstaunliches: Jedes Jahr fliegen sie Tausende von Kilometern von Europa nach Afrika und wieder zurück. Ein 21 Jahre alter Mauersegler hat in seinem Leben Distanzen überwunden, als wäre er fünfmal zum Mond und wieder zurück geflogen.

Doch viele Zugvögel gelten als gefährdet, weil ihre Lebensräume bedroht sind – im europäischen Brutgebiet ebenso wie an den Überwinterungsorten in Afrika. «Spring Alive» von BirdLife Schweiz verfolgt deshalb gleich zwei Ziele: Einerseits will sie die Bevölkerung mobilisieren, um möglichst umfassende Daten über die Zugvögel zu erhalten. Andererseits sollen die Menschen damit auch für den Vogel- und den Umweltschutz sensibilisiert werden.

Das Beobachtungsprojekt begann schon 1987 in Deutschland, inzwischen beteiligen sich 50 europäische und afrikanische Länder an der Aktion. Fünf Vogelarten stehen im Fokus: Weissstorch, Rauchschwalbe, Kuckuck, Mauersegler und Bienenfresser. Die ersten Störche und Schwalben sind in der Schweiz bereits gesichtet worden, im April werden Kuckuck und Mauersegler erwartet. Der in der Schweiz äusserst seltene Bienenfresser taucht wenn überhaupt erst im Mai auf.

Jedes Jahr machen Zehntausende Kinder und Erwachsene mit und melden mehrere Hunderttausend Sichtungen. Diese können ganz einfach auf der Website von «Spring Alive» registriert werden, wo sich schon jetzt viele interessante Daten und Informationen finden lassen. 

«Bepflanzen Sie den Garten möglichst vielfältig und mit einheimischen Gewächsen»

Eva Inderwildi (41) ist Biologin und Koordinatorin von Spring Alive bei BirdLife Schweiz
Eva Inderwildi (41) ist Biologin und Koordinatorin von Spring Alive bei BirdLife Schweiz.

Eva Inderwildi (41) ist Biologin und Koordinatorin von Spring Alive bei BirdLife Schweiz.

Ihr Projekt versucht, die Bevölkerung für die Forschung zu mobilisieren. Wie gut klappt das?

International sehr gut, es machen jedes Jahr mehr Leute mit. 2016 haben 115 000 Kinder und Erwachsene aus Europa und Afrika teilgenommen.

Wie fleissig sind die Schweizerinnen und Schweizer dabei?

Hier gibt es seit Jahren konstant 100 bis 200 Beobachtungen pro Frühling, darunter auch einige von Schulklassen. Momentan läuft es gut, es wurden bereits 53 Vögel gemeldet, vor ­allem Störche und ein paar Schwalben. Den einen gemeldeten Bienenfresser zweifle ich allerdings an: Diese Vögel sind in der Schweiz sehr selten, und andere Beobachtungsplattformen haben noch keine gesichtet.

Das heisst, die Leute irren sich auch. Wie wirkt sich das auf die Zuverlässigkeit der Daten aus?

Richtig, die Beobachtungen stammen oft von Laien. Und mit den Schweizer Daten allein bekämen wir kein aussagekräftiges Bild. Aber in ganz Europa registrierten wir im letzten Jahr 78 000 Beobachtungen, so lassen sich Ausreisser in der Regel herausfiltern.

Wie repräsentativ ist dieses System? Kann man daraus Schlüsse ziehen über die Zahl der Zugvögel und deren Zustand?

Nein, das wird mit anderen Zählungen ermitteln. Ziel unseres Projekts ist es herauszufinden, wann die Vögel wo ankommen und daraus Veränderungen beim Vogelzug abzuleiten. Die Frage ist vor allem, ob und wie sich der Klimawandel bemerkbar macht.

Und wie sieht das aus?

Trends muss man über einen langen Zeitraum anschauen, von daher gibt es noch keine abschliessende Erkenntnis – aber schon einige auffäl­lige Beobachtungen. Weissstörche zum Beispiel überwintern häufiger in der Schweiz, fliegen weniger weit in den Süden oder kommen früher zurück. Das hat mit dem sich erwärmenden Klima zu tun, was die Nahrungssuche im Winter in der Schweiz einfacher macht. Die Mauersegler dagegen kommen und gehen noch immer zur gleichen Zeit – bei ihnen scheint die genetische Komponente, ihre innere Uhr, wichtiger zu sein.

Warum werden gerade diese fünf Vogelarten beobachtet?

Weil es Langstreckenflieger sind, die eigentlich immer wegziehen und bis weit in den Süden fliegen. Beim Storch scheint sich das nun allerdings zu ändern, jedenfalls in der Schweiz.

Insektenfresser sind stärker unter Druck als Körnerfresser, weil die Insekten bei uns stark zurückgegangen sind.

Und wie geht es den Zugvögeln?

Bei rund 40 Prozent haben die Bestände abgenommen. Dabei sind Insektenfresser stärker unter Druck als Körnerfresser, weil die Insekten bei uns stark zurückgegangen sind, dies wegen des Einsatzes von Pestiziden und der Veränderungen der Lebensräume durch den Menschen. Deshalb geht es auch Waldvogelarten besser als den Arten, die im Landwirtschaftsbereich leben. Es gibt auch Zugvogelarten, die zunehmen, etwa die Mönchsgrasmücke und der Zilpzalp, die wegen der milderen Winter nicht mehr oder weniger weit ziehen. Aber es gibt mehr Verlierer als Gewinner.

Was kann der Einzelne tun, um zu helfen?

Garten oder Balkone vielfältig mit einheimischen Bäumen, Sträuchern und Blumen bepflanzen. Generell respektvoll mit der Natur umgehen, beim Konsum auf naturschonende Bioprodukte fokussieren, sich in der Natur an die offiziellen Wege halten, um Störungen der Tiere zu vermeiden.

Das Projekt wird ja gemeinsam mit afrikanischen Ländern durchgeführt – wie leicht oder schwierig ist die Zusammenarbeit?

Das läuft ganz gut. Und in Afrika konnte mit «Spring Alive» für Naturschutz sensibilisiert werden, da entwickelten sich Gruppen und Strukturen, die es vorher nicht gab. Es entstanden dadurch auch spannende Kontakte zwischen Schulklassen in Afrika und Europa.

Autor: Ralf Kaminski