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16. März 2015

Gemeinsam stillen

Müttersolidarität beim Stillen
Müttersolidarität beim Stillen: Eine Hilfskette für wertvolle Tipps und gegen frühes Aufgeben. (Bild Getty Images)

Nach vier Wochen packte Andrea ihre Brüste ein und die Schoppenflaschen aus. Dieser Zirkus mit dem Ansetzen, das nimmersatte Baby, die Risse in den Brustwarzen – nichts war so, wie es in den netten Büchern stand, die sie zur Vorbereitung auf das Stillen gelesen hatte. Am Schluss reichte ein unbedachter Kommentar der Kinderärztin («Ihr Baby hat noch nicht sehr viel zugenommen.»). Ende der Stillzeit.

«Was für eine Erleichterung!», sagte sie. Was für eine Niederlage, dachte sie. Beides stimmt irgendwie. Fangen wir mit der Erleichterung an: Mütter, die schöppeln, wissen genau, wie viel ihr Kind getrunken hat. Die Sorge, das Kleine könnte hungern, fällt weg. Selbstverständlich erübrigen sich nach dem Abstillen auch die vielen doofen Kommentare selbst ernannter Stillexperten («Was? Schon wieder? Du hast ihm doch eben erst die Brust gegeben»). Ein letzter willkommener Nebeneffekt: Wenn das Baby einen leeren Bauch hat, darf neu auch der Papi ran. Von daher: Alles gut.

Nun zur anderen Seite: Ich empfinde es tatsächlich als Niederlage, wenn eine frischgebackene Mutter nach kurzer Zeit am Stillen verzweifelt. Verstehen Sie mich nicht falsch: Die Frau, die am Ende ihrer Kräfte das Richtige tut, indem sie diese grosse Last abstreift, trifft keine Schuld. Aber wir erfahrenen Stillerinnen im Umfeld dieser Mami, wir hätten helfen können. Wo waren wir, als die Anfängerin verzweifelt versuchte, alles richtig zu machen? Wo waren wir, als sie das Gefühl hatte, kolossal zu versagen?

Stillen ist eine Kulturtechnik, die wir Frauen erst erlernen müssen. Es läuft bei uns nicht wie bei den Tieren auf dem Bauernhof, die sich dabei ganz auf ihre Instinkte verlassen können. Ein Baby mit der Brust zu ernähren, ist harte Arbeit. Wir müssen gemeinsam mit dem Kleinen trainieren, müssen Erfahrungen sammeln und selbst erleben, dass es funktioniert. Das Wichtigste: Wir Mamis brauchen «Busenfreundinnen», also stillerfahrene Mütter, in unserem Umfeld, die uns von ihren Erlebnissen erzählen, die uns die Angst nehmen und Mut machen, das Stillen nicht vorzeitig aufzugeben. Diese Busenfreundinnen müssen leicht erreichbar sein und sollten auch dann zur Stelle sein, wenn die Stillberaterin Feierabend hat und die Hebamme in den Ferien ist. Ich glaube, das Ganze könnte wie eine Hilfskette funktionieren: Die eine lehrt die andere das Stillen – und diese gibt ihr Wissen dann beim nächsten Mal an eine dritte Frau weiter.

Ich bin überzeugt: Wenn unsere Gesellschaft wieder mehr auf diese Form der Frauensolidarität setzen würde, würde auch die Stillrate ansteigen. Und es gäbe mehr Mamis, die diese besondere Zeit geniessen würden, statt sie zu verfluchen. Das geht bei der ganzen Geschichte nämlich vergessen: Stillen ist, wenn es sich eingespielt hat, eine ganz wunderbare, stressarme Angelegenheit, eine geniale Erfindung von Mutter Natur.
BUCHTIPP: Neuland. Ein Sachcomic zum Thema Stillen und Wochenbett, gezeichnet von der Zürcher Illustratorin Kati Rickenbach im Auftrag der Schweizerischen Stiftung zur Förderung des Stillens. Careum Verlag 2015. Mit einem Vorwort von Kolumnistin Bettina Leinenbach. In deutscher und französischer Sprache. CHF 31.- (erscheint am 20. März)
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Autor: Bettina Leinenbach