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30. Mai 2016

Geld ist Zeit

Zutaten rüsten
Zutaten rüsten und dazu Radio hören ...

Der Satz liess mich aufhorchen. «Arbeit isch dr Sinn vom Läbe», sagte ein Pensionierter am Radio. Ich war gerade damit beschäftigt, Süsskartoffeln zu schälen – was ich durchaus gern mache, denn beim Zubereiten eines Gerichts kann man wunderbar «schnouse», und ich mag Süsskartoffeln fürs Leben gern. Die Reporterin hatte einen Stammtisch irgendwo im Bernbiet besucht, an dem die eigentlichen Stammtischler, ältere Herren allesamt, die ihr Berufsleben hinter sich haben, mit den jungen Initianten für ein bedingungsloses Grundeinkommen debattierten.
Nein, nein, befand nun einer der Alten, jeder müsse sein Geld selber verdienen, weil: «Arbeit isch dr Sinn vom Läbe.»

Bänz Friedli (51) hört in der Küche Radio
Bänz Friedli (51) hört in der Küche Radio.

Für die meisten mag das zutreffen, heute. Aber es war nicht immer so. Das mittelhochdeutsche «Arebeit» bedeutet: Mühsal, Plage, Leid; das französische «travail» ursprünglich sogar Folter. Von wegen Sinn des Lebens! Dass die Menschen sich einzig über ihren Job definieren und an Partys die Frage, wie es ihnen gehe, stets berufsbezogen beantworten, ist eine neuzeitliche Erscheinung: «Ich hab in der Bude grad eine total spannende Projektleitung übernommen, e riise ‹Tschällensch› für mich.» Ich habe mir angewöhnt, dann jeweils nachzuhaken: «Nein, ich meinte, wie es dir wirklich geht …» Oft kommt dann nicht mehr viel.

Vielleicht war Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, der Erfinder der Berufsversessenheit. «Zeit ist Geld», schrieb er 1748 in seinem Buch «Ratschläge für junge Kaufleute». Der Spruch ist heute jedem Kind geläufig. Nur: Warum drehen wir ihn eigentlich nie um? «Geld ist Zeit» würde ja bedeuten, dass wir die Wahl haben. Die Wahl, das Geld, das wir ohnehin nur in die nächste Entspannungsmassage stecken, gar nicht erst zu verdienen. Gibt nur wieder Stress, am Feierabend in die Massage zu seckeln.
Manche jungen Leute durchbrechen diesen Zyklus bewusst. «Downshifting» heisst ihr Motto, sie arbeiten nur so viel, wie zum Leben nötig ist. In der gewonnenen Zeit liegen sie nicht auf der faulen Haut, sondern kümmern sich um wirklich Wichtiges: um die Kinder, um Altenpflege, um Freunde, Reisen, die Umwelt.

Inzwischen bin ich beim Rüsten der Rüebli angelangt und weiss gar nicht recht, ob das nun gearbeitet ist. Es gibt ja kein Geld dafür. Am nächsten Tag liegt eine Postkarte in meinem Briefkasten: «Wer Gemüse rüstet, lebt sinnvoll.» Einverstanden. 

Neues Programm: Bänz Friedli zeigt am 11. Juni erstmals sein neues Kabarettprogramm «Ke Witz! Bänz Friedli gewinnt Zeit».
Tickets für die Premiere am Zürcher Schauspielhaus Pfauen sind erhältlich über www.schauspielhaus.ch

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli