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12. Dezember 2016

Gelbe Karte für die Chefs

Die meisten Beschäftigten in der Schweiz können sich mit ihrer Arbeit identifizieren. Sie bemängeln aber die hohe Arbeitsbelastung. Auch die fehlenden Entwicklungsmöglichkeiten werden im «Barometer Gute Arbeit» kritisiert – das muss den Vorgesetzten zu denken geben, sagt die Arbeitspsychologin Gudela Grote.

Gudela Grote über den Barometer Gute Arbeit
Gudela Grote über den Barometer Gute Arbeit

Arbeiten trotz Krankheit, Stress, fehlender Pausen und wenigen Entwicklungsmöglichkeiten: Arbeitnehmende in der Schweiz empfinden viele Bereiche ihres Jobs als verbesserungswürdig. Dies zeigt der «Barometer Gute Arbeit» , der vom Arbeitnehmerverband Travail.Suisse und der Berner Fachhochschule herausgegeben wird. Befragt wurden 1400 Arbeitnehmende in der Schweiz.

Der Grundtenor ist jedoch positiv: Die meisten Arbeitnehmenden sehen in ihrer Tätigkeit etwas Sinnvolles und können sich mit ihr identifizieren. Zudem erleben sie grosse Wertschätzung. Ein zentrales Problem gibt es jedoch: Im landesweiten Schnittsorgen sich 13 Prozent der Befragten in hohem oder sehrhohem Mass um ihren Arbeitsplatz – im Tessin sind es gar rund ein Fünftel und in der Genferseeregion über ein Viertel.

Gemessen wurden die Bewertungen in den Bereichen Motivation, Sicherheit und Gesundheit auf einer Skala von 1 bis 100. Mit 42 und 45 Punkten wurden die Kriterien Stress und psychische Belastung stark negativ bewertet. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fiel mit 75 Punkten hingegen erstaunlich gut aus. Allerdings ging die Zufriedenheit über das Einkommen im Verhältnis zu den erbrachten Leistungen gegenüber 2015 zurück.

Insgesamt beurteilt die Altersgruppe der über 45-Jährigen die Qualität der Arbeitsbedingungen in allen Bereichen positiver als ihre jüngeren Kollegen.

«Auf vielen lastet sogar in der Freizeit ein Leistungsdruck»

Gudela Grote*, bewirken solche Umfragen überhaupt etwas?

Wenn sich Dinge aus Sicht der Beschäftigten verschlechtern, ist das eine wichtige Botschaft an die Arbeitgebenden. Auch für politische Entscheidungsträger sind solche repräsentativen Daten relevant. Nötige Massnahmen, zum Beispiel mehr Weiterbildungen zur Förderung der Arbeitsmarktfähigkeit, werden jedoch häufig nur langsam umgesetzt. Und sie greifen nicht wie gewünscht.

Woran liegt das?

Es gibt zwar eine reichhaltige Auswahl an Weiterbildungen und Zer- tifikaten, doch Arbeitnehmende werden dabei wenig unterstützt, um herauszufinden, was für sie wirklich nützlich und sinnvoll ist. Sie wollen ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt steigern oder erhalten, doch die Unsicherheit ist gross, wie sich der eigene Beruf entwickelt.

Die Angst vor dem Jobverlust ist weitverbreitet – das zeigt auch das aktuelle Credit-Suisse-Sorgenbarometer. Die Arbeitslosenquote bleibt jedoch tief. Ist die Angst begründet?

Für Menschen in der Schweiz hat die Arbeit eine zentrale Bedeutung. Sie ist für eine Mehrheit eng mit dem eigenen Selbstverständnis verknüpft. Man hat hier also wirklich etwas zu verlieren.

Sorgen bereitet unter anderem die Arbeitsbelastung. Was kann man als Arbeitnehmer dagegen tun?

Die ständige Erreichbarkeit erzeugt das Gefühl, dass die Arbeit gar nicht mehr aufhört. Es ist wichtig, im Unternehmen diesbezüglich konkrete Abmachungen zu treffen. Auf vielen lastet aber sogar in der Freizeit ein Leistungsdruck: Man muss auf den Sozialen Medien ständig zeigen, was man alles Tolles erlebt hat. Erholung und Musse passen nicht ins Bild.

Die Zufriedenheit mit dem Lohn ist gegenüber 2015 gesunken. Wie erklären Sie sich das?

Da es keine Inflation gibt und viele Unternehmen wenig zusätzlich zu verteilen haben, sind die Löhne nun schon über Jahre gleich geblieben. Im Kontrast dazu sind Boni und Managerlöhne in den Medien ein häufiges Thema. Das lenkt das Augenmerk auf den eigenen, stagnierenden Lohn.

Ältere Menschen haben die Arbeitsbedingungen besser bewertet als Junge. Sind Letztere zu verwöhnt?

Die Lebenszufriedenheit ist bei ­älteren Personen generell höher – ­dahinter stecken Lebenserfahrung sowie ein besserer Umgang mit Erwartungen, Enttäuschungen und den eigenen Möglichkeiten. Ältere Arbeitnehmende sind oft auch einfach dankbarer, noch eine Stelle zu haben.

Jahresabschlüsse, Betriebsfeiern, Mitarbeitergespräche: In der Weihnachtszeit sind viele besonders gestresst. Was empfehlen Sie?

Ich finde, es muss nicht immer alles vor Weihnachten passieren. Bei einem Essen im Januarloch hat man viel mehr Zeit und Ruhe für das Zusammensein. Auch die vielen ­geschäftlichen Weihnachtskarten, die man schreiben oder unterschreiben muss, kann man hinterfragen. Die sind ja eh meistens vorgedruckt und wenig persönlich. Die Mitarbeitergespräche Ende Jahr machen zusätzlichen Druck. Viele Unternehmen richten sich nach dem Jahresverlauf. Doch müssen denn beispielsweise die Löhne zwingend im Januar angepasst werden? Könnte sich der Lohn nicht auch am 1. März ändern? Eine zeitliche Verteilung würde mehr Ruhe und Sorgfalt bei der Vorbereitung und Durchführung dieser wichtigen Gespräche ermöglichen.

Was machen Sie, um in Ihrem Job glücklich zu sein?

Ich überlege mir, was meine Erwartungen sind, was andere von mir erwarten und wie ich das in Einklang bringe. Und ich hinterfrage die beidseitigen Erwartungen regelmässig.

*Gudela Grote (56), Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der ETH Zürich

Autor: Anne-Sophie Keller