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23. Januar 2017

Geklebte Liebe

Young Boys-Sticker am Laternenpfahl
YB-Fan Bänz Friedli markiert gern auch mal am Laternenpfahl.

Unübersehbar, das Abziehbildchen in grellem Gelb, auf dem in schwarzer Schnörkelschrift geschrieben steht: «Aus chlyne Goof z erscht Mau i ds Wankdorf ggange …». Es klebt am Laternenpfahl vor unserer Haustür am Rand von Zürich, und zwar in einer Höhe, die für Kinder ausser Reichweite liegt. Wer den Sticker dort oben angebracht hat, ist ohnehin allen in der Nachbarschaft klar – sie wissen um meinen YB-Spleen, und es dürfte keinen Zweiten im Quartier geben, auf den das überhaupt zutrifft: dass er schon als Bub ins damalige Berner Wankdorf-Stadion ging.

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51) denkt trotz Schnee an Fussball.

1977 wars, ich war in eine Sue verknallt. Deren Vater nahm mich an meinen ersten Fussballmatch mit, YB gegen Servette. Die Young Boys verloren 1:3, aber um mich wars geschehen. Die Sue habe ich dann nicht gekriegt, dafür erwischte mich auf der alten Wankdorf-Tribüne die Liebe fürs Leben. Fortan hatte ich diese kindliche Zuneigung zu einem Fussballklub, die – ist man mal erwachsen – nur noch kindisch und dennoch irgendwie nicht wegzukriegen ist. Man mag sich noch so grämen darüber, dass der Fussball gerade zu Tode kommerzialisiert wird, sich noch so ärgern über ein Business, in dem täto­wierte Bubis von zwielichtigen Geldgebern ins Unermessliche gehätschelt werden … Wenn diesem Hoarau ein Goal gelingt, bin ich wieder der Bub von damals.

Als Goof zum ersten Mal im Wankdorf, stimmt. Und der eine Kleber vor dem Haus ginge ja noch. Aber Siedlung und Quartier sind vollgekleistert mit Bekenntnissen in Gelb-Schwarz, es hat weit mehr YB-Sticker als solche der örtlichen Vereine GC und FCZ. An der Tramhaltestelle, beim öffentlichen Pissoir, auf Plakatflächen, an jedem Strassenschild: «YB forever!», «Irgendeinisch fingt ds Glück eim» und andere Bekundungen mehr, stets in den Farben der Berner Young Boys gehalten. Und jeder weiss: Der Friedli wars, dieser Kindskopf!

Das finden Sie bescheuert, nicht? Dieses ewige Markieren, als gälte es, ein Revier abzustecken … Nur Tiere tun so was. Und Männer. Und wissen Sie, was? Auch ich finde es albern, überall Fankleber anzubringen. Aber als Monika vorgestern auf den Sticker am Mast wies und freundlich, aber bestimmt meinte: «Du, Bä-änz, bist du für so was nicht langsam zu alt?» Da mochte ich ihn dann doch nicht verpfeifen, den Jüngling aus der Nachbarstrasse, der in Bern zur Welt kam und den es durch widrige familiäre Umstände nach Zürich verschlagen hat. Er ist nämlich derjenige, der all die Kleber platziert. Doch ich raunte zu Monika nur etwas à la: «Für so was ist man doch nie zu alt» und wünschte ihr noch einen schönen Tag. 

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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli