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31. März 2014

Geistesblitze made in Switzerland

Vier Männer und ihre Erfindungen.

Myke Näf neben einem Computer und dem Doodle Logo.
Myke Näf erlebte mit Doodle die intensivste Zeit seines Lebens. Jetzt stehen neue Projekte an.

Myke Näf (40), 
Erfinder des Online-Terminplaners Doodle

Rund um den Erdball wird das Terminfindungsprogramm Doodle eingesetzt. Viele denken, es komme aus den USA. Erfunden hat es jedoch ein Zürcher. Eine Idee habe man noch schnell einmal, sagt Myke Näf (40), Erfinder von Doodle, dem Internet-basierten Termindienst aus Zürich. «Aber interessiert sich auch jemand anders dafür?»

Bei Doodle – der Name bedeutet auf Deutsch Gekritzel – war die Frage rasch beantwortet. Myke Näfs Terminfindungs-Programm, das er im Herbst 2003 ursprünglich für den Privatgebrauch entwickelt hatte, verbreitete sich fast von allein. Nachdem es erst einmal im Internet zur Verfügung stand, gab es immer mehr begeisterte Nutzer, bis Näf 2007 seinen damaligen Job als ETH-Dozent quittierte und mit einem Bürokollegen eine eigene Firma gründete.

Heute hat die Erfindung des Informatik-Ingenieurs weltweit 20 Millionen User monatlich und funktioniert in zehn Sprachen. Im Laufe des Jahres 2014 wird die Tamedia AG die Mehrheit an Doodle übernehmen. Schon jetzt sind die Büros im neuen Tamedia-Hauptquartier am Zürcher Stauffacher untergebracht. Myke Näf zieht sich schrittweise zurück. «Alle Projekte enden einmal», sagt er

Was als Nächstes kommt, weiss er noch nicht. Er lasse sich nach der Übergabe von Doodle bewusst Zeit, um zu sehen, wo eine neue Leidenschaft entsteht. Myke Näf ist ebenso sehr gewandter Unternehmer wie erfolgreicher Entwickler. Einen zweiten Wurf im Stil von Doodle schliesst er grundsätzlich nicht aus: «Ich wäre sicher nicht der erste Mensch auf Erden mit mehr als einer guten Idee», meint er augenzwinkernd.

Schon seit einiger Zeit ist er engagiert in einem Investorennetzwerk, das Internet-basierte Projekte von Jungunternehmern stützt. Gerade in der Schweiz finde man hervorragende Köpfe im Informatik-Business, sagt Näf. «Viele Leute denken, Doodle stamme aus Kalifornien und in Zürich sei bloss die Filiale. Man sollte die Schweiz an den Punkt bringen, wo es als selbstverständlich angesehen wird, dass Dienste wie Doodle hier entstanden sind.»

Um als Unternehmer mit einer Erfindung Erfolg zu haben, meint er, brauche es dreierlei: Erstens Durchhaltewillen, zweitens eine gute Fehlerkultur, um ständig zu lernen, und drittens – schwierig für Schweizer – eine gewisse Risikobereitschaft. Denn: «Selbst wenn die Firma Bankrott macht, die Erfahrung ist auf jeden Fall persönlich bereichernd. Ich hatte nie in meinem Leben eine so intensive Lernzeit wie mit Doodle.»

www.doodle.com

Andreas Essig im Labor mit einer Schale in der Hand.
Andreas Essig wird noch viel Zeit im Labor verbringen, bis sein Antibiotikum auf den Markt kommt.

Andreas Essig (31), Entdecker eines neuen Antibiotikums

Seine Entdeckung könnte vielleicht einmal Leben retten. Aber bis Andreas Essigs Copsin auf den Markt kommt, dauert es noch Jahre.

«Ich würde viel dafür geben, wenn ich einfach einen Laden aufmachen und mein Copsin dort verkaufen könnte, wie jemand, der zum Beispiel ein Sportgerät erfunden hat», sagt Molekularbiologe Andreas Essig und lacht. Seine Erfindung – oder eher Entdeckung – ist ein Antibiotikum. Es hat das Potenzial, dereinst Menschen zu heilen. Aber bis es so weit ist, wird es noch Jahre dauern und viel Geld kosten.

Das Copsin, wie Andreas Essig die Substanz genannt hat, wird von einem Pilz hergestellt, dem Struppigen Mist-Tintling. Der wächst besonders gern auf Pferdeäpfeln, wo er im Kampf gegen Bakterien, die sich im Rossdung ebenfalls wohlfühlen und ihm den Platz streitig machen, ein Protein ausscheidet. Ein Protein, das über eine ausgezeichnete antibiotische Wirkung verfügt, sehr widerstandsfähig ist und noch wirkt, wenn die Bakterien gegen andere Antibiotika bereits resistent sind, wie Essig bei der Arbeit für seinen Doktortitel an der ETH Zürich entdeckte – als Erster weltweit. «Als ich und mein Team realisierten, wie toll der Pilz ist und dass sich das Protein auch in grossen Mengen künstlich herstellen lässt, war klar, dass ich über die Grundlagenforschung hinausgehen und das Copsin für die Anwendung patentieren lassen will.»

Seither hat Andreas Essig eine ganz neue Welt kennengelernt, die Welt von Patentanwälten und Pharmaindustrie. Gemeinsam mit einem Anwalt hat er den Patentantrag für Copsin verfasst und beim europäischen Patentamt eingereicht, jetzt sucht er einen Industriepartner in der Pharma- oder Chemiebranche. Falls das nicht klappt, könnte er sich auch vorstellen, ein Spin-off der ETH zu gründen, also eine eigene Firma.

«Es ist ein Riesenglück für mich, dass ich meine Substanz in diesem Prozess Schritt für Schritt begleiten kann», sagt Essig. Ein weiterer Glücksfall sei, dass er von der Technologietransferstelle ETH Transfer unterstützt wird – dort erhält er Tipps und bis zu einem gewissen Grad auch finanzielle Mittel. Im Gegenzug wird das Patent einst der ETH gehören.

Wie gross die Hoffnungen sind, die auf dem Copsin ruhen, zeigt der «Spark Award». Diese Auszeichnung wird jährlich für besonders vielversprechende ETH-Erfindungen verliehen. Andreas Essig war einer der fünf Finalisten, und es wurde ein Film über ihn gedreht, der jetzt auf youtube zu sehen ist: «Das hilft mir enorm, aus der Masse zu treten und überhaupt wahrgenommen zu werden.»

zum You-Tube-Film

Roland Kybuz in der Küche mit seiner Erfindung, dem Crèmeschnittenschneider.
Mit Roland Kyburz’ Gerät gehört der Kampf «Mann gegen Dessert» der Vergangenheit an.

Roland Kyburz (72), 
Erfinder des
Crèmeschnittenschneiders

Roland Kyburz (72) löste mit einfachen Mitteln ein altes Problem. Heutige Erfindungen sind ihm zu computerlastig.

Der entscheidende Moment für Roland Kyburz, gelernter Werkzeugmacher, kam im Herbst vor zwölf Jahren. Da erzählte ihm ein Freund, wie er jeden Tag nach dem Mittagessen einem Kollegen in der Kantine dabei zuschauen müsse, wie der seine Crèmeschnitte regelrecht zerhacke, ja zertrümmere, es sei ein wahrer Kampf Mann gegen Dessert. «Mach doch etwas», sagte der Freund zu Kyburz.

Der liess sich das nicht zweimal sagen und erfand den Crèmeschnittenschneider. Ein auf den ersten Blick simples, aber ausgeklügeltes Werkzeug aus Messer und gabelartigem Halter, das man gespreizt mit einer Hand über die Crèmeschnitte hält. «Dann das Messer langsam zur Gabel hinbewegen und … na?» Roland Kyburz lacht. Der Crèmeschnittenschneider hält tatsächlich, was er verspricht, und portioniert die gemeinste aller Schweizer Süssigkeiten sauber in mundgerechte Stücke.

In seine Erfindung, die 2004 an der Genfer Erfindermesse eine Silbermedaille erhielt, investierte Kyburz 50'000 Franken aus dem eigenen Sack. Für die Patentierung mussten die Kunststoffspritzform, auch Federsystem und Klinge speziell entwickelt werden.

Bis heute ist der inzwischen pensionierte Kyburz eng mit dem Crèmeschnittenschneider verbunden, denn er setzt die Einzelteile, die ihm vom Hersteller in Solothurn nach Hause in den Aargau geliefert werden, höchstpersönlich am Küchentisch zusammen und verkauft das Gerät übers Internet. In guten Wochen habe er 100 Bestellungen, «aber den Gewinn verrate ich nicht». Seine Investition von 50'000 Franken sei auf jeden Fall inzwischen wettgemacht. Beim Besuch an der Erfindermesse vor zwei Jahren fand der Tüftler irritierend: «Alle haben einen Computer und erzählen, was sie entwickelt haben, aber da kommt ja kein Mensch draus. So etwas Simples wie den Crèmeschnittenschneider habe ich nicht mehr gesehen.»

www.kybe.ch

Wim Oubotor mit einem Kindertrotti in der Hand.
Mit seinen neu entwickelten Kindertrottis schreibt Wim Ouboter wieder schwarze Zahlen.

Wim Ouboter (54), 
Entwickler des faltbaren Trottinetts Micro Scooter

Mit seinem Micro Scooter hat Wim Ouboter schon so einiges erlebt. Eine Zeit lang ging es dabei vor allem ums Überleben. Die meisten Innovationen bauen auf Bestehendem auf. So behauptet auch Wim Ouboter nicht, das Trottinett erfunden zu haben, im Gegenteil. In seinem Büro in Küsnacht ZH stehen und liegen lauter historische «Trottis», teils rostig, teils quietschbunt. Aber der Micro Scooter, das zusammenklappbare Leicht-Trottinett, das ist das Kind von Ouboter.

Vor bald 20 Jahren entwickelte der gelernte Banker das Sportgerät für Erwachsene, das kurz darauf einen Boom auslöste und weltweit millionenfach verkauft wurde. Auslöser für die Erfindung sei Bequemlichkeit gewesen: «Ich suchte ein praktisches Fortbewegungsmittel für den Weg zum nächsten Imbissstand, das man nach Gebrauch zusammenfalten und in einer Migros-Tragtasche transportieren kann.»

Querdenker Ouboter sah das Potenzial in seinem handlichen, faltbaren Scooter für Erwachsene, als ihn die Leute noch auslachten, wenn er mit seinem Prototypen unterwegs war. «Entscheidend für den Erfolg ist, dass ein neues Produkt ein Problem löst, dass es Spass macht und dass die Leute bereit sind, dafür Geld auszugeben.» Und das waren sie: Auf dem Höhepunkt des Booms im Jahr 2000 wurden täglich 80'000 Scooter oder Kickboards – die Variante mit drei Rädern – verkauft.

Zwei Jahre später drehte der Wind abrupt. Ouboters Firma Micro Mobility Systems AG (MMS) sah sich mit abenteuerlichen 110 Prozent Umsatzrückgang konfrontiert: «Wir verkauften plötzlich nichts mehr. Null. Und mussten dazu noch Ware zurücknehmen.» Weil die Scooter im wichtigen Markt Deutschland neu statt als Sportgerät für Erwachsene als Spielzeug für Kinder galten, genügten sie den Sicherheitsbestimmungen nicht mehr. «Und jeder, der einen wollte, hatte inzwischen einen.» Das Trottinett war auf rasanter Talfahrt.

Die folgenden Jahre waren unangenehm und auch geprägt von Rechtsstreitigkeiten: gegen Kunden, die nicht mehr zahlen wollten, und wegen Patentstreitigkeiten im Zusammenhang mit Billigkopien. Aber Ouboter, ein beweglicher, jugendlich wirkender Typ mit Frau und zwei Söhnen, machte weiter. «Wir hatten noch jede Menge Räder auf Lager und zum Glück auch nicht den ganzen Gewinn ausgegeben», sagt er und lacht. Die Scooter wurden redesignt, eine Linie speziell für Kinder entwickelt. Eine neue Generation Käufer kam. Hollywood-Stars und deren Kinder fahren das cool designte Original und werden damit fotografiert. Es hat sich sogar eine Trendsportart namens Micro Extreme entwickelt, mit von MMS bezahlten Profifahrern.

www.micro.ms

Bahnbrechende Schweizer Erfindungen

Die Opiumtinktur Laudanaum
Die Opiumtinktur Laudanaum. (Bild: Keystone)

1500 Laudanaum

Der Schwyzer Arzt, Alchemist, Astrologe und Philosoph Paracelsus erfand die Opiumtinktur, ein Medikament, das bis 1920 häufig als schmerzstillendes und beruhigendes Medikament eingesetzt wurde.

1783 Hygrometer

Der Genfer Naturforscher Horace-Bénédict de Saussure entdeckte 1783, dass die Dehnbarkeit von Frauenhaaren sich in Abhängigkeit zur Luftfeuchtigkeit verändert. Er benutzte sie für seine Erfindung, das Hygrometer.

1843 Würfelzucker

Der 1799 in Rheinfelden geborene Jacob Christoph Rad machte Schluss mit den steinharten, unpraktischen Zuckerhüten, aus denen man den Zucker herausbrechen musste. Er erfand 1843 den vorportionierten Würfelzucker.

Der Rohrschachtest ist ein psychodiagnostische Verfahren.
Der Rohrschachtest ist ein psychodiagnostische Verfahren. (Bild: zVg.)

1921 Rorschachtest

Das neue psychodiagnostische Verfahren wurde 1921 nach seinem Erfinder, dem Schweizer Hermann Rorschach, benannt.

1930 Tubensenf

Bis Hans Thomi die Senftube erfand, wurde der Senf in grossen Steinguttöpfen verkauft. Zwar gab es 1930 schon Tuben, aber nie zuvor hatte sie jemand mit Lebensmitteln gefüllt.

1934 Bügelskilift

Der weltweit erste Bügelskilift zog am 24. Dezember 1934 in Davos Skifahrer den Berg hinauf. Entwickelt vom Zürcher Ingenieur Ernst Gustav Constam, ersparte der Schlepplift den Sportlern den mühsamen Aufstieg zu Fuss.

Der Klettverschluss, auch unter dem Namen Velcro bekannt.
1941 kam Georges de Mestral, ein Ingenieur aus Colombier VD, auf die Idee für den Klettverschluss. (Bild: zVg.)

1941 Klettverschluss

1941 kam Georges de Mestral, ein Ingenieur aus Colombier VD, auf die Idee für den Klettverschluss, der auch unter dem Namen Velcro bekannt ist.

1947 Stewi

Die Wäschespinne von Walter Steiner, eine Art Sonnenschirm mit Hängeleinen, half der Hausfrau in den Nachkriegsjahren ab 1947, die nassen Kleider platzsparend zum Trocknen aufzuhängen.

1958 Hydrokultur

Den Berner Gerhard Baumann ärgerte es, wenn der Wind die Erde aus den Geranienkistchen fegte. Deshalb erfand er Kügelchen aus geblähtem Ton, die Wasser speichern. Die Hydrokultur war geboren.

Kisag-Rahmbläser
Der Solothurner Walter Kissling entwickelte den Kisag-Rahmbläser. (Bild: zVg.)

1955 Rahmbläser

Der Solothurner Walter Kissling entwickelte den Rahmbläser, der unter dem Namen von Kisslings Metallgiesserei-Firma Kisag 1955 auf den Markt kam.

1957 Dusch-WC

Das Dusch-WC, eine Toilette mit integriertem Bidet und Fön, wurde vom Schweizer Hans Maurer entwickelt und ab 1957 unter dem Namen Closomat vermarktet.

1962 Blister-Verpackungen

Bis in die 60er-Jahre wurden Tabletten und Pillen in Dosen und Beuteln verpackt. Der Schweizer Alois Rehmann erfand die luftdichte Blisterpackung aus Plastik und Alufolie. Auch Joghurt und Kaffeerahm werden so verpackt.

Fliege aus Pailettenstoff.
1963 wurden bei der Firma Jakob Schlaepfer AG in St. Gallen erstmals maschinell Paillettenstoffe hergestellt. (Bild: zVg.)

1963 Paillettenstoffe

1963 wurden bei der Firma Jakob Schlaepfer AG in St. Gallen erstmals maschinell Paillettenstoffe hergestellt. Das brachte dem Glitzerstoff den Durchbruch.

1982 Computermaus

René Sommer war der erste Ingenieur der Firma Logitech und entwickelte ab 1982 die erste Computermaus mit integriertem Mikroprozessor. Später arbeitete er massgebend bei der Entwicklung der kabellosen Maus mit.

Robidog-Kasten.
1984 bestellte die Stadt Zürich beim Thuner Joseph Rosenast als Erste 50 Robidog-Kästen. (Bild: zVg.)

1984 Robidog

1984 bestellte die Stadt Zürich beim Thuner Joseph Rosenast als Erste 50 Robidog-Kästen, ein Kasten für die Entsorgung von Hundekot mit integriertem Plastiksack-Spender. Inzwischen wird die «Hundetoilette» in über 2000 Gemeinden eingesetzt.

1985 Uhr aus Stein

1985 stellte Tissot die Rockwatch aus Granit vor. Bereits 1780 erfand der Neuenburger Abraham Louis Breguet die erste automatische Uhr der Welt, Omega präsentierte 1917 die Uhr für Sehbehinderte mit erhöhten Punkten auf dem Zifferblatt.

wasserdichtes Elektroauto
2008 stellte der Schweizer Frank Rinderknecht (Rinspeed) ein wasserdichtes Elektroauto vor. (Bild: zVg.)

2008 Unterwasser-Cabrio

2008 stellte der Schweizer Frank Rinderknecht (Rinspeed) ein wasserdichtes Elektroauto vor. Mit dem sQuba kann man auch unter Wasser Cabrio fahren – natürlich nur mit künstlicher Beatmung.

2010 On-Laufschuhe

Der High-Tech-Schuh ist nur bei der Landung weich. Dann schliessen sich die speziellen Sohle-Elemente für einen kraftvollen Abstoss. Entwickelt wurde er von den Schweizern Olivier Bernhard, David Allemann und Caspar Coppetti.

On-Laufschuh
Der High-Tech-Laufschuh On ist nur bei der Landung weich. (Bild: zVg.)

2013 Blue-Diversion-Toilette

Die vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag und dem Wiener Designbüro EOOS entwickelte Toilette funktioniert auch ohne Wasseranschluss mit nur sehr wenig Wasser hygienisch einwandfrei.

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Stephan Rappo