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23. Juli 2012

Gehts der Weltbevölkerung wirklich immer besser?

Ob in Sachen Hunger, Gesundheit, Arbeit, Bildung oder (bewaffnete) Konflikte: Anhand eines Entwicklungs-Berichts der Uno lässt sich Matt Ridleys im Interview verfochtene These ein Stück weit überprüfen - und rechtfertigen.

Versucht man eine globale Sicht einzunehmen, so liegt es tatsächlich nahe, dass es der Weltbevölkerung in den wichtigsten Bereichen, die sich messen oder zumindest einschätzen lassen, heute besser geht als früher. Gerade in den hoch entwickelten Ländern widerspricht dies oft zunehmenden Debatten über wirtschaftliche, politische und soziale Krisen.
Allerdings gilt es anzufügen, dass es sich nicht um eine generelle Entwicklung zum Guten handelt. Die Sicht auf einzelne Grossregionen spricht häufig eine andere Sprache: Den einen geht es immer besser, anderen tatsächlich schlechter oder unverändert schlecht. Speziell in Afrika, Asien, teils aber auch Mittel- und Südamerika finden sich gegensätzliche Entwicklungen auf relativ engem Raum.

migrosmagazin.ch hat mit dem Blick auf den «Millennium Development Goals Report» der Vereinten Nationen (Uno), der die heutige Lebensqualität der Menschen im Vergleich zur Zeit vor fünf, zehn oder 20 Jahren festhält und daraus Entwicklungsziele ableitet, die wichtigsten Trends aufgelistet:
ARMUT UND HUNGER
Die Uno vermeldet, dass sie das ursprüngliche Millenniums-Ziel der weltweiten Eindämmung von Armut – definiert als ein Haushaltsbudget von maximal 1,25 US Dollar täglich pro Person – noch immer zu erreichen hofft. Bis 2015 sollte der Anteil von statistisch als arm erfassten Menschen um weitere 15% sinken. Zuletzt wurde ein für 2005 hochgerechnetes Allzeittief von 16% der Erdbevölkerung bilanziert. Eine lang anhaltende Dürreperiode oder etwa mehrere Kriege könnten den Wert allerdings schnell wieder um mehrere Prozente anwachsen lassen. Zum Vergleich: Noch 1980 gehörten über 40% der Erdbevölkerung zu den Armen.
Allerdings handelt es sich nicht um einen weltweit gleichmässigen Trend. Ein Grossteil des Aufschwungs betrifft allein das bevölkerungsreiche und in den letzten 10 bis 15 Jahren wirtschaftlich rasant wachsende China, Indien spielt auch eine grössere Rolle. Während weitere Weltgegenden immerhin mit einem Rückgang von 10% bis 40% aufwarten, stehen der Kaukasus & Zentralasien mit einer Zunahme von 6% auf 19% oder auf tieferem Level Westasien mit eine Plus von gut 4% auf zuletzt 6% (beide mehr als verdreifacht!) am anderen Ende der Skala.

Dazu gilt es positiv zu vermerken, dass zum Beispiel die neben Impf- und anderen medizinischen Programmen entschieden auf die bessere Abdeckung mit Grundnahrungsmittel zusammenhängende Kindersterblichkeit von 1990 bis 2009 um rund 35% zurückging.
Dennoch muss man grosse Abstriche machen bei den unterernährten Kindern: Infolge eines Zuwachses in einigen Weltregionen ist im Durchschnitt aller Entwicklungsländer heute jedes vierte Kind unterernährt. Besonders in Südasien ist der Anteil an unterernährten Kindern auf einem weltweiten Rekordstand. Der Rückgang geeigneter Nahrung und noch wachsende Bevölkerungsschichten ohne minimale sanitäre Einrichtungen gelten als Hauptschuldige dafür.

Bei der fast wichtigsten Zahl, jener der an Unterernährung leidenden Menschen aller Altersgruppen, zeigt die Schätzung der Uno für die Zeit von 1990 bis 2007 ein uneinheitliches Bild: Zwar ging ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung um 4% auf neu 16% zurück, jedoch sind wegen der Bevölkerungszunahme absolut gesehen mehr Menschen betroffen: Mit 837 nämlich 9 Millionen mehr. Am stärksten leiden Länder in Afrikas Südosten und einige in Asien.
GESUNDHEIT
Breit durchgesetzte Programme für Diagnose und Behandlung haben neue Ansteckungsfälle bei den weltweit schlimmsten Krankheiten in den letzten Jahren etwas eindämmen können. Die drei Fälle mit den meisten Betroffenen:

1. Bei Aids, in vielen unterentwickelten Regionen noch immer das Todesrisiko Nummer 1, haben die antiviralen medikamentösen Therapien allein von 2004 bis 2009 die Sterblichkeit um 19% verringert. Der Erfolg fusst auf dem jährlich ausgeweiteten Einsatz der Behandlungsmethode: In Ländern mit durchschnittlich tiefen bis mittleren Einkommen erhielten allein 2009 1,2 Millionen Menschen mehr eine dringend benötigte antivirale Therapie. Ein Plus von rund 25% innert einem Jahr! Die Zahl der weltweit mit einer HIV-Infektion lebenden Menschen nahm von 1999 bis 2009 um 7 weiter auf 33 Millionen zu, doch die Neuansteckungen gehen seit gut 10 Jahren zurück, seit 2005 mit etwas Verzögerung auch die Sterberate.

2. Dank Programmen von Regierungen, Nichtregierungs-Organisationen, Arbeitenden im Gesundheitsbereich und der Zivilgesellschaft gingen die Todesfälle infolge Malaria-Infektion von 2000 bis 2009 um rund 20% zurück. Speziell im wichtigen Gürtel in der Südsahara schafften elf Länder einen Rückgang um die 50%, etwa dank verteilten Netzen als Schutz gegen die übertragenden Insekten.

3. Auch die Tuberkulose ist dank der fast weltweiten Durchsetzung von Behandlungsmethoden auf dem Rückweg: Zwischen 1995 und 2009 wurden 41 Millionen erfolgreich behandelt und damit 6 Millionen vermutlich vor dem Tod bewahrt. Die Sterblichkeitsrate nahm in diesem Zeitraum um ein Drittel ab.
BESCHÄFTIGUNG
Bei den Statistiken zum Anteil der arbeitstätigen Bevölkerung sind generell die schlechtesten Zahlen herauszulesen: Von 2000 bis 2010 ging der Anteil an Erwerbstätigen in den Entwicklungsländern um ein halbes Prozent auf 62,7% zurück. Im selben Zeitraum entwickelten sich aber auch die entwickelten Regionen nicht besser, hier sank wohl auch infolge der Finanzkrise und Wirtschaftsflaute der Anteil von 55,8% um rund 1%! Der Unterschied in Sachen Armutsrisiken: Mit einer durchschnittlichen 50% oder 100%-Stelle kommt man in den entwickelten Ländern noch immer viel weiter als anderswo.

Neben vielen Rückgängen im einstelligen Prozentbereich stachen aber etwa Nordafrika, Lateinamerika & Karibik oder Kaukasus & Zentralasien (+3%) positiv heraus.
Ebenfalls positiv: Die Working Poor, also trotz Arbeitsverhältnis mit weniger als 1,25 Dollar Lebende, gingen von 1999 bis 2009 von rund 32% auf 26% zurück.
AUSBILDUNG
Erfreut stellt die Uno zuallererst fest, dass besonders in den weltweit ärmsten Ländern die Fortschritte zur Erfassung aller Kinder durch eine Grundschulbildung am grössten sind.

Positiv hervorgehoben werden hier zuallererst Ruanda, Burundi, Togo, Tansania, Madagaskar, Samoa und Sao Tome und Principe. Sie haben beinahe alle Kinder einer Grundschule zuweisen können.
Ebenfalls den Durchschnitt von Kindern mit Zugang zu (Primar-)Schulbildung erhöht haben Äthiopien, Guinea, Mali, Burkina Faso, Benin, Mozambique und Niger: Um über 25% in den zehn Jahren bis 2009.
Kleiner Wermutstropfen: Während die Entwicklungsländer im Gesamtschnitt von 82% auf 89% zulegten, verloren die hoch entwickelten Länder gar 1% (neu 96%).
KONFLIKTE
Das von Krieg und Konflikten verursachte Leid lässt sich statistisch am ehesten in zwei Zahlen fassen: Einerseits jene der Flüchtlinge, andererseits jene der innerhalb eines Landes Vertriebenen, Umgesiedelten und Geflohenen.
Die erste Zahl ging weltweit von 2000 bis 2010 immerhin um eine halbe Million auf 15,4 Millionen ausser Landes Geflohene zurück. Ganz anders die zweite Kennzahl: Die (unfreiwillig) Heimatlos gewordenen, die sich noch immer im selben Land aufhielten, stiegen im selben Zeitraum um über 6 Millionen auf neu 27,5 Millionen!
Insgesamt herrschen noch immer in den Heimatstaaten von über einem Fünftel der Erdbevölkerung Krieg, Bürgerkrieg oder ein eklatantes Mass an politisch motivierter Gewalt und Unterdrückung. Gerade der 'arabische Frühling' hat die Zahl der Konflikte auf ein seit 1945 unerreichtes Mass ansteigen lassen.
DEN GANZEN BERICHT «The Millennium Development Goals Report» (2011, PDF) zum herunterlanden

Autor: Reto Meisser