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28. Januar 2016

Geheimtipp im Engadin: Hotel Chesa Rosatsch

Krise in der Schweizer Hotellerie? Das Hotel Chesa Rosatsch in Celerina GR investiert und hat bei nur 37 Zimmern seit dem 19. Dezember 2015 mit dem Heimatli ein neues Restaurant – das dritte im Haus! Testbericht eines innovativen Hotels.

Celerina
Celerina befindet sich unterhalb von St. Moritz. Dafür ist das Dorf beschaulich und nicht verschandelt.

Das Hotel Chesa Rosatsch, das aus vier teilweise bis zu 400 Jahre alten Häusern besteht und 37 Zimmer (2014 renoviert), eine Suite und eine Ferienwohnung anbietet, ist im Schweizer Tourismus noch immer nicht so bekannt. Hauptgrund: Es befindet sich nicht im mondänen St. Moritz, sondern in der Nachbarsgemeinde Celerina, ruhig gelegen, zwei, drei Fussminuten von der Langlaufloipe und der Langlaufschule entfernt, wo man auch die Langlaufausrüstung mieten kann.

Trotzdem müsste man das Haus eigentlich kennen, denn es ist in diversen Bereichen einmalig: Das fängt bei den auffallend jungen, freundlichen und motivierten 36 Mitarbeitern (allerdings nur 10 mit Jahresverträgen) an. Hoteldirektor Michael Stutz ist nur 30 Jahre alt, sein Assistent Jonas Gantenbein 26. Seine Begeisterung für seinen Berufsstand wirkt ansteckend.

Erstaunlich ist, dass das Hotel neu gleich über drei verschiedene Restaurants verfügt. In der fast 400 Jahre alten Stube im Erdgeschoss kann man seit dem 19. Dezember 2015 Schweizer Spezialitäten geniessen – während sich immer mehr Häuser vom eigenen Gastrobetrieb verabschieden. Heimatli nennt sich die rustikale Stube mit viel Holz und der jungen Bündnerin Gianna Beeli als Gastgeberin. Das Restaurant könnte sich auch heimelig nennen, weil man sich sofort wie zuhause fühlt. «Mittags gibt es ein Dreigang-Menü für 19 Franken. Abends kostet eine Vorspeise, ein Hauptgang und ein Dessert rund 50 Franken. Die Kunden wollen zurück zur vertrauten Schweizer Küche», sagt Gantenbein. Was er damit meint, zeigt sich auf der Menükarte, die man in Form eines Papiertischsets zu sehen bekommt. Besonders schmackhaft (und nicht gerade leicht...) sind etwa die Engadiner Quark Pizokel zu 21 Franken, die geschmorte Lammhaxe mit Polenta zu 37 Franken oder Grischa Raclette (in einem Teller mit Bergkartoffeln). Auf Vorbestellung gibt es auch Fondue Chinoise ab 2 Personen für 35 Franken.

Die umfangreiche Weinkarte mit zahlreichen Spezialitäten wie Completer aus der Bündner Herrschaft teilt sich das Heimatli mit dem Gourmet-Restaurant Stüvas Rosatsch.Und die Preise sind auch bei den Weinen fair: Der Weinpreis im Boutiquehotel setzt sich seit Jahren aus dem Einkaufspreis und einem fixen Zuschlag von 35 Franken zusammen. Da locken zahlreiche, zahlbare Trouvaillen. Wer will, kann aber auch auf ein lokales Bier ausweichen. Das Heimatli, das 40 Personen Platz bietet und oft ausgebucht ist, legt viel Wert auf Regionalität: So kommt das Fleisch von einer Metzgerei aus Scuol, Früchte und Gemüse vom Plantahof in Landquart.

Diese Regionalität ist beim gegenüber liegenden Stüvas Rosatsch Teil des Konzepts: Das mit 15 Gault-Millau-Punkten dekorierte Restaurant bietet keine Produkte an, die weiter als Genf entfernt sind. Es ist zudem das erste Slow-Food-Restaurant der Schweiz und steht unter der Verantwortung des deutschen Kochs Jan Gassen. Im Gegensatz zum Heimatli sind die Menüpreise hier aber hoch: Der Fünfgänger «Slow Food» kostet 115 Franken, einen eigentlichen Hauptgang gibt es bewusst nicht. Aber auch hier wieder: Der Südtiroler Gastgeber und Sommelier Jörg Waldthaler ist gleichermassen kompetent wie freundlich und führt mit viel Charme durch den Abend. Er erklärt das Konzept, sagt, dass beispielsweise das Besteck handgefertigt und aus dem Unterengadin stammt.

Die kulinarische Reise in der Region ist ein Erlebnis. Das beginnt schon beim Amuse bouche, einem Löffel mit Rindzungensalat und beim ersten Gang: Sushi aus Schweizer Edelfisch mit einer Variation von Blumenkohl - statt Reis. Die Aargauer Safransuppe mit Luganer Zanderfilet war weniger innovativ. Dafür begeisterte die Riesenravioli, die mit Engadiner Lammkeule, Bergkartoffeln und Celeriner Wiesenthymian gefüllt war. Gleiches gilt für das kleine Engadiner Rindsentrecôte mit Birnbrotkruste, geschmorten Rindsbäggli mit eingemachter Peterliwurzel, Quitte und Filisurer Bergkartoffelpüree. Zum Abschluss gibt es drei Möglichkeiten: eine Variation von Caramel, eine Käsevariation oder, wofür wir uns entschieden haben: Wir genossen in Bündner Portwein eingelegte Walenseefeigen mit Bündner Pinot-Noir-Glacé, Joghurt-Honig-Mousse und Feigenkonfi.

Nach einem solch schönen Essen lohnt es sich, in der «InnBar», das Hotel liegt in der Nähe des Inns, einzukehren. Der – wie könnte es anders sein – ebenfalls sehr junge und super freundliche Chef de Bar Christoph Schaub zeigt Spezialitäten wie den Prüna Veglia (Vieille Prune) aus Sent oder den gelungenen Gin aus dem Münstertal, wobei dieses Glas 21 Franken kostet.

Das dritte Restaurant des innovativen Hotels ist schliesslich das Uondas. Der rätoromanische Name steht für Wellen vom Inn. Das hausgereifte Engadiner Fleisch vom Lavasteingrill und die Flammechueche haben bereits viele Fans gefunden. Hier wird morgens auch das Frühstücksbuffet für die Hotelgäste aufgebaut.

Im Winter kosten ein Doppelzimmer im Hotel Chesa Rosatsch ab 280 Franken, im Sommer ab 190 Franken – inklusive Frühstück. In den Wochenpauschalen sind Konsumationsgutscheine im Wert von 330 Franken inbegriffen. Ab der 2. Übernachtung kostet der Skipass 35 Franken pro Person und Tag. Und gleich nochmals eine Überraschung: Das Oberengadiner Hotel bleibt erstmals in seiner Geschichte das ganze Jahr geöffnet. «Das Geschäft über die Feiertage war sehr stark, der Januar 2016 im Vergleich zum Vorjahr in etwa gleich. Dabei haben wir die Preise minimal angehoben», sagt Direktionsassistent Jonas Gantenbein. Über 50 Prozent der Gäste reisen aus der Schweiz an, der Rest hauptsächlich aus Italien, Deutschland und Österreich, wobei das Chesa Rosatsch wie fast alle Hotels in der Schweiz weniger Buchungen aus Deutschland aufweist.

Fazit: Das im Besitz der Familie Brentel (Guglielmo Brentel war bis Ende 2014 Präsident von Hotelleriesuisse) stehende Hotel investiert in ein neues Restaurant, in motivierte Mitarbeiter und stellt 2016 erstmals überhaupt auf Ganzjahresbetrieb um – im Zeitalter der Krise in der Schweizer Hotellerie. Chapeau!

Autor: Reto Wild

Fotograf: Reto Wild