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16. April 2012

«Gegenüber speziell guten Schülern herrscht immer noch Unverständnis und auch Neid vor»

Xaver Heer (55) ist Gründer und Leiter der Talenta, einer Pionierschule für hochbegabte Primarschulkinder in Zürich. Er warnt davor, hochbegabte Kinder unerkannt und ungefördert zu lassen. Damit sei eine bedauerliche Verschwendung von Ressourcen verbunden.

Xaver Heer (55), Gründer und Leiter der Talenta, einer Pionierschule für hochbegabte Primarschulkinder in Zürich.

Xaver Heer, Sie haben die Schule Talenta 1998 mitbegründet, warum?

Ich bin selbst Vater eines hochbegabten Kindes und kenne den steinigen Weg, der damit verbunden sein kann.

Was hat sich seit damals verändert?

Heute gibt es beispielsweise Wahlkurse an den Gymnasien, und auch sonst gibt es mehr Möglichkeiten, um Hochbegabte zu fördern. Ein Problem besteht jedoch nach wie vor: In der Schweiz wird zwar akzeptiert, dass besonders schwache Schüler Unterstützung brauchen, gegenüber den Hochbegabten herrscht aber noch immer Unverständnis und auch Neid vor.

Welche Rolle spielen die Eltern?

Wenn sie ihren Kindern Halt geben, Grenzen setzen und ihnen viel Wohlwollen und Interesse entgegenbringen, reicht das eigentlich.

Woran erkenne ich, dass mein Kind hochbegabt ist?

Hochbegabte Kinder sind sehr schnell im Erfassen von Zusammenhängen und lernen meist extrem früh Dinge wie Lesen und Schreiben, ohne dass man sie dazu anhält. Oft sind sie auch ungewöhnlich gut darin, sich sprachlich auszudrücken, und sie stellen erstaunlich präzise Fragen. Es gibt zwar auch die sogenannten «Underachiever», das sind Kinder, die wenig leisten, unter den richtigen Umständen aber viel mehr könnten. Sie sind allerdings selten, auch wenn viele Eltern meinen, ihr Kind sei nur deshalb schlecht in der Schule, weil es unterfordert sei.

Wer kann in die Talenta eintreten?

Wir verlangen ein unabhängiges Gutachten, das einen IQ von rund 130 bestätigt. Zudem müssen die Kinder zum Kennenlernen zu uns kommen. Erst dann entscheiden wir zusammen mit den Eltern, ob wir die richtige Schule sind.

Was tun, wenn Eltern sich keine Schule für Hochbegabte leisten können? Die kostet immerhin 2000 Franken pro Monat.

Sind alle Möglichkeiten im Rahmen der Volksschule ausgereizt und weiterführende Massnahmen nötig, die zusätzliches Geld kosten, kann man sich an Stiftungen wenden. Manchmal übernimmt auch die Gemeinde das Schulgeld.

Welche Art Lehrer brauchen Hochbegabte?

Ab der Mittelstufe ist ein Hochschulabschluss von Vorteil. Ebenso wichtig sind grosses Engagement und Sinn für Humor. Zudem brauchen hochbegabte Kinder besonders viel Raum für kreatives Denken.

Was passiert, wenn hochbegabte Kinder nicht gefördert werden?

Das kommt ganz auf das Kind an. Vor allem Mädchen passen sich oft einfach an. Andere rebellieren, und wieder andere werden depressiv. Aber auch wenn ein Kind ohne Schwierigkeiten durchkommt, ohne gefördert zu werden, ist das eine bedauerliche Verschwendung von Ressourcen.

Was ist mit dem Argument: Man soll die Kinder doch einfach Kinder sein lassen?

Das eine schliesst das andere nicht aus. Bei uns lernen die Kinder intensiv und viel, und trotzdem dürfen sie spielen und Spässe machen.

Werden die Kinder in einer Spezialschule nicht elitär und weltfremd?

Oft ist das Gegenteil der Fall: Hier haben sie einerseits Konkurrenz, und andererseits finden sie Freunde.

Autor: Andrea Fischer Schulthess