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14. Mai 2012

Gegen ihn hat die Konkurrenz keinen Stich

Fabian Kauter ist die neue Nummer 1 der Welt im Degenfechten. Grossen Anteil am Erfolg des 26-jährigen Berners hat Vater Christian, Gewinner der Olympia-Silbermedaille 1972.

Fabian und Christian Kauter in der Halle des Fechtclubs Bern
Fabian und Christian Kauter in der Halle des Fechtclubs Bern: Der Sohn kann von der Erfahrung des Vaters profitieren.

Fabian (26) und Christian Kauter (65) begrüssen sich in der Halle des Fechtclubs Bern mit einem kumpelhaften Handschlag. Die Körpersprache der beiden Kauters verrät: Der «Père» lässt zu, dass sein «Fabi» mit ihm auf Augenhöhe parliert, so wie das unter dicken Freunden der Fall ist. «Du weisst, wenn ich noch fechten würde, hättest du keine Chance gegen mich», witzelt der Vater zur Begrüssung. Er, der 1967 Junioren-Vizeweltmeister wurde und an den Olympischen Spielen 1972 sowie 1976 eine Silber- respektive eine Bronzemedaille gewann, weiss nur zu gut, wie stark sein Sohn momentan in Form ist. Fabian Kauter ist der erste Schweizer, der die Fechtweltrangliste anführt, seit Olympiasieger Marcel Fischer 2005 die Konkurrenz dominierte.

Der Sohn lobt seinen Vater: «Ich schätze seine Erfahrung als zweifacher Olympiamedaillengewinner sehr. Er findet in guten und in schlechten Momenten stets die richtigen Worte.» So geschehen an den Weltmeisterschaften 2011 in Catania, als der ehrgeizige Fabian Kauter mit der Bronzemedaille nicht zufrieden war. «Hättest du gewonnen, wärst du an den Olympischen Spielen der Gejagte», tröstete ihn sein Vater.

Ich schätze die Erfahrungen meines Vaters sehr.

Christian Kauter, Pensionär, einstiger FDP-Generalsekretär und mehrfacher Verwaltungsrat, unterstützt seinen Sohn nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten. Er begleitet ihn an Turniere, finanziert sein Material und sucht Sponsoren. Und Fabian lebt kostenlos im Haus seiner Eltern im Berner Stadtteil Kirchenfeld – auf einem eigenen Stockwerk. Ohne diese Unterstützung könnte der derzeit weltbeste Degenfechter sich das Leben als Sportler nicht leisten – umso mehr, als er im Hinblick auf die Olympischen Spiele seinen 60-Prozent-Job bei einer Privatbank gekündigt hat.

«Ich sehe meine Eltern täglich. Wir haben eine sehr schöne Beziehung und essen mittags oft gemeinsam», sagt Fabian Kauter. Mit seinem Vater hat er vor einem Jahr im Migros-Golfpark in Moosseedorf angefangen, Golf zu spielen. Golfen deshalb, weil die Verletzungsgefahr klein ist und die Kauters Bewegungsmenschen sind. Manchmal sind die beiden auch im Ferienhaus im Rebberg oberhalb von Lugano anzutreffen, wo sie gemeinsam Wein produzieren.

Fabian Kauters Ziel an der Olympiade: «Ich möchte um eine Medaille kämpfen.»
Fabian Kauters Ziel an der Olympiade: «Ich möchte um eine Medaille kämpfen.»

Fabian betont, dass sein Bruder Michael (32), Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft und Olympiateilnehmer in Peking, ebenfalls wichtig für seine Karriere ist. «Michael kennt meine Gegner und ist mein Mentaltrainer. Die Bruderliebe hat sich zu einer coolen Freundschaft entwickelt.» Die Kauters sind eine veritable Fechtdynastie. Dazu gehört auch Onkel Daniel Giger, der bis Anfang der 80er-Jahre erfolgreich war, sogar Fabian Kauters Grossmutter war Fechterin. Aus der Reihe tanzt einzig Fabians Freundin Joséphine Rapit: Die Wasserspringerin aus Lausanne hat er an den Weltsportspielen der Studenten 2007 in Bangkok kennengelernt.

Fabian Kauter ist trotz der jüngsten Erfolge natürlich und herzlich geblieben. Sein Vater schätzt «seine offene, extrovertierte Art». Die lebt Fabian als Rapper Yuri aus. Am 11. Mai ist sein zweites Soloalbum, «Kopf über Wasser», mit 15 Titeln erschienen. «Rappen ist für mich wie Golfen: ein schöner Ausgleich zum Fechten», sagt eine der grössten Schweizer Medaillenhoffnungen der Olympischen Spiele. «Würde ich nur fechten, würde ich verrückt werden.» Der 1. August könnte zum grössten Triumph in seinem Leben werden: Dann tritt er mit seinem 770 Gramm schweren und 110 Zentimeter langen Degen im Londoner Exhibition Centre im Feld der 36 Fechter an. Fabian Kauters Ziel ist klar: «Ich möchte um eine Medaille kämpfen.» Sein Vater wird vor Ort verfolgen, ob ihm das gelingt.

www.fechteninbern.ch

Autor: Reto Wild

Fotograf: Gerry Nitsch