Archiv
12. Juni 2017

Gefragte Recyclingmöbel aus Abbruchmaterial

Geht es nach Marina und Morgan Altmann, darf ausgedientes Mobiliar und Baumetarial nicht im Müll landen. Deshalb verkaufen sie auf Rewinner.ch alles Wiederverwendbare aus Abbruchhäusern. Und verhelfen etwa der Tür zu einem zweiten Leben.

Marina und Morgan Altmann in der «Kleinen Freiheit»
Marina und Morgan Altmann in der «Kleinen Freiheit» in Zürich. Die kleine Oase im Stadtzentrum besteht aus Material, das Rewinner geliefert hat.

Riga im Sommer 2014. Ein beladener Lastwagen rollt seinem Ziel entgegen, bleibt vor einer grossen Halle stehen. Marina (35) und Morgan (37) Altman erwarten ihn bereits. Lange haben sie auf diesen Moment hingearbeitet, endlich ist es so weit. Fenster, Tische, Lavabos, Türen, Bauprodukte, insgesamt 2,5 Tonnen, werden aus dem Laster geladen. Sie stammen aus dem Alterszentrum Laubegg in Zürich, das einer Gesamtsanierung unterzogen worden ist.

Eigentlich waren Material und Mobiliar für die Mülldeponie oder Verbrennungsanlage bestimmt. Wären da nicht die Altmans gewesen. Sie kamen dem Zerstörungsprozess zuvor, verfrachteten alles Brauchbare in den Laster und sorgten für den Transport nach Lettland, wo sie den Bestand über Internetportale und Mundpropaganda zum Verkauf angeboten hatten.

«Pioniere im Nachhaltigkeitsprozess»

Gut zwei Jahre später sitzen die beiden Gründer des Start-up-Unternehmens Rewinner in der «Kleinen Freiheit» oberhalb des Centrals in Zürich. Das Material für das originelle Café hat die Betreiberin bei Rewinner bezogen, die Türen etwa sind aus Fenstern zusammengeschustert.

Marina Alt­mans Deutsch ist von einem charmanten ­Akzent untermalt. Für ihr Master­stu­dium ist die Informatikerin vor 13 Jahren von Lettland in die Schweiz gezogen. In Zürich hat sie sich ein neues Leben und schliesslich eine gemeinsame Zukunft mit ihrem finnisch-amerikanischen Mann Morgan aufgebaut. Seit fünf Jahren eint sie der Trauschein, seit vier Jahren ihr «Baby» Rewinner.

Dessen Konzept besticht durch Einfachheit: Soll ein Gebäude saniert oder gar abgerissen werden, tritt Rewinner auf den Plan. Die Altmans suchen städtische und private Liegenschaften auf, die vor dem Abbruch stehen, prüfen Inventar, Mobiliar und Bauteile, vermerken minutiös auf Listen, was noch gut erhalten ist. Vom Bürotisch über Lavabos und Armaturen bis hin zum Scharnier landet alles auf der Website von Rewinner, wo es zum Verkauf angeboten wird.

«Wir sind keine Idealisten», sagt Morgan Altman. «Na ja, ein bisschen vielleicht», widerspricht ihm seine Frau und schaut ihn schmunzelnd an. Sie einigen sich: «Wir sind Businessleute oder noch besser: Pioniere im Nachhaltigkeitsprozess.» Rewinner will eine Zukunft mitgestalten, die auf Wiederverwertung setzt. Die Umweltorganisation Climate-KIC hat das Jungunternehmen 2014 mit einem Preis ausgezeichnet.

Die Gartensitzplätze der «Kleinen Freiheit»
Die Gartensitzplätze der «Kleinen Freiheit»

Die Gartensitzplätze der «Kleinen Freiheit»

Die Idee zum Geschäftsmodell entstand unerwartet: auf einem ihrer Spaziergänge durch Zürich, vorbei an zahlreichen Baustellen. Bei einem Baucontainer hob Morgan Altman einen intakten Fensterrahmen aus dem Schutt: «In Lettland wären die Leute überglücklich über so gut isolierte Fenster», sagte er. «Dann sollten wir sie ihnen auch bringen», antwortete Marina Altmann. Mit der Stadt Zürich handelten sie einen Deal aus für das sanierungsbedürftige Altersheim Laubegg: Sie durften alles verladen, was ohnehin abgebrochen worden wäre, und liessen es nach Lettland verfrachten, wo die Bauteile in Büros, Cafés und Privatwohnungen eingesetzt wurden.

Grosse Nachfrage in der Schweiz

So einfach also? Eine Idee, Taten – Erfolg? Die beiden winken ab. «Toll, einleuchtend», hiess es zwar überall, wenn sie von ihrem Projekt erzählten. Architekten, Bauleute und Bauarbeiter hätten ihnen zur Idee gratuliert und gerne freie Hand gelassen, sich auf der Baustelle zu bedienen. Aber natürlich war das unmöglich: Um Material von einer städtischen Liegenschaft abtransportieren zu können, brauchten sie eine Bewilligung. Das erwies sich als grösste Hürde: herauszufinden, wo die Zuständigkeiten lagen, wer grünes Licht geben konnte.

Mittlerweile verkaufen die Unternehmer die Ware in ihrer Wahlheimat. Den Ausschlag gab die grosse Nachfrage in der Schweiz, mit der sie anfangs gar nicht gerechnet hatten. Zu den Käufern gehören KMUs, Zwischenhändler, Privatleute und auch Künstler. Der Verkauf ihres speziellen Secondhand-Sortiments war nie ein Problem.
Die Heraus­forderung für das ambitionierte Paar ist es nun, die Idee zum Normalfall werden zu lassen. «Irgendwann wird ­unser Modell vielleicht obliga­torisch sein», sagt Morgan Altman. 

Autor: Esther Grosjean

Fotograf: Tanja Demarmels