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30. Januar 2012

Gefährliches Hüten

Täglich passen Nachbarn kurz auf die Kinder von nebenan auf, meist ohne Folgen. Passiert aber doch etwas, kann es sogar zu Schadenersatzklagen kommen.

Auch die Nachbarn können beim Kinderhüten Risiken eingehen...
Im Haus lauern viele Gefahren. Wer seine Sorgfaltspflicht beim Kinderhüten vernachlässigt, kann sich strafbar machen. (Bild: Getty Images)

Blitzschnell ist es geschehen: ein Sturz vom Stuhl oder ein Schnitt mit dem Rüstmesser — schlimm, wenn es das eigene Kind betrifft, schlimmer, wenn es einem Kind zustösst, das einem zum Hüten anvertraut wurde. Ganz schrecklich sind gravierende Unfälle wie jener, der einer Frau passiert ist, die kurz ihr Nachbarsmädchen gehütet hat: Als sie in der Wäscheküche war, stürzte das vierjährige Mädchen in die nahe Glatt und konnte erst zehn Minuten später aus dem Fluss gerettet werden. Nach Wachkoma und schwerer Behinderung starb es, und die Eltern verklagten die Nachbarin auf Genugtuung. Das Bundesgericht sprach sie nun frei: Sie habe die Sorgfaltspflicht nicht verletzt.

«Anders als beim regelmässigen und bezahlten Hütedienst einer Tagesmutter besteht beim nachbarschaftlichen Kinderhüten keine genaue juristische Regelung», erklärt Thomas Geiser, Rechtsprofessor an der Universität St. Gallen. Die juristische Lage hängt stark von der jeweiligen Situation ab: vom Alter und der Verhaltensweise des Kindes sowie der Lage und allfälligen Gefahrenquellen rund ums Haus. Klar ist jedoch: «Man geht davon aus, dass eine Person Nachbarskinder gleich sorgfältig beaufsichtigt wie eigene Kinder», sagt Geiser.

Im schlimmsten Fall droht eine Anzeige wegen Tötung

Wissen andererseits Eltern, die ihr Kind zum Hüten abgeben, dass dieses besonders wild oder gar verhaltensauffällig ist, müssen sie die Hüteperson informieren und ausdrücklich darauf hinweisen, dass das Kind ständig beaufsichtigt werden muss. Ansonsten gilt das vernünftige Ermessen: «Sitzen die Kinder am Tisch, völlig in ein Puzzlespiel vertieft, muss man nicht davon ausgehen, dass sie in den nächsten Minuten aufstehen und Richtung Fluss hechten», heisst das für den Juristen Geiser. Bei klassischen Gefahrenquellen wie dem Schwimmbassin neben dem Haus oder der Spielwiese neben einer viel befahrenen Strasse ist das anders: «Dann ist je nach Alter eine lückenlose Aufsicht geboten.» Wer beim Hüten die Sorgfaltspflicht missachtet, kann zivilrechtlich auf Schadenersatz und Genugtuung belangt und strafrechtlich wegen fahrlässiger Körperverletzung oder Tötung angeklagt werden.

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Autor: Claudia Weiss