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22. August 2011

Geduld bringt trockene Kinder

Eltern träumen von einem Leben ohne Windeln. Wann ein Kind trocken und sauber ist, können sie aber nur bedingt beeinflussen. Die Gene bestimmen, wann es so weit ist.

Geduld bringt trockene Kinder (Bild: Fotolia).
Wenn die Zeit reif ist, machen die Kleinen ihr Geschäft automatisch ins Töpfchen (Bild: Fotolia).

Mathilda trippelt ins Wohnzimmer, ihre Hose hängt auf Halbmast. Stolz hält sie ihrer Mama das Töpfchen hin, der Inhalt schwappt gefährlich. «Guck mal, ich habe Bisi und Gaggi gemacht!» Dies ist nicht der Moment, sich um den teuren Teppich zu sorgen. Die Dreijährige hat ihr Geschäft zum ersten Mal selbständig verrichtet.«Trocken und Sauber werden ist ein Reifungsprozess», sagt der Walliser Kinderarzt Stephan König (66). Bei einem Säugling entleeren sich Blase und Enddarm automatisch, sobald sie einen gewissen Füllungsgrad erreicht haben. Im Lauf der ersten Lebensjahre lernt das Kind, Blase und Enddarm zu «spüren». Irgendwann ist es dann in der Lage seine Ausscheidung willentlich zu kontrollieren. Der Toilettengang funktioniert übrigens nur in seltenen Fällen vom einen auf den anderen Tag. Der Prozess zieht sich über Monate hin.

Die Genetik bestimmt, wann ein Kind trocken wird

Grundsätzlich werden Mädchen etwas früher trocken und sauber als Buben. Das grosse Geschäft kann von beiden Geschlechtern meist zuerst kontrolliert werden. «Frühestens, wenn ein Kind alleine die Treppe hoch- und wieder hinuntersteigen kann, ist es theoretisch in der Lage, den Stuhl zu beherrschen», sagt Stephan König, der sich auf das Thema Trocken werden spezialisiert hat. Irgendwann gelingt auch die Harnkontrolle. Während des Schlafens macht das «Bisi» aber bisweilen noch, was es will. Nach fünf Jahren können rund 75 Prozent der Kinder ihre Blase Tag und Nacht beherrschen. Wer es bis dann noch nicht geschafft hat, ist weder krank noch schlecht erzogen. Aus entwicklungsbiologischer Sicht liegt lediglich eine verzögerte Reifung vor. Wenn sich Mama und Papa angesichts des immer noch wachsenden Windelbergs die Haare raufen, hat Stephan König einen Tipp: «Bringen Sie in Erfahrung, wann Sie selber trocken und sauber geworden sind.» Die Vererbung spielt hierbei eine wesentliche Rolle.

Wann das Kind sauber und trocken ist, lässt sich nicht beeinflussen. Werden die Kleinen nach Zeitplan auf den Topf gesetzt, verursacht das höchstens Stress. Wird ausserdem geschimpft, falls ein Bächlein oder Häuflein in der Hose landet, kann der Prozess unnötig verlängert werden. Im schlimmsten Fall hält das Kind den Stuhl zurück, was zu schmerzhaften Verstopfungen führen kann.

Wenn also übereifrige Grosseltern fragen, ob das Enkelkind nun endlich windelfrei sei, sollten sich Eltern entspannt zurücklehnen. Denn: Es ist sowieso immer das Kind der Nachbarin, das früher sauber ist.

Autor: Bettina Leinenbach