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07. Juli 2014

Geburt, reloaded

Neugeborenes
Das Neugeborene ist da! Für die Geburt würde die Kolumnistin heute ein Geburtshaus vorziehen. (Bild: Fotolia)

«Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich in ein Geburtshaus gehen.»
«Spinnst du jetzt total?» Meine Schwester, die Ingenieurin, tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Um ehrlich zu sein, vor sechs Jahren hätte ich ganz ähnlich reagiert. «Wer das machen will, soll das ruhig machen», pflegte ich zu sagen. Wer so doof ist, das zu machen, der ist selbst schuld, pflegte ich zu denken.

Heute, nach einem Notkaiserschnitt (mit anschliessender schwerer Spitalinfektion, welche die Narbenbildung beeinträchtigte) und einem zweiten, dieses Mal geplanten Kaiserschnitt (der gemacht werden musste, da das Risiko eines Gebärmutterrisses im Narbenbereich zu gross war), leiste ich gerne Abbitte. Es gibt gute Gründe, warum die Geburtshäuser mehr Zulauf denn je haben. Der Wichtigste von allen: Wenn Hebammen die Geburt leiten, ist die Entbindung ein natürliches Ereignis – und kein medizinisches «Was-wäre-wenn?»-Spektakel.
Ich möchte dem Spitalpersonal keinen Vorwurf machen. Die Angestellten tun gut daran, eher zu früh als zu spät zu intervenieren. Sind wir ehrlich: Irgendwie erwarten wir das auch von ihnen. Sobald wir den Gebärsaal betreten, geben wir die Zügel nur zu gern aus der Hand. Ab auf das grosse Bett – und nun seid ihr am Zug, liebe diensthabende Ärzte. Bei mir war das zumindest so. (Wenn es auch Jahre gedauert hat, bis ich erkannt habe, dass der Fehler in erster Linie bei mir lag.) Abgesehen davon: Die Hierarchien sind in vielen Spitälern leider immer noch recht steil. Heisst: Die dort arbeitenden Hebammen dürfen ihre Meinung zwar äussern, werden aber oft nicht gehört.

Im Geburtshaus ist das anders. Dort kann man sich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen. Wenn die Schwangere möchte, dass ihr Kind so zur Welt kommt, dann muss sie ihrem Körper vertrauen. Es gibt keine PDA*, wenn es besonders wehtut, und auch keinen Oberarzt, der einen Kaiserschnitt anordnet. Dafür hat sie eine Hebamme, die ihr auch dann nicht von der Seite weicht, wenn die Schicht vorbei ist. Die Geburtshelferinnen arbeiten im Team und verfügen über ein geballtes Wissen, das sie mit den Schwangeren in den intimen Momenten vor, während und nach der Geburt teilen. Ich glaube, es ist so ein Frauensolidaritätsding. Wenn ich darüber nachdenke, formt sich ein Kloss in meinem Hals. Was hätte ich darum gegeben, eine solche Hebamme bei Idas Geburt an meiner Seite zu haben. Eine Hausgeburt wäre hingegen nicht so mein Fall gewesen. Ich weiss, das klingt irrational, aber es ist so, wie es ist.

Neulich schrieb der Chefarzt einer Frauenklinik in einem Zeitungskommentar, er sei sicher, dass der Hebammenberuf und das Geburtshaus Auslaufmodelle seien. Ich hätte ihm am liebsten einige Statistiken um die Ohren gehauen. Bei neun von zehn Frauen, die sich für eine hebammengeleitete Geburt entschieden haben, bleibt der Damm intakt. In den meisten Spitälern liegt die Dammrissrate bei circa 30 Prozent, bei weiteren 30 Prozent der Gebärenden wird der Damm «zur Sicherheit» unter der Geburt eingeschnitten. Ähnlich eindrücklich sieht es bei der Kaiserschnittrate aus. Neun von zehn Frauen im Geburtshaus gebären spontan, nur jede zehnte benötigt einen Kaiserschnitt und muss deswegen verlegt werden. In den Spitälern liegt die Kaiserschnittrate mittlerweile bei über 32 Prozent.

* Eine Peridural- oder Epiduralanästhesie (kurz PDA) kann dafür sorgen, dass sich die werdende Mutter entspannt und neue Energie für die Geburt sammelt. Auch wer die Geburtsschmerzen als sehr stark empfindet, kann mit einer PDA schmerzarmer gebären. Bei einer PDA wird der Wehenschmerz durch eine örtliche Betäubung des Rückenmarks verringert oder unterbunden.

Autor: Bettina Leinenbach