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22. April 2014

Geboren, um zu sterben

Es gibt Geschichten, die dürfen wir Journalisten einfach nicht erzählen. Obwohl wir uns gerne über diese wichtige Regel hinwegsetzen. Um eine gute Story ins Blatt zu bringen, um dem Chef zu imponieren, um einen Preis zu gewinnen. Manchmal sind wir Journalisten aber nur Menschen, die etwas mit anderen teilen müssen, weil wir ausnahmsweise sprachlos sind. Ich werde das nun versuchen. Sie werden keine richtigen Namen lesen, keine Details erfahren. Es geht auch nicht um die Familie, von der ich Ihnen erzählen will. Es geht darum, dass das auch Ihnen hätte passieren können. Oder mir.

Ich habe eine entfernte Bekannte, die gerade ihr zweites Kind erwartet. Ein Wunschkind, wohlgemerkt. Mit jedem Zentimeter, den ihr Bauch wuchs, wuchs auch die Vorfreude. Um die 20. Schwangerschaftswoche stand der grosse Ultraschall an. Sie erinnern sich vielleicht: Da vermisst der Arzt das ganze Kind, überprüft, ob es zehn Fingerchen und zehn Zehchen hat, erfasst seinen Bauchumfang, klärt ab, ob das Kleine richtig wächst und so weiter. Meine Kollegin kannte das alles schon von ihrer ersten Schwangerschaft. Doch dann wurde alles anders. Die Ärztin gab sich wortkarg und machte ein ernstes Gesicht. «Ich schlage vor, dass wir noch mehr Tests machen.» Da ahnte meine Bekannte, dass etwas nicht stimmte. Wenig später dann die Schockdiagnose: «Ihr Baby hat Trisomie 18.» Die Ärztin beschränkte sich auf die wesentliche Information: «Das ist ein folgenschwerer Gendefekt, Ihr Kind wird wenige Tage nach der Geburt sterben.»

Wie fühlt es sich an, ein Baby auszutragen, für das der Anfang gleichzeitig das Ende bedeutet? Wie ist es, wenn man weiss, dass das eigene Fleisch und Blut nur noch lebt, weil es über die Nabelschnur mit einem verbunden ist? Jede Schwangerschaft endet irgendwann. Es ist wie der Countdown beim Raketenstart. Drei, zwei, eins: Start. Start ins Leben, Start ins Glück. Zumindest sollte es immer so sein. Doch was, wenn nach der Presswehe die Zeit des Abschiednehmens beginnt? An diesem Punkt versagt meine Vorstellungskraft.

Ida hat mich damals, als ich mit ihr schwanger war, dauernd getreten. Ihr Füsschen donnerte dauernd unter meinen rechten Rippenbogen. So, als sei meine Leber ein Fussball. Heute tschuttet meine Tochter leidenschaftlich gern in der Bambini-Mannschaft unseres Fussballvereins. Und Eva? Die sass bis zum neunten Monat in Steisslage auf meiner Blase. Manchmal hoppelte sie so hektisch auf und ab, dass ich mir in die Hose machte. Das mit dem Hüpfen macht sie übrigens heute noch gern. Doing-doing-doing. Ob mit einem Hüpfball, in unserem Ehebett oder auf dem Sofa.

Die Sache ist doch die: Das Wesen in unserem Bauch wird nicht erst mit der Geburt zum Menschen. Es ist bereits einer. Ich kannte meine Töchter schon, bevor ich sie im Arm hielt. Diese Bindung macht uns Mütter unendlich stark. Und gleichzeitig unendlich schwach. Wenn eines meiner Kinder weint, versetze ich Berge, um zu ihm zu gelangen. So fühlen wir Frauen. So fühlt auch meine Bekannte. In ihrem Fall ist es leider so, dass sie diesen Berg nicht versetzen kann. Kein Mensch kann das.

Ich weiss es nicht genau, aber ich schätze, dass sich der überwiegende Teil der Eltern in so einer Situation für einen Schwangerschaftsabbruch entscheidet. Vermutlich hätten wir so entschieden. Und seien Sie versichert: nicht aus Bequemlichkeit. Das ist der schmerzhafteste Schritt, den Eltern gehen können. Ich glaube einfach nicht, dass ich die andere Variante ausgehalten hätte. Deswegen finde ich, dass meine Bekannte die mutigste Frau der Welt ist. Sie hat gemeinsam mit ihrem Mann entschieden, dieses Baby zur Welt zu bringen. Nicht, weil sie gläubig ist. Nein, das ist sie nicht, zumindest nicht im konventionellen Sinn.
Ihre Motive sind irgendwie elementarer: Sie möchte bei ihrem Kind sein, wenn es das letzte Mal ausatmet. Sie hofft, dass das Kleine keine Schmerzen beim Sterben haben wird. Sie vertraut auf die Unterstützung der Pflegenden, auf die starken Arme einer Psychotherapeutin. Die Familie wünscht sich, dass der Tod so für alle greifbar wird, dass auch das ältere Kind Abschied nehmen kann. Ich, die Journalistin, lerne gerade dazu: Mutterliebe versetzt auch Berge, die man nicht versetzen kann.

Autor: Bettina Leinenbach