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12. Dezember 2011

Geboren am 7.2.1971

Sie kamen auf die Welt, als die Schweizer Frauen das Stimmrecht erhielten: Vier Frauen erzählen.

Beatrice Honold
Beatrice Honold: «Meine Mutter ist sehr stolz auf mein Geburtsdatum».

Beatrice Honold – Handarbeitslehrerin, Flawil SG

«Ich kam um 00.20 Uhr im Kreuzspital Chur zur Welt. Als die Hebamme feststellte, dass ich ein Mädchen war, soll sie gelacht und laut gerufen haben: Das Frauenstimmrecht wird heute sicher angenommen! Meine Eltern und besonders meine Mutter sind sehr stolz auf mein Geburtsdatum. Meine Mutter war damals politisch sehr aktiv, und dass Frauen in der Politik mitreden können, war ihr ein wichtiges Anliegen. Ich erinnere mich, dass am Mittagstisch, wenn die Nachrichten im Radio liefen, ich und meine Schwester still sein mussten. Sobald ich 20 Jahre alt war, ging ich wählen und abstimmen. Noch heute diskutiere ich mit meiner Mutter über Politik. Wenn wir mal nicht einer Meinung sind, können wir das so stehen lassen. Früher war das anders. Mein zehnjähriger Sohn bedeutet mir sehr viel. Er hatte einen schwierigen Start ins Leben, verbrachte nach der Geburt einige Zeit im Spital. Heute ist er gesund und stark. Ich fühle mich ihm sehr stark verbunden, und ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Jetzt durchlebt er gerade seine vorpubertäre Phase. Es ist schön, ihn in die Eigenständigkeit begleiten zu dürfen.»

Sind Sie politisch aktiv?

Ja, ich stimme ab und finde das Wählen sehr wichtig. Gedanklich und in Diskussionen bin ich politisch aktiv. Ich bin nicht Mitglied in einer Partei.

Wer ist Ihr grösstes weibliches Vorbild?

Vorbilder verändern sich im Leben. Ein eigentliches weibliches Vorbild habe ich nicht. Ich bewundere Niki de Saint Phalle, ihre bunten Frauenfiguren, Anna Freud und Familientherapeutin Virginia Satir beeindrucken mich.

Welche Vorteile oder Nachteile erleben Sie heute als Frau?

Durch die Aufweichung der klassischen weiblichen Rollen hat man als Frau alle Lebensmöglichkeiten: berufstätige Frau, Mutter, Hausfrau – alles steht einem offen. Die Herausforderung besteht darin, immer wieder die Balance in Krafthaushalt und Zeitmanagement zu finden.

Christina Cantieni Cunin: Es ist schön, eine Frau und 40 zu sein.»
Christina Cantieni Cunin: «Es ist schön, eine Frau und 40 zu sein.»

Christa Cantieni Cunin, Rechtsanwältin und Coach, Brüssel

«Ich besitze eine Beratungsfirma für Führungskräfte und Rechtsanwälte. Es ist ein Ein-Frau-Unternehmen, ich bin meine eigene Chefin. Zu mir kommen neben Frauen auch viele männliche Führungskräfte. Ich bin der Meinung, dass es mehr weibliche Energie in den Chefetagen braucht, damit die Unternehmen nachhaltiger werden. Dazu will ich einen Beitrag leisten. In meinen Coachings geht es auch darum, dass Klienten und Klientinnen lernen, ein Gleichgewicht in ihren männlichen und weiblichen Energien zu finden. Dadurch können Männer und Frauen ihre Führungskräfte stärken. Aufgewachsen bin ich am Schamserberg in Donat GR. Damals war es noch ungewöhnlich, wenn ein Mädchen aus meiner Gegend das Gymnasium besuchte. Ich war also eine Art Pionierin. Auch später war ich immer wieder in der Rolle einer Vorreiterin, so habe ich mich als eine der ersten Frauen auf Internet-Recht spezialisiert, darauf war ich im Führungskader eines grossen Unternehmens und habe dort die Rechtsabteilung aufgebaut. Seit 2004 lebe ich mit meinem Mann und unseren drei Kindern in Belgien. Eine Zeit lang bin ich als Lobbyistin im EU-Parlament ein- und ausgegangen. Ich mag das internationale Ambiente in Brüssel. Eines Tages möchte ich mit meiner Familie in die Schweiz zurückkommen. Wann das sein wird, steht aber noch in der Sternen.»

Gehen Sie wählen und abstimmen?

Ja, auch als Auslandschweizerin. Da ich zusätzlich die belgische Staatsbürgerschaft erworben habe, kann ich sogar für das belgische- und das EU-Parlament wählen.

Wer ist Ihr grösstes weibliches Vorbild?

Meine Mutter. Mit ihrer warmen Ausstrahlung zieht sie die Kinder an wie ein Magnet. Was gibt es Schöneres?

Welche Vorteile oder Nachteile erleben Sie heute als Frau?

So denke ich gar nicht über das Frausein nach. Es ist einfach etwas anderes eine Frau oder ein Mann zu sein. Meine Schwangerschaften und die Stillzeiten waren für mich sehr intensive Momente, und diese konnte ich selbstverständlich nur als Frau erleben. Ich finde es schön, eine Frau und 40 zu sein. Für mich ist das der Beginn eines neuen Lebensabschnitts.

Barbara Lüscher: «Ich habe früh gelernt, mich durchzusetzen.»
Barbara Lüscher: «Ich habe früh gelernt, mich durchzusetzen.»

Barbara Lüscher, Gemeindeschreiberin beim Regierungsstatthalteramt, Herzogenbuchsee BE

«Ich habe früh gelernt, mich durchzusetzen — als meine drei Brüder meine Puppen demolierten beispielsweise oder als mich in der vierten Klasse einmal dieser Junge aus der neunten Klasse hänselte. Meine Mutter erzählt noch heute stolz, wie ich es ihm gezeigt habe, ich ihn einfach geohrfeigt habe. Es war nicht immer ganz einfach, als Zweitjüngste auf einem arbeitsintensiven Bergbauernhof aufzuwachsen. Aber wenn ich genau darüber nachdenke, so stimmt es schon: Ich war Vaters Liebling. So wurde mir natürlich nur diejenige Büez zugeteilt, für die es nicht sehr viel Kraft brauchte. Meine Brüder haben den Bauernhof der Eltern übernommen. Das wäre nichts für mich gewesen. Ich bin gerne ungebunden. Ich habe am gleichen Tag Geburtstag wie meine Mutter. Dass das ein wichtiges Datum ist für die Frauen in der Schweiz, wurde mir aber erst vor zehn Jahren bewusst, als mich eine Zeitung porträtierte. Ich arbeite als Gemeindeschreiberin und Bauverwalterin beim Regierungsstatthalteramt, das ist die Aufsichtsbehörde über die Berner Gemeinden. Wenn ich mit meiner Arbeitskollegin bei den Gemeinden auf Inspektion gehe, versuche ich den Leuten immer gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem ich sage: Jetzt kommen halt nur wir Frauen. Denn oftmals sind die Leute irritiert, dass nicht der Chef persönlich vorbeikommt. Vorbehalte weil ich eine Frau bin, spüre ich in meinem Berufsalltag kaum mehr.»

Sind Sie politisch aktiv? Gehen Sie wählen und abstimmen?

Während meiner Lehre auf einer Gemeinde musste ich die 1700 Stimmcouverts eigenhändig abpacken und verschicken. Es gehörte definitiv nicht zu meinen Lieblingsaufgaben. Dass dann jeweils nur ein Drittel der Couverts zurückkam, hat mich noch mehr frustriert. Sobald ich 18 war, ging ich dann an die Urne, das war für mich selbstverständlich.

Wer ist Ihr grösstes weibliches Vorbild?

Ich bewundere all diejenigen, die sich um die schwächsten Mitglieder in der Gesellschaft kümmern.

Welche Vorteile oder Nachteile erleben Sie heute als Frau?

Frauen werden als gute Verhandlungspartnerinnen geschätzt. In Männerdomänen haben Frauen meist einen Bonus. Aus meiner Sicht müssen Frauen im gleichen Job wie Männer immer noch mehr leisten, um die gleiche Anerkennung und den gleichen Lohn zu erhalten.

Marlis Artho: «Ich erzähle stolz von meinem Geburtsdatum.»
Marlis Artho: «Ich erzähle stolz von meinem Geburtsdatum.»

Marlise Artho, kaufmännische Sachbearbeiterin, Urdorf ZH

«Mir war schon sehr früh bewusst, dass ich an einem historischen Tag zur Welt gekommen bin. In unserer Küche hing immer ein Abreisskalender. Das Zettelchen vom 7. Februar habe ich aufbewahrt, hinten drauf stand: Annahme des Frauenwahl- und Stimmrechts. Noch heute erzähle ich stolz von der Bedeutung meines Geburtsdatums. Auf ein grosses Echo stosse ich aber nicht. Vielmehr langweilt es die Leute. Ich muss immer wieder erstaunt feststellen, dass Leute in meinem Alter gar nicht wissen, dass in der Schweiz die Frauen politisch erst seit 1971 mitreden dürfen.

Als ich 15 Jahre alt war, starb meine Mutter. Ein Jahr später zog ich aus, um in der Gastronomie eine zweijährige Ausbildung zu machen. Meine Mutter war sehr altmodisch. Dass Mädchen spätestens mit 23 heiraten würden, war für sie klar. Ich hatte jedoch nie den Wunsch, eine eigene Familie zu gründen. Ich und meine drei Geschwister wurden schon früh zur Selbständigkeit erzogen. Mit zehn Jahren habe ich auf der Post schon Einzahlungen gemacht, jeder musste einem Ferienjob nachgehen und zu Hause im Haushalt Verantwortung übernehmen. Vielleicht kann ich mich deshalb so gut durchbeissen. Ich hatte diverse Jobs in sechs verschiedenen Branchen und konnte mich so beruflich weiterentwickeln. Seit fast drei Jahren arbeite ich in einer Garage. Ich bin hier sozusagen das Mädchen für alles — die Bezeichnung stört mich aber nicht. Es bedeutet lediglich, dass ich mit jedem Problem fertig werde und für alles eine Lösung finde. In wenigen Monaten werde ich die Stelle wechseln. Und nächstes Jahr will ich eine Weiterbildung machen.»

Sind Sie politisch aktiv?

Ich gehe sehr selten abstimmen und wählen. Mir ist es aber sehr wichtig zu wissen, dass ich theoretisch wählen und abstimmen gehen könnte.

Wer ist Ihr grösstes weibliches Vorbild und warum?

Ich habe kein bestimmtes Vorbild. Es gibt aber viele Freundinnen, die ich bewundere, wie sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Sicher ist aber mein Vater ein Vorbild. Er hat trotz vieler Schicksalsschläge die Lebensfreude und den Mut nicht verloren.

Welche Vorteile oder Nachteile erleben Sie heute als Frau?

Manchmal denke ich, Frau kann es niemandem recht machen. Ist man mit 40 noch nicht verheiratet und Mutter, wird man gerne als Emanze abgestempelt.

Diese und 13 weitere Frauen porträtiert das Buch «Geboren am 7.2.1971. Die Mütter und Töchter des Frauenstimmrechts», erschienen im HEP-Verlag (2011). Erhältlich bei Ex Libris.

Autor: Nathalie Bursać

Fotograf: Annette Boutellier