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12. September 2016

Spurensuche im Geisterhaus

Das Arthur Findlay College im englischen Essex zieht seit über 50 Jahren Spiritualisten und Hellseher aus aller Welt an. Auch Schweizer Geistheiler pilgern zweimal jährlich zum stattlichen Anwesen, um Kontakt mit der jenseitigen Welt aufzunehmen. Im Video (unten): Der Alltag im College.

Die Medien Albert Staub (54) und Raffaela Forte (53) in einem Übungsraum des Arthur Findlay College.
Die Medien Albert Staub (54) und Raffaela Forte (53) in einem Übungsraum des Arthur Findlay College – Lernstoff: gegenseitiges Heilen.

«Gehen Sie in die Spooky Hall?» Der Taxifahrer grinst. Das englische Wort «spooky» bedeutet übersetzt gespenstisch, schaurig, spukhaft – wie treffend. Ab Flughafen London Stansted dauert die Fahrt zur ­sagenumwobenen Ausbildungsstätte Arthur Findlay College etwa zehn Minuten. Die Grafschaft Essex zeigt sich auf dem Weg dorthin von ihrer besten Seite: Romantische Backsteinhäuser, satte Wiesen und verschlungene Wege prägen das Bild. Einen halben Kilometer abseits des 5500-Seelen-Dörfchens Stansted Mountfitchet befindet sich das Anwesen. In den Gemäuern der imposanten Stansted Hall werden seit 1964 spirituelle Menschen geschult. Während einer Ausbildungswoche bilden bis zu 100 Studenten ihre Sensitivität aus oder weiter. Zur Auswahl stehen Programmpunkte wie mediales Heilen, Kontaktaufnahme mit dem Jenseits, spirituelles Malen, experimentelle Trancezustände oder Vorträge über Spiritualität und Wissenschaft.

Dass das College sich in England befindet, ist kein Zufall: Der Spiritualismus ist dort eine wichtige Religion; fünf Prozent der Bevölkerung glauben daran. Statt an die zehn Gebote hält sich die Glaubensrichtung an sieben Grundsätze, darunter die Betrachtung von Geistwesen als Vermittler. Und genau darum geht es im College: Durch die Kontaktaufnahme mit der geistigen Welt sollen sich Energien und Informationen ins Diesseits übertragen. Als deren Boten dienen die sogenannten Medien. Soll die Übermittlung von Energien Menschen heilen, bezeichnen sie sich als «Geistheiler».

Raffaela Forte
Raffaela Forte

Eine von ihnen ist Raffaela Forte. Die 53-Jährige war vor 17 Jahren zum ersten Mal im College und arbeitet in der Nähe von Lenzburg AG vollberuflich als Heilerin. «Die starke Sensitivität liegt bei uns in der Familie. Schon seit vier Generationen können wir diese Gabe beobachten», sagt sie. Anders war es bei Claudine Henzi (62) aus Grenchen SO. Als Kind seien Leute neben ihr gestanden, die andere nicht gesehen hätten. «Also habe ich diese Wahrnehmungen unterdrückt und weggeschoben», erzählt sie. Erst im Erwachsenenalter habe sie sich intensiver mit ihrem Zugang zur geistigen Welt auseinandergesetzt. Wenn sie etwas spüre, sei das sehr intensiv – eine Art Energie, die sich verdichte: «Manchmal spürt man das, manchmal riecht man etwas, manchmal fühlt oder sieht man etwas, und manchmal weiss man einfach: Eine andere Präsenz ist anwesend.»

Verrückte Gegenstände und aktivierte Handys

Mit Geistern im Sinne von Horrorfilmgestalten à la «Poltergeist» hat das allerdings nichts zu tun. «Die geistige Welt bezeichnet all das, was die meisten Menschen nicht wahrnehmen können», erklärt Steven Upton (60). Der Brite ist seit 1979 im College, seit über 20 Jahren als Lehrer. Zudem ist er Vizepräsident der Spiri­tualists’ National Union. In der Schweiz ist Upton eine Ikone; seine Vorführungen, auch Séancen genannt, werden unter anderem in der Broschüre des Basler Psi-Vereins beworben. Im vergangenen Dezember bot Upton in Basel einen viertägigen Trance- Workshop an. Kostenpunkt: 700 Franken.

Claudine Henzi
Claudine Henzi

Die Studentin Claudine Henzi absolvierte 2013 an der Medialen Akademie Schweiz in Einsiedeln SZ eine Heilerausbildung, wo sie das Schwyzer Medium Nicola Tuchlinski (47) kennengelernt hat. Beide belegen im Albert Findlay College einen Kurs, die sogenannten Schweizer Wochen. Auf die Frage, ob es in den alten Gemäuern denn spuke, antwortet Tuchlinski lachend: «Es spukt hier zwar nicht, aber es gibt gewisse Phänomene – Dinge haben sich schon verschoben, oder das Handy ging von alleine an.»

Die Ansicht, dass es mehr gibt als das, was mit blossem Auge zu sehen ist, teilen viele Schweizerinnen und Schweizer: Laut einer aktuellen Erhebung des Bundesamts für Statistik glauben 58 Prozent der Frauen und 37 Prozent der Männer «eher oder sicher» an Engel oder übernatürliche Wesen, die über uns wachen. Und mehr als die Hälfte der befragten Frauen ist überzeugt, dass es Personen gibt, die über die Gabe des Heilens oder Hellsehens verfügen. Es erstaunt deshalb nicht, dass die Schweizer Woche überwiegend weibliche Teilnehmende jenseits der 40 anzieht. Steven Upton wagt einen Erklärungsversuch: «Frauen sind oft sensibler und empfänglicher für Signale. Zudem haben sie meistens erst ab einem gewissen Alter genug Zeit für die Entwicklung ihrer Sensitivität, da vorher Kinder oder Karriere den Alltag dominieren.»

Albert Staub
Albert Staub

Botschaften aus der geistigen Welt empfangen könne jeder. Man müsse diese Eigenschaft bloss schulen. Insgesamt sechs Tutoren sind während der Schweizer Woche anwesend, da- runter echte britische Szenegrössen wie Sandie Baker und Bill Thomson. Baker ist auf Jenseitskontakte spezialisiert, Thomson auf Trance, das Empfangen von Botschaften der geistigen Welt in verändertem Bewusstseinszustand. Zu seinen Studenten zählt etwa der Versicherungsmakler Albert Staub. «Durch Trance kann ich mit der Seele kommunizieren und verdrängte Erfahrungen an die Oberfläche holen», beschreibt der 54-Jährige sein Handwerk. Er betreibt in Hirzel ZH einen Heilraum.

Mit der Rute auf dem Energiefeld

Die College-Tage sind lang: Sie beginnen mit einer halbstündigen Meditation, gefolgt von einem einstündigen Fachvortrag. Danach arbeiten die Schüler in Gruppen mit Tutoren zusammen. Die Verbundenheit zwischen den Studierenden ist gross; zeitweise fliessen Tränen. «In diesen Gemäuern herrscht eine geballte Energie», sagt Claudine Henzi. «Ich bin unter meinesgleichen und muss mich nicht verstecken. Das gibt Kraft.»

Bei Bill Thomson lernen die Schüler, ihr «Aurafeld» zu erweitern, damit sie für die Signale der geistigen Welt empfänglicher sind. Eine Art Wi-Fi also. Mittels zweier Winkelruten misst Thomson die Energien. Ohne erkennbare äusserliche Einflüsse kreuzen sich die Ruten, als er sich seinen Studenten nähert. «Die Ruten reagieren auf das Energiefeld», erklärt der Dozent.

Nicola Tuchlinsky
Nicola Tuchlinsky

Die Bauarbeiten auf diesem Energiefeld begannen 1871. Fünf Jahre später war das Herrenhaus fertiggestellt. Heute ist das Anwesen denkmalgeschützt; 60 Mitarbeiter kümmern sich um Gebäude, Garten und Gäste. Eine Woche Vollpension inklusive Kurse kostet umgerechnet rund 750 Franken. Die Studierenden betrachten den Betrag als Investition. Für private Sitzungen verrechnen die Medien 120 bis 150 Franken pro Stunde. Ein lukratives Geschäft also? Keineswegs, findet Nicola Tuchlinski: «Die wenigsten Medien können davon leben. Oft helfen wir auch, ohne etwas zu verlangen.» Von TV-Grössen wie Mike Shiva halten die meisten wenig. «Es mag sein, dass er Menschen helfen kann. Für mich ist das reine Geldmacherei. Medien sind keine Wahrsager, und wir können niemals eine Garantie für unsere Einschätzungen abgeben», räumt Nicola Tuchlinski ein.

Um 21 Uhr ist der offizielle Teil des Tagesprogramms beendet. Die Studenten und Dozenten spazieren im riesigen Park des Anwesens oder wandeln in den alten Gemäuern – nicht auszuschliessen, dass darin eben doch das eine oder andere Wesen herumspukt.

Der Alltag im College

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Philipp Ebeling