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24. November 2014

«Kriege sind nicht die Ausnahme, sie sind Alltag»

Der Impuls zu töten steckt tief in uns, sagt der Biochemiker Hans Günter Gassen. Umso wichtiger sei es, dieses evolutionäre Erbe mittels Erziehung und verbesserter Lebensumstände in Schach zu halten.

Hans Günter Gassen
Der Biochemiker Hans Günter Gassen hat ein Buch über das Töten geschrieben.

Hans Günter Gassen, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass in bestimmten Situationen jeder zum Mörder werden kann. Sie auch?

Wenn mein eigenes Leben in Gefahr wäre, würde ich mich mit allen Mitteln verteidigen. Auch emotionale Situationen könnte ich mir vorstellen: Wenn mich meine Frau mit meinem besten Freund betrügen würde, ich sie dabei erwischte und gerade ein Beil zur Hand hätte … ich weiss nicht, ob ich mich in so einer Situation kontrollieren könnte.

Der Mordimpuls steckt in uns allen, schreiben Sie. Er diene dem Überleben, sei eine eigentliche evolutionäre Überlebensstrategie.

Der Mensch kann nur langsam laufen und hat auch kein starkes Gebiss mit Reisszähnen, im Grunde ist er eine Fehlentwicklung der Evolution. Er ist körperlich schwach und deshalb ständig Gefahren ausgesetzt. Diese konstante Angst hat ihn über Jahrtausende geprägt und sich in seiner DNA festgeschrieben. Die angeeigneten Überlebensstrategien sind unser evolutionäres Erbe – darunter auch der Mordimpuls. Das sieht man auch daran, dass unser Hormonsystem darauf ausgerichtet ist, solche Taten auszuführen, etwa mit der Ausschüttung von Adrenalin im richtigen Moment. Der Mensch verliert seine Beherrschung und tötet.

Anders gesagt: Wir sind im Grunde die Nachfahren von erfolgreichen Mördern?

Von Menschen, die erfolgreich alles getan haben, um sich und ihre Gemeinschaft vor dem Tod und damit dem Aussterben zu schützen. Vor 10 000 bis 20 000 Jahren kam noch das Besitzkonzept hinzu. Damals entwickelten sich Raub und Mord aus Habgier.

Hans Günter Gassen
Hans Günter Gassen

Aber ist es wirklich so, dass wir quasi evolutionär programmiert sind und gar nicht anders können? Hängt das nicht primär von den Umständen und der Erziehung ab?

Klar. Besonders die frühkindliche Erziehung ist extrem wichtig für das spätere Verhalten. In uns tragen wir zwar diese Veranlagung zur Verteidigungsbereitschaft mit allen Mitteln, aber ob und durch was das ausgelöst wird, hängt von unserer Sozialisation und unseren Lebensumständen ab. Und auch von der Angst vor Bestrafung. Wenn der Täter weiss, dass er erwischt und hart bestraft wird, reduziert das seine Bereitschaft, ein Verbrechen zu begehen.

Das hiesse, je härter die Gesetze, desto weniger Gewalt. Die USA sind ein Gegenbeispiel – dort ist der Strafvollzug härter als in Europa, bis hin zur Todesstrafe, aber es gibt tendenziell mehr Gewalt und Tote.

Das liegt einerseits an den lockeren Waffengesetzen, hat aber sicher auch damit zu tun, dass die amerikanische Identitätsfindung verglichen mit der europäischen erst relativ kurze Zeit dauert. Eine gewisse Cowboymentalität ist noch immer präsent und bleibt wegen der Waffenlobby gesellschaftlich salonfähig. Für viele ist die ständige Verteidigungsbereitschaft selbstverständlich. Ein Stück weit ist das in der Schweiz ja auch noch so: Wer Militärdienst leistet, hat eine einsatzbereite Waffe zu Hause.

Das ist ja auch nicht unumstritten.

Dennoch finde ich, dass die Schweiz diesbezüglich das bessere System hat als Deutschland mit seiner Berufsarmee. Ich halte eine gewisse Wehrbereitschaft für wichtig. Gerade die jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten und in der Ukraine zeigen auch, dass es ohne Wehrhaftigkeit keine Freiheit und kein Glück gibt. Unsere ungeheure Lebensqualität ist nicht geschenkt: Wir müssen bereit sein, sie zu verteidigen.

Ich halte eine gewisse Wehrbereitschaft für wichtig.

Die Faszination für Waffen aller Art fängt bei männlichen Kindern schon früh an. Sehen Sie da auch genetische Gründe?

Mindestens teilweise. Ich denke, wir sehen da bereits ein gewisses Reproduktionsverhalten: Jungs müssen sich gegen Rivalen durchsetzen, um das Mädchen zu bekommen, das ist quasi biologisch so programmiert. Deshalb sind sie aggressiver und können Spielzeugwaffen nicht widerstehen. Aber auch die Mädchen sind aggressiver geworden.

Trotzdem ist schon primär der Mann das Problem. 87 Prozent aller Mörder in den USA sind Männer – und 75 Prozent der Opfer.

Das ist so. Und ich denke, auch hier spielt die biologische Triebfeder der Reproduktion eine wichtige Rolle. Aber so was kann mit der Sozialisation kulturell abgeschwächt und vielleicht sogar irgendwann mal aufgelöst werden. Die westeuropäischen Gesellschaften sind diesbezüglich weit fortgeschritten, auch, weil Frauen gesellschaftlich eine immer wichtigere Rolle spielen.

Sie betonen im Buch weiter, dass Gewalt und Mord historisch immer wieder religiös legitimiert worden sind. In vielen Teilen der Welt funktioniert das noch immer, im säkularen Europa nicht mehr?

Das ist tatsächlich so – ein grosses Verdienst der Aufklärung. Der reduzierte Einfluss der Kirchen hat aber auch mit der Qualität des Diesseits zu tun. Verglichen mit früher leben wir sehr gut, dadurch hat die Sehnsucht nach einem glücklicheren Jenseits stark abgenommen. Es wäre zu wünschen, dass die Muslime durch einen ähnlichen Prozess gehen, denn die grösste Gewaltbedrohung geht heute von einigen Formen des Islams aus.

Je geringer die Macht der Religion, desto friedlicher die Welt?

Mit Sicherheit. Wobei weniger die Re­ligion an sich das Problem ist, schuld sind machtversessene Glaubensgemeinschaften und Religionsführer.

Die Frage ist doch, weshalb es so leicht ist, Menschen zum Töten zu motivieren?

Trotz aller historisch belegten Schrecklichkeiten gibt es noch immer Kriege. Ist nicht die leichte Aufhetzbarkeit von Menschen das entscheidende Problem?

Schon, aber die Frage ist doch, weshalb es so leicht ist, Menschen zum Töten zu motivieren? Weil die Veranlagung eben da ist und von charismatischen Anführern gezielt genutzt werden kann. Aber Mörder, auch wenn sie sich als Freiheitskämpfer tarnen, muss man bestrafen.

Und: Je höher die soziale Ungleichheit, desto eher gibt es gewalttätige Konflikte.

Je schlechter es den Leuten geht, desto weniger haben sie zu verlieren. In Westeuropa ist das Leben auch deshalb so friedlich, weil es dank hohen Wohlstands allen relativ gut geht. Wo die Schere zwischen Arm und Reich extrem ist, steigen die Tötungsraten. Es liegt also auch im Interesse der Wohlhabenden, dafür zu sorgen, dass diese Schere nicht noch weiter aufgeht.

Im Buch klingen Sie ziemlich pessimistisch, was die Zukunft der Menschheit betrifft. Aber hat sich die Welt nicht trotz aller Morde und Kriege in den letzten 100 Jahren stets verbessert, teils sogar dramatisch?

Da ist einiges, das zu Hoffnung Anlass gibt. Noch nie haben wir in Westeuropa so lange in Frieden und Wohlstand gelebt wie in den letzten Jahrzehnten. Aber die Diskrepanz zwischen unserem Leben hier und dem Leben vieler anderer ist gewaltig, das Elend dort gross. Korrupte Regierungen und katastrophale Verwaltungen sorgen dafür, dass an sich reiche Länder wie der Kongo auf keinen grünen Zweig kommen. Viele leiden auch unter enormer Überbevölkerung. Damit sich in diesen Ländern etwas ändert, braucht es einen gewaltigen Wandel hin zum Gemeinsinn. Wenn das nicht passiert, sehe ich schwarz. Denn historisch gesehen, sind die Menschen immer irgendwann woandershin marschiert, wenn es ihnen zu schlecht ging – dorthin, wo es etwas zu essen oder zu rauben gab. Wenn sie heute marschieren, dann zu uns.

Mord und Krieg sind beliebte Themen zur Unterhaltung in Büchern, Filmen und Computerspielen. Kompensieren wir so, dass wir in der Realität damit kaum mehr konfrontiert sind?

Absolut. Bei Computerspielen wie Ego-Shootern wird ein vorhandener Instinkt zur Ausschaltung des Gegners auf die virtuelle Ebene verschoben. Und Krimis scheint es immer mehr zu geben, am gewalttätigsten sind erstaunlicherweise die aus den so friedlichen skandinavischen Ländern. Vielleicht muss dort am meisten kompensiert werden. Zudem erlebt der Leser die Genugtuung, dass der Täter fast immer erwischt wird.

Jeder möchte doch mal fies sein, ohne erwischt zu werden.

Es gibt aber auch Bösewichte, die zu Stars geworden sind: Darth Vader aus «Star Wars», Hannibal Lecter aus «Silence of the Lambs», Freddy Kruger aus «Nightmare on Elm Street». Spielt da die Faszination des Bösen?

Ganz klar. Schon die Bibel hat uns erklärt, dass es neben Gott auch den Teufel gibt. Der hat zum Beispiel in Goethes «Faust» einen sehr prominenten Auftritt – und ist natürlich die viel interessantere Figur. Die Faszination entsteht aber auch durch die Ausstattung und Machtfülle der Bösen. Jeder wünscht sich doch, er wäre so mächtig und könnte ein Mal im Leben richtig fies sein, ohne erwischt zu werden.

Sie sind ja eigentlich Biochemiker. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Ich wurde 1938 in Deutschland geboren, bin in der Nachkriegszeit gross geworden und dort immer wieder mit Gewalt konfrontiert gewesen. Heute hingegen finden Krieg und Mord bei uns nur noch in den Fernsehnachrichten und den Zeitungsspalten statt, wir haben keine persönliche Beziehung mehr dazu. Und mir scheint, wir drohen zu vergessen, dass Gewalt ein evolutionäres Erbe ist, das jederzeit hervorbrechen kann. Umso wichtiger ist es, Bedingungen zu schaffen, dass dies möglichst wenig geschieht. Historisch betrachtet, sind Kriege nicht die Ausnahme, sie sind Alltag – das Gleiche gilt für das Töten von Menschen. Ich wollte wissen, woher das kommt, und habe es aus der Perspektive des Molekulargenetikers und Hirnforschers untersucht.

Was haben Sie in Ihren Jugendjahren an Gewalt erlebt?

Ich lebte mit meiner Mutter und meinen Geschwistern in sehr armen Verhältnissen, mein Vater kam erst 1950 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Zehnjähriger habe ich mittels Stehlen zum Familienunterhalt beigetragen. Wenn die Amerikaner einen erwischten, gabs jeweils Prügel mit dem Gummiknüppel. Und als 14-Jähriger arbeitete ich in einer Brauerei und musste Bierkästen stapeln. Ich war der Kleinste und Schwächste und wurde deswegen ständig gedemütigt. Diese Erfahrungen haben mich geprägt.

Sie sind 76 Jahre alt. Planen Sie noch weitere Bücher?

Zwei Ideen würde ich gern noch umsetzen. Ich möchte über die Historie des Goldes schreiben, weil sich daran das irrationale Verhalten der Menschen so schön aufarbeiten lässt. Ausserdem bin ich ein grosser Fan des Mittelmeers und seiner alten Kulturen und würde gern einen spekulativen Reiseführer für die Region im Jahre 2050 verfassen.

Ein Science-Fiction-Reiseführer quasi?

Genau, mit naturwissenschaftlichem Hintergrund. Meine Frau wird von diesen Plänen allerdings nicht gern hören. Sie war früher Deutschlehrerin und wandelt meine mühsame naturwissenschaftliche Sprache in etwas Lesbares um. Mit ihrem geliebten Rotstift ermahnt sie mich dann: «Dies versteht kein Mensch!» In 90 Prozent der Fälle hat sie recht, und ich korrigiere brav.

Fotograf: Rüther/Laif, Oliver