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11. Juni 2012

Gar nicht mehr so klein

Grösse ist relativ. Letzthin gefiel mir in der Auslage eines Zürcher Geschäfts ein Turnschuh. Nike, ich lasse nichts anderes an meine Füsse; in unserer ­Familie bin nämlich ich das Marken­tussi. Nichts wie rein! «Darf ich davon vielleicht eine Elfeinhalb oder eine Zwölf probieren?», bluffe ich, auf den Schuh zeigend und wissend, dass meine Grösse 46 einer amerikanischen 12 entspricht. Der Ladenbesitzer schaut mich nur mitleidig an: «Sorry, wir starten bei Grösse 47. Schönen Tag noch!» Es war, bemerkte ich hinterher, ein Laden für grosse Grössen. Und ich hatte bis zu dem Tag gemeint, ich lebte auf grossem Fuss.

«Riesige Füsse haben unsere Kinder!»
«Riesige Füsse haben unsere Kinder!»

Aber Hans und Anna Luna werden, wenn sie so weitermachen, dort dereinst Kunden. Er braucht für die Pfadi alle paar Monate neue, grössere Wanderschuhe, ihr sind die Schuhe der Mutter — die sie vorübergehend gern stibitzte — längst zu klein, und vorige Woche wäre ich aus Versehen beinahe mit den Fussballschuhen der Tochter ins Training gefahren; wir haben beide dasselbe Modell (Er- raten: Nike). Riesige Füsse haben unsere Kinder! Dabei sind sie doch … Okay: nicht mehr ganz klein, aber noch relativ klein. Und in manchen Dingen halt schon gross. Deshalb zuckte ich letzten Freitag zurück. Schon hatte ich in einem Warenhaus nach den Italien-Leibchen greifen wollen, Kindergrösse, schön azurblau, mit grün-weiss-rotem Kragenrand. Und günstig: Fr. 19.90 das Stück. Hätt ich den Kindern fast heimgebracht …

Riesige Füsse haben unsere Kinder!

Aber, nein: Die Zeiten sind vorbei, da man die eigenen Kinder wie Teddybären behandeln, an ihnen seine Spleens und Kindlichkeiten ausleben konnte. Die blau-weiss gestreiften Latzhosen! Das grüne Mäntelchen! Alles schön in meiner «Enkel»-Kiste im Keller aufbewahrt, wenngleich ich zugebe, dass wir mit den Kindern, als sie noch echt klein waren, wohl zuweilen wie mit Puppen umgingen, wenn wir ihnen anzogen, was wir süss und richtig fanden. Ich weiss noch genau, wie ich Anna Luna ihr erstes Italien-Trikot kaufte. «Als wärs gestern gewesen», pflegen wir sentimentalen Oldies zu sagen, aber es war vor zwölf Jahren, und nun lassen sich unsere Kinder nicht mehr vorschreiben, für wen sie an der EM zu schwärmen hätten. Sie sind jetzt selber gross, die Kleinen. Und das ist ja das Wunderbare. Hans zum Beispiel gönnt sich die Freiheit, sich für Fussball gar nicht besonders zu erwärmen. Für einen Jungen ein geradezu emanzipatorischer Akt, bewundernswert. Und wenn, dann ist er für Dänemark. Anna Luna, noch ungeübt in Endrunden, an denen die Schweizer nicht dabei sind, wird «von Fall zu Fall entscheiden».

Ich selber will fiebern, fluchen … und leiden. Mein Festhalten an den Azzurri hat mir über all die Jahre viel Hohn und Schimpf eingetragen, aber immerhin zwei Weltmeistertitel. Dennoch würde ich, forderte ich Anna Luna zur Loyalität auf, vermutlich die Standardantwort ernten: «Chasch grad vergässe, Vati!» Sagt sie meistens. Selbst dann, wenn sie mich um Rat gefragt hat. Ein frühmorgendlicher Dialog tönt dann etwa so: «Welches Tii-Schi würdest du zu diesen Hosen anziehen, das violette oder das rote?» Ich: «Also, ich würde das …» — «Chasch grad vergässe, Vati!»

Ihre Resolutheit hat freilich Vorteile. Dringt — obgleich solcherlei Telefonwerbung ja nun verboten ist — wieder mal einer durch, der uns ein ganz besonderes Olivenöl aufschnorren will, sagt unsere Grosse nur: «Chöit der grad vergässe!»


Bänz Friedli live:16. 6. Bern, Quartierzentrum Tscharnergut, 13 Uhr.

Bänz Friedi (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli