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19. November 2012

Game over

Die Kleinen beherrschen den Umgang mit dem iPad
Schon die Kleinen beherrschen den Umgang mit dem iPad oder neuen Smartphones oft bestens. (Bild iStockPhoto)

Der Code lautet 1-1-0-8. Damit kommt man an das iPhone, an das iPad und an den Computer. Einseinsnullacht, einseinsnullacht. Ich könnte die Zahlen an unsere Küchenwand sprayen, ich könnte sie mit dem Messer ins Butterbrot kratzen, ich könnte sie laut singen. Spielt alles keine Rolle, denn die Person, die den Code auf keinen Fall knacken darf, ist erst vier Jahre alt. Da kennt man sich noch nicht so aus mit Zahlensymbolen.

Bis vor wenigen Tagen waren die besagten Geräte noch nicht gesichert. Doch nun mussten wir zum Bedauern von Apple und Co. zu diesem Mittel greifen. Als vor wenigen Wochen in allen Medien zu lesen war, Mark Zuckerberg plane, das soziale Netzwerk Facebook auch für Kinder zu öffnen, fand ich die Meldung albern. Zumal es Lichtjahre von meiner Lebenswelt entfernt war. Meine Kinder spielen mit Babypuppen und nicht mit Smileys. Sie posten nicht, sie gehen allenfalls mal mit mir «poschten».

Und nun das: Vor wenigen Tagen sass meine Erstgeborene Ida an ihrem Lieblingsplatz. Der befindet sich hinter dem grossen, roten Ohrensessel. Dort ist es gemütlich, dort ist es ruhig. Anfangs dachte ich, sie würde einfach nur relaxen, sich vor ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Eva verstecken. Doch dann sah ich ihren Ellenbogen, der rhythmisch zur Seite schoss. Ich kniete mich auf die Sesselsitzfläche und lehnte mich vorsichtig über die Rückenlehne. Dahinter sass meine Vierjährige. Im Schneidersitz. In ihrem Schoss lag mein (!) iPad. Ihre kleinen Finger wischten hektisch über die Oberfläche des Minicomputers. Sie tippte Icons an, kopierte Elemente und regulierte die Lautstärke. Obwohl alles auf den ersten Blick konzeptlos aussah, öffnete sie ein Spiel und begann mit dem ersten Level.

Ich war sprachlos. Und mir kam wieder die Facebook-für-Kinder-Debatte in den Sinn. Wer jünger als 13 Jahre ist, darf dort bisher kein Konto einrichten. So viel zur Theorie. In der Praxis haben mehrere Millionen Primarschüler bereits ihre eigene Social-Network-Seite. Es ist dem System vollkommen egal, wie alt die User sind. Man kann dort als Geburtsdatum beispielsweise den 1. Januar 1905 eingeben. Kein Problem. Laut einer Studie von Microsoft helfen viele Eltern ihrem Nachwuchs sogar bei der Erstanmeldung. Meiner Meinung ist diese Diskussion also überflüssig. Die Verantwortung liegt nicht bei einem Computerprogramm, sondern bei Mama und Papa. Sie müssen entscheiden, ob ihr Kind bereit für das Medienuniversum ist. Sie müssen sich die Zeit nehmen, ihm die Mechanismen zu erklären, mit denen Herr Zuckerberg und seine Kollegen Milliarden scheffeln. Sie müssen das Kleine für das Thema Privatsphäre sensibilisieren, und sie müssen ihm klar machen, dass soziale Medien wie Facebook kein Ersatz für echte face-to-face-Freundschaften sind. Es spielt keine Rolle, ob das Kind 8, 10 oder 12 Jahre alt ist. Computer, Handys, Internet – all das gehört zu unserer Zeit. Ich finde, das ist fantastisch. Von meiner Seite also keine Spur von Kulturpessimismus, wenn es um das Thema «Digitale Medien» geht.

Das eben Gesagte gilt aber nur für Kinder, deren geistige Reifung einen gewissen Grad erreicht hat. Es lässt sich aber nicht auf Vierjährige übertragen, für die eine Welt zusammenbricht, wenn der Ketchup nicht auf den Spaghetti, sondern daneben landet. Deshalb haben mein Mann und ich uns entschlossen, unsere Geräte zu sichern. Und zwar, bevor die lieben Kinder in einem unbeaufsichtigten Moment nach Afghanistan telefonieren und anschliessend alle E-Mails der letzten drei Jahre löschen. Und bevor sie ohne unser Wissen ihre eigenen Facebook-Accounts eröffnen und private Fotos von unserer Hochzeit posten.

APPS FÜR DIE GANZ KLEINEN
Hier eine Auswahl an geeigneten Apps für Dreikäsehochs:

«Meine erste App – Tiere»: Interaktives Tierlexikon in Fotoqualität, die typischen Geräusche der jeweiligen Tiere werden beim Antippen aktiviert. Nervt zwar ein bisschen, aber Sie müssen ja nicht hinhören, ab 1-2 Jahren, iPhone und iPad.

«Schlaf gut»: Kinderbuch, bei dem die Kleinen verschiedene Tiere ins Bett bringen und anschliessend das Licht ausschalten müssen. Sobald auch das letzte Tier eingeschlafen ist, muss das Kind dann auch ins Bettchen. Ab 2 Jahren, für iPhone, iPod und iPad.

«Für kleine Maler»: Vielseitiges Zeichenlernprogramm mit Zusatzfunktionen. Ab 4 Jahren, nur für das iPad.

«Dr. Panda’s Hospital»: Das Kind schlüpft in die Rolle eines Tierarztes, der vom Eisbären über die Maus bin hin zum Elefanten alle behandeln muss. Die Therapie findet jeweils in Form eines kleinen Geschicklichkeitsspiels statt. Ab 3 Jahren, iPhone, iPod und iPad.

Autor: Bettina Leinenbach