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07. Juli 2014

Game of Thrones vs. The Lord of the Rings

Lange Zeit war J. R. R. Tolkiens «The Lord of the Rings» der Massstab in Sachen Fantasy – in der Literatur ebenso wie im Film. Mit George R. R. Martins «A Song of Ice and Fire» (rechts: Interview mit dem Autor), auf dem die HBO-Serie «Game of Thrones» basiert, ist ihm nun ernsthafte Konkurrenz erwachsen. Wo sind die Werke vergleichbar? Wo nicht? Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Thrones vs Rings
«Game of Thrones» und «The Lord of the Rings» gehören weltweit zu den populärsten Fantasy-Werken.

Die Story

Auch als Fan muss man einräumen, dass die Geschichte von «The Lord of the Rings» (LOTR) nicht eben besonders komplex ist. Eine klassische Heldengeschichte, in der die Guten gegen das Böse kämpfen und am Ende (oh Überraschung!) obsiegen. Böse Zungen spotten gern: Warum setzt Gandalf Frodo mit dem Ring nicht einfach ganz zu Beginn auf einen dieser Adler und fliegt mit ihm direkt zu Mount Doom, Sache erledigt? Da hat «Game of Thrones» (GOT) schon deutlich mehr zu bieten – eine Handlung, die auf einer Vielzahl von Schauplätzen parallel vorangetrieben wird, in der die Helden gern auch mal unter die Räder kommen und man sich ernstlich fragt, ob am Ende wirklich alles gut kommt.

LOTR: ** GOT: ****

Die Charaktere

Hier herrscht in beiden Universen eine gewisse Vielfalt, in GOT gibt es natürlich sehr viel mehr Personal, ab Buch 4 vielleicht sogar ein bisschen zu viel. LOTR geht haushälterischer und weniger ausufernd mit seinen Figuren um, dafür sind sie allesamt sehr viel einfacher gestrickt: Die Guten sind richtig gut, die Bösen richtig böse, der Ring allein schafft es, mit seiner Macht auch die Guten zu korrumpieren.

Der Held in LOTR: Frodo, der Ringträger.
Der Held in LOTR: Frodo, der Ringträger.
Einer der meist Guten in GOT: Tyrion Lannister.
Einer der meist Guten in GOT: Tyrion Lannister.

GOT hingegen wartet mit vielerlei Schattierungen von Grau auf, Figuren entwickeln sich, und einige sind schlicht pragmatische Machtpolitiker, ohne böse zu sein. Natürlich gibt es auch ein paar klare Fälle (Jon Snow: edel, Joffrey Baratheon: fies), aber alles in allem bietet GOT deutlich interessantere Charaktere als LOTR.

LOTR: *** GOT: ****

Die Monster

LOTR bietet mehr Monster, hier der Balrog.
LOTR bietet mehr Monster, hier der Balrog.

Hier hat LOTR einiges zu bieten, gerade wenn man «The Hobbit» auch noch miteinbezieht, in dessen Zentrum ein kluger, goldgieriger sprechender Drache steht. Aber nur schon Gollum, die diversen Goblins und Orks, von der Riesenspinne und dem Balrog gar nicht erst zu reden, machen LOTR zu einem Festival monströser Kreaturen.

GOT bietet zwar auch coole Drachen, aber daneben eigentlich nur noch die zombieähnlichen White Walkers. In Sachen Monster ist GOT ziemlich schwach auf der Brust.

LOTR: **** GOT: **

Die Fantasy-Elemente

LOTR-Zauberer Gandalf – kann viel, aber nutzt es nur gelegentlich.
LOTR-Zauberer Gandalf – kann viel, aber nutzt es nur gelegentlich.

Hier hält sich GOT vornehm zurück. Die Story könnte fast ganz regulär im Mittelalter spielen oder irgendwann in der Antike. Es gibt keine Zauberer, keine Elben, keine wirklich anderen Völker als Menschen. Gut, da sind die Drachen, die mysteriösen White Walkers, die erstaunlichen Fähigkeiten der Priester des Gottes R’hllor («The night is dark and full of terror.»), aber damit hat es sich auch schon. Bei LOTR, das mit Fantasy-Elementen reich gesegnet ist, kann man höchstens klagen, dass gewisse Elemente so inkonsequent eingesetzt werden. Zauberer Gandalf etwa stellt manchmal enorme Kräfte zur Schau, die an anderer Stelle Wunder wirken würden, wo er sie dann aber seltsam sparsam oder gar nicht einsetzt.

LOTR: **** GOT: ***

Die Atmosphäre

Die Welt von GOT ist düster, brutal, intrigenreich. Das Schöne, Gute und Edle hat es schwer und geht unter, wenn es im Spiel um die Macht nicht gerissen genug ist. Das führt zu einer Atmosphäre ständiger Spannung und Sorge, denn selbst wenn sich mal etwas positiv entwickelt, muss man damit rechnen, dass dies nicht von Dauer ist.

Ehrenhaft, aber das reicht leider nicht bei GOT: Eddard Stark.
Ehrenhaft, aber das reicht leider nicht bei GOT: Eddard Stark.
Gehört zu den Siegerinnen bei LOTR: Die edle Elbin Galadriel.
Gehört zu den Siegerinnen bei LOTR: Die edle Elbin Galadriel.

Die Welt von LOTR ist eine ganz andere, Edelmut und Ehre sind wichtige Handlungstreiber, und sie setzen sich am Ende auch durch. Dafür durchzieht die Geschichte eine seltsame Melancholie, eine Nostalgie für ein vergangenes Zeitalter, in dem alles noch besser, noch schöner, noch edler, ja irgendwie magisch war und das nun nach und nach abgelöst wird von der mondänen und ach so leicht korrumpierbaren Welt der Menschen. Wunderschön!

LOTR: ***** GOT: ****

Die Komplexität

In dieser Kategorie hat LOTR beim Filmvergleich nicht den Hauch einer Chance: relativ simple Charaktere in einer recht geradlinigen Story. GOT dagegen wuchert hemmungslos mit einer Vielzahl vielseitiger, komplexer Figuren in einer verwickelten Geschichte, mit dramatischen Wendungen und unerwarteten Todesfällen. Beim Buchvergleich schneidet LOTR schon besser ab, da die reichen historischen Hintergründe von Mittelerde dort stärker zur Geltung kommen.

LOTR: *** GOT: *****


Der Humor

Witz und Humor ist in beiden Büchern eher eine Randerscheinung, die jeweiligen Verfilmungen bemühen sich, davon dann und wann etwas einzustreuen, zur Auflockerung. Wer sich amüsieren will, ist aber anderswo sicher besser bedient.

LOTR: * GOT: *

Die Frauen

Ein kampfeslustige Elbin im HOBBIT: Tauriel.
Ein kampfeslustige Elbin im HOBBIT: Tauriel.
Eine starke Königin in GOT: Daenerys Targaryen.
Eine starke Königin in GOT: Daenerys Targaryen.

In Tolkiens LOTR-Romanvorlage spielen sie kaum eine Rolle, Peter Jackson hat die Frauenfiguren für seine Filme stark aufgewertet und teils sogar welche hinzuerfunden (die kämpferische Elbin Tauriel in den «Hobbit»-Filmen). GOT hingegen bietet eine Fülle interessanter, starker und vielschichtiger Frauenfiguren, vorne weg Daenerys Targaryen, aber auch Catelyn Stark, Cersei Lannister oder Brienne of Tarth.

LOTR: * GOT: ****

Sex und Gewalt

Ein Liebespaar in GOT: Loras Tyrell und Renly Baratheon.
Ein Liebespaar in GOT: Loras Tyrell und Renly Baratheon.

Sex ist in der LOTR-Welt inexistent, das höchste der Gefühle sind keusche Küsse und schmachtende Blicke. Der Unterschied zu GOT könnte dramatischer nicht sein: Sex wird insbesondere in der TV-Serie recht offenherzig gezeigt, gern auch mal zwischen zwei Männern. Bezüglich Gewalt unterscheiden sich die beiden hingegen wenig, es gibt davon reichlich. Wobei GOT wohl ein wenig expliziter ist.

LOTR: ** GOT: ****

Die visuelle Umsetzung

Angriff auf The Wall in GOT.
Angriff auf The Wall in GOT.

LOTR galt lange Zeit als unverfilmbar, bis Peter Jackson kam und das Gegenteil bewies. Die Verfilmung dürfte für lange Zeit als Standardwerk des Fantasykinos gelten, auch wenn die technischen Möglichkeiten der Spezialeffekte sich natürlich seither bereits weiterentwickelt haben. GOT hat ein deutlich kleineres Budget, weil es nur eine TV-Produktion ist. Dennoch machen die Produzenten das Beste daraus und können bei Kampf- und Schlachtszenen durchaus mit den Schauwerten von LOTR mithalten.

LOTR: ***** GOT: ****

Die Werktreue der Verfilmung

Beide nehmen sich einige Freiheiten heraus. Bei LOTR hat sich das weitgehend positiv ausgewirkt, weil die Story an Drive gewonnen hat, beim «Hobbit» ist die Sache schon zwiespältiger. Peter Jackson verknüpft zwar die Vorgeschichte von LOTR mit seinen Ergänzungen recht überzeugend mit dem folgenden Ringkrieg, bläst die Story aber teilweise auch unnötig auf und macht sie dadurch etwas langatmig. Auch die Serienmacher von GOT weichen teilweise stark von der Buchvorlage ab – einerseits, um das gewaltige Arsenal an Personen zu reduzieren, andererseits, um den vielen komplizierten Handlungssträngen Herr zu werden. Puristen werden mäkeln, aber wer das etwas lockerer sieht, kann sich an beidem erfreuen. Und selbst als Buchleser erlebt man so doch noch die eine oder andere Überraschung.

LOTR: *** GOT: ***

Gesamtauswertung

LOTR: 33 Sterne
GOT: 38 Sterne

«Game of Thrones» liegt also klar, aber nicht überdeutlich vor «The Lord of the Rings». Wie sehen Sie das? Welche der beiden Fantasywelten gefällt Ihnen besser – und warum?