Archiv
12. August 2013

Gärtnern im Paragrafendschungel

Mit der Säge an Nachbars Büsche
Mit der Laubsäge an Nachbars Büsche?

«Darf der das?» Die ältere Dame stand zeternd auf ihrem Garagenplatz, das Handy ans Ohr gedrückt. Eigentlich wollte ich nur rasch den Sohnemann bei einem Gschpänli abgeben, nun wurden wir unverhofft (Ohren-)Zeugen eines Gartendramas.

Mit «der» meinte besagte Dame ihren Nachbarn links, wie sich mir aus dem weiteren Telefongespräch erschloss. Und «das» bezog sich auf die Lorbeerhecke, die die beiden Grundstücke trennt und an der er anscheinend rumgeschnipselt hatte.

Ja, darf der das? Diese Frage liess mich nicht mehr los, und so setzte ich mich am Abend an den Computer. Zwei, drei Google-Recherchen später war ich mir sicher: Nein, er darf nicht. Zwar existiert ein sogenanntes Kapprecht, wonach man vom Nachbargrundstück aufs eigene Grundstück eindringende Wurzeln und Äste kappen darf. Zuvor muss man dem Nachbarn aber eine angemessene Frist für die Beseitigung derselben eingeräumt haben. Vorausgesetzt, der Nachbar der keifenden Dame hatte das nicht getan, war sein Geschnipsel also illegal.

Vom Kapprecht landete ich dann via Google rasch beim sogenannten Anriesrecht. In einem der einschlägigen Foren wollte ein Herr Specht nämlich wissen, ob seine Kinder die Früchte von Nachbars Chriesibaum pflücken dürfen, dessen Zweige in seinen Garten reichen. Ja, sie dürfen, sagt das Anriesrecht, vorausgesetzt, sie bleiben beim Naschen schön brav auf ihrer Seite der Grenze.

Apropos Kinder: Wenn Kinder im Garten tschutten oder eine ganze Bande Seeräuber den Piratensandkasten bevölkert, wirds schnell mal laut. Hier will das Gesetz, dass die Nachbarn den Spiellärm tolerieren, zumindest während der Zeiten, die gemäss den örtlichen Polizeivorschriften gelten. Mein Pirat und seine Kumpel müssen drum jeweils von 12 Uhr bis 13 Uhr in die Kombüse dislozieren. Und nach 21 Uhr sind sie dann eh in der Hängematte.

Aber nicht nur Kinder, auch Pflanzen können Zwietracht säen. Pflegt der eine Nachbar seinen englischen Rasen mit Unkrautvertilger, während der andere eine Blumen-und-Schmetterling-Wiese züchtet, ist Knatsch vorprogrammiert. Zumindest von Rechts wegen dürfen aber beide Parteien ihre eigene Gartenkultur pflegen – über Geschmack lässt sich bekanntlich zwar streiten , aber in diesem Fall nicht vor dem Richter.
Am meisten Späne fliegen vor Gericht übrigens wegen der Abstandsvorschriften für Bäume und Sträucher und deren Maximalhöhen. Daher bin ich froh, dass der Umgang mit meinen Nachbarn doch recht pfleglich ist: Wächst über meinen Maschendrahtzaun ein Ast, der mich stört, haue ich ihn ab, und umgekehrt. Und über die beiden Birken, die unterdessen meine Terrasse 20 Meter hoch überragen, bemühe ich mich – hinwegzusehen.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger