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08. November 2005

Gänsemarsch in die Gefangenschaft

Seit Kurzem steht das von der Vogelgrippe bedrohte Federvieh unter Arrest. Eine Herausforderung auch für die Hobbytierhalter, die mit viel Engagement ihrem Geflügel akzeptable Verhältnisse bieten wollen.

Gegen Vogelgrippe eingepackter Geflügelhof
Not macht erfinderisch: Zwei Zürcher Oberländer Kleintierhalterinnen sind zu eigentlichen Verpackungs- künstlerinnen geworden.

De Kleintierhalter haben sich mit Motivation und Eigenverantwortung daran gemacht, ihre Tiere einzustallen», sagt Colette Rogivue, Tierärztin beim Veterinäramt des Kantons Bern. Dort sind bis zum letzten Freitag 37 Gesuche um eine Ausnahmebewilligung eingereicht worden. Davon wurden elf ganz und fünf teilweise bewilligt. Laut Rogivue sei es einzelnen Vogelarten, namentlich Pfauen, Straussen oder Wasservögeln, nicht zumutbar, eingesperrt zu werden.

Eine Hobbyzüchterin im Kanton Zürich, die nicht namentlich erwähnt werden will, hat ebenfalls eine Ausnahmebewilligung erhalten, ist aber trotzdem nicht sehr glücklich. «Es hat deshalb im Dorf schon einiges an Klatsch abgesetzt», sagt sie zum Migros-Magazin. Auch das weiterhin benutzte Aussengehege eines Ehepaars im Sanktgallischen, das neben einem Spazierweg liegt, wurde schon scheel beäugt. «Die Angst vor der Vogelgrippe äussert sich in sozialer Kontrolle», kommen die beiden zum Schluss.

Von Mitte September bis Ende Februar ist Saison für die zahlreichen Kleintierschauen im Land. Das Verbot der Freilandhaltung hat auch Auswirkungen auf jene Halter, die ihre Zuchterfolge an solchen Ausstellungen präsentieren möchten. An der Schweizer Meisterschaft für Ziervogelzüchter vom 25./27. November 2005 in Brig VS müssen Hühner und deren Verwandte wie Fasane, Wachteln und dergleichen fehlen, ist von Lukas Kuhn von der Schweizerischen Gesellschaft für Kleintierzucht (SGK) zu erfahren.

«Auch an den kantonalen und regionalen Veranstaltungen, wo Chüngel, Tauben, Vögel gezeigt werden, müssen wir mit unseren Hühnern passen», beklagt Margrit Zürcher-Huber, bei der SGK zuständig für Geflügel, den aktuellen Zustand. «Zum Glück», sagt sie, «findet die nächste Nationale Geflügelschau erst in einem Jahr statt.»

Nicht nur mit Motivation und Eigenverantwortung, sondern auch mit viel Fantasie und Solidarität wird versucht, die gefiederten Schützlinge abzuschirmen, wie sich das Migros-Magazin überzeugen konnte.

Kunst am (Geflügel)-Bau

«Das ist die Theresa, ich bin die Elisabeth, und dies hier ist ‹Frau Fritschi›!» Elisabeth (50)* zeigt erst auf ihre Wohnpartnerin, dann auf ein braunes Huhn, das es sich bei ihren Füssen bequem gemacht hat. «Und als Nachnamen dürfen Sie gerne ‹Christo› notieren.» Hinter der Stahlbrille der im Zürcher Oberland beheimateten Hobbybäuerin blitzt der Schalk auf.

Tatsächlich: Im idyllisch gelegenen Bauernhaus könnte auch ein Verpackungskünstler wohnen: Unzählige Plachen, Plastikbahnen, Dachlatten, Vogelschutznetze, Schafzäune – ja selbst fünf Sonnenschirme und Vorhänge aus einem Sonderangebot sind zu einer Art Voliere «verwoben» worden. Dies alles, um die sonst freilaufenden 12 Gänse, 13 Pommernenten und inklusive «Frau Fritschi» vier Hühner ordnungsgemäss gegen fremde Vögel und deren Kot zu schützen. «1000 Franken hat uns der Spass bisher sicher gekostet – allein schon die ‹Klüppli› schlagen mit 200 Franken zu Buche», rechnet Theresa (53)* vor.

Klüppli? «Ja, denn die Wäscheklammern geben im Gegensatz zu den zuerst verwendeten Metallklammern bei starkem Wind nach, was ein Reissen der Folien verhindert. Alles bereits patentiert», lacht Theresa. Sieben Tage lang haben die beiden Frauen an ihrer Konstruktion gebaut. Und diese anschliessend nach einer stürmischen Nacht nochmals optimiert.

70 Meter langer Tunnel

Verbindungstunnel aus Plastikplanen für die Gänse
«Jakobli» und sein Gefolge: Die Gänse haben sich unterdessen an den Verbindungstunnel gewöhnt.

Das bauliche Highlight aber ist ein rund 70 Meter langer, rundum mit Plastik eingepackter Gang, der sich einem Tatzelwurm gleich über die Weide vom Gänsestall zur behelfsmässigen Voliere erstreckt. Jeden Morgen und jeden Abend watschelt nun Chefganter Jakobli (links im Bild) mit seiner Herde hier durch. «Eine eigentliche Dressurnummer», bekräftigt Elisabeth. Die Gänse hätten nämlich am Anfang vor dem flatternden Plastik gescheut.

Jakobli, Charles, Camilla und wie sie alle heissen, zählen zu den vom Aussterben bedrohten Diepholzer-Gänsen, die wie auch die Pommernenten auf der Liste von Pro Specia Rara geführt werden. 200 Quadratmeter pro Tier sollten für den täglichen Weidegang zur Verfügung stehen – momentan sind es ein paar wenige gedeckte Quadratmeter, und statt im Biotop wird in zwei Waschzubern und einem Kinderbädli geplanscht. «Dabei wäre es für sie gerade jetzt vor dem Winter wichtig, nochmals Sonne zu tanken», stöhnt Theresa.

Apropos Winter: Zwar ist der Christobau bereits wind- und regenerprobt, was aber grosse Schneemassen für die Stabilität bedeuten würden, daran wollen Elisabeth und Theresa noch gar nicht denken. «Hoffen wir, dass der Spuk am 15. Dezember definitiv vorbei ist», sagt Theresa. «Oder aber, dass Petrus auch ein Kleintierzüchter ist», ergänzt Elisabeth. *Nachnamen der Redaktion bekannt.

Campingferien für Enten

Paradiesische Zustände herrschten bisher für die vier indischen Laufenten von Jurist Martin Michel (51) am Fuss der Kathedrale und am Rand der Churer Altstadt: Auf 3000 Quadratmeter Auslauf durften sie herumwatscheln – im Obstbaumgarten, im gepflegten historischen Barockgarten, bei Teich und Brunnen. Überall dort räumten sie mit Schnecken und anderen unerwünschten Kreaturen auf.

Jetzt ist es vorbei mit der Dolce Vita. Zu Beginn der Quarantäne musste das Quartett mit seinem Nachtquartier Vorlieb nehmen, einem Stall von 210 auf 70 Zentimetern. Gelassen hätten sie darauf reagiert, «überhaupt keinen Stress, keine Aggressivität gezeigt», sagt Michel. Doch da seine Schützlinge plötzlich ihr fuchs- und mardersicheres Lager auch tagsüber nicht mehr verlassen konnten, zeigte er Erbarmen für sein Federvieh. Entenhalter Michels Schwager Othmar Rüst (59) und sein Sohn Andreas (12), seine «Ingenieure», wie Michel sie bezeichnet, erklärten sich spontan bereit, ihm aus der Patsche und den Enten aus dem engen Stall zu helfen. Sie beschafften sich Bauholz und eine Plane und errichteten den Enten kurzerhand ein Vorzelt.

Zeltbauer: Martin Michel (Mitte, mit Ente) und seine beiden Helfer Othmar und Andreas Rüst vor dem Nachtquartier, das den Enten als Unterschlupf dient. Links steht schon das Gerüst fürs Zelt.

«So haben sie immer noch nicht sehr viel Bewegungsfreiheit, aber wenigstens haben sie jetzt Gras unter ihren Watschelflossen, auch mehr Licht.» Jetzt bräuchte es eigentlich nur noch ein nettes Föteli mit einer Ente drauf. Dafür greift Michel in den Stall hinein. Dabei hebt ein ganz schönes Gezappel und Geschnatter an. «Ausgerechnet die frechste habe ich erwischt, die Mutter», beklagt er seinen Fang.

Auch ein Wasserbecken steht nun in der neuen Unterkunft, wenn auch nicht so geräumig wie der Teich. «Enten brauchen frisches Wasser. Sie sollten aus hygienischen Gründen im Minimum den Kopf bis unter die Augen eintauchen können, damit diese nicht verkleben», weiss Martin Michel. Was er noch nicht weiss, ist, was weiter geschieht: «Wenns nicht funktioniert, dann bleibt nur das Schlachten.»

Gänseasyl im Partyraum

Die Alternative hätte ‹Kopf ab› gelautet!». Jürg Leuenberger (68) zuckt die Schultern. In einem ehemaligen Hühnerstall im alten Teil von Opfikon-Glattbrugg ZH drängen sich in einer Ecke fünf nervös schnatternde Gänse sowie eine Pekingente.

Der inzwischen pensionierte Oberstufenlehrer hatte vor Jahren im Glattbrugger Schulhaus Halden einen Geflügelhof initiiert. Die Hühner sind unterdessen vorschriftsgemäss im schulhauseigenen Stall «interniert», für die Gänse und die Ente, die sich jahraus, jahrein in einem grosszügigen Aussengehege tummelten, war jedoch kein Platz mehr. Schweren Herzens entschied man sich, die Tiere zu töten.

Dies kam auch der 13-jährigen Schülerin Karin Güttinger zu Ohren. Die Bauerntochter erzählte beim Mittagessen aufgeregt von der drohenden Notschlachtung. Mutter Regula sah zwar auf ihrem Hof so rasch keine Chance für eine Beherbergung. Aber da waren ja noch die befreundeten Brunners, die gleich um die Ecke in einem ehemaligen Bauernhaus wohnen.

Solidarisch (von links): Jürg Leuenberger, Regula Güttinger, Ivana Brunner, Karin Güttinger und Raphi Brunner.

Und diese waren sofort bereit, Hand zu bieten: Gemeinsam mit Sohn Raphi (16) räumte Mutter Ivana ihren alten Hühnerstall aus, der bis anhin der Brunnerschen Jungmannschaft als Partyraum gedient hatte.

Wilde Verfolgungsjagd

Aber wie sollten die Tiere in ihr neues Zuhause kommen? Güttingers stellten kurzerhand ihren Viehtransporter zur Verfügung. Wer aber geglaubt hat, die Vögel würden sozusagen im Gänsemarsch in den Transporter watscheln, der kennt deren Sturköpfigkeit nicht: Zwei Lehrer, ein Schulhausabwart sowie diverse Güttingers und Brunners versuchten, mit Besen bewaffnet, die Tiere gemeinsam in den Transporter zu treiben, während sich immer mehr Zuschauer ums Gehege versammelten – vergeblich.

«Bis einer der Lehrer wie ein Fussballgoalie auf die Ente hechtete – und sie tatsächlich erwischte.» Raphi Brunner lacht. Darauf habe man die Taktik geändert, jede Gans einzeln in eine Ecke getrieben und gepackt. «Blaue ‹Mosen› garantiert», scherzt Regula Güttinger.

Lautes Gezetter ertönt im Stall: Einer der Ganter hackt auf die kleine Ente ein. «Die Tiere stehen unter Dauerstress, müssen sich erst an die Enge gewöhnen», erklärt Jürg Leuenberger. «Im schlimmsten Fall werden wir versuchen, die Ente unseren Hühnern ‹unterzuschieben›», meint Regula Güttinger. «Wir könnten auch eine Zwischenwand einziehen», schlägt Ivana Brunner vor. «Hoffen wir, dass der Hausarrest am 15. Dezember aufgehoben wird», sagt Leuenberger. «Und vergesst nicht: Die Alternative hätte ‹Kopf ab› gelautet.»

Dieser Artikel ist am 8. November 2005 erschienen.

Autor: Carl Bieler

Fotograf: Oliver Lang