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08. Juli 2013

Gämsen und Gletscherwasser

In der Wildhornhütte schlafen die Gäste wie Murmeltiere. Wer trotzdem früh aus den Federn steigt, kann Gämsen im Morgenrot beobachten.

SAC Wildhornhütte
Die SAC-Wildhornhütte.

Sie kommen in aller Frühe und ganz still. Am steilen Hang des Niesenhorns äsen die Gämsen, weit oben, wo die Morgensonne das Gras rot leuchten lässt. Willy Romang (61) steht auf der Terrasse der Wildhornhütte, blickt zu den Tieren hinauf und zieht den Reissverschluss seiner Jacke hoch. «Später kommen die Gämschi weiter runter», sagt der Hüttenwart, «wenn wir hier unten auch Sonne haben.»

Die Karte zur Wanderung
Die Karte zur Wanderung.


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Doch morgens um sieben liegt die Wildhornhütte noch im Schatten, die Luft ist frisch und kühl. Die Gäste lassen die Gämsen Gämsen sein und ziehen sich nochmals in den Aufenthalts- und Essraum zurück, um sich bei Kaffee und Brot zu stärken. Bald werden sie wieder die Wanderschuhe schnüren, den Rucksack buckeln und sich in alle Windrichtungen verteilen. Aus allen Windrichtungen sind die Wanderer am Vortag auch zu der SAC-Hütte im südlichsten Zipfel des Berner Oberlands marschiert: eine Schulklasse via Rawilpass aus dem Wallis her, eine Handvoll Wanderer von der Iffigenalp herauf, ein paar Unerschrockene aus Lenk BE — Letztere haben ganze 1300 Höhenmeter absolviert.

Kleine Verschnaufpause: In den Sommermonaten hat Hüttenwart Willy Romang es streng — da kommt der ausgebildete Bergführer selbst kaum zum Wandern.
Kleine Verschnaufpause: In den Sommermonaten hat Hüttenwart Willy Romang es streng — da kommt der ausgebildete Bergführer selbst kaum zum Wandern.

Der Tungelpass ist nur etwas für Schwindelfreie

Eine leichtere, abwechslungsreiche Variante ist die Route Leiterli—Wildhornhütte. Wer diese Strecke wählt, fährt ins beschauliche Lenk und beginnt den Aufstieg besonders gemütlich: schwebend mit der Gondelbahn rauf auf den Betelberg. Beim Restaurant Leiterli auf 1943 Meter Höhe beginnt die Wanderung mit einem leichten Spaziergang. Der Weg führt vorbei an Matten in Beige-Grün, rot leuchtenden Hängen und saftigen Wiesen. Florafans machen einen kleinen Abstecher auf den Alpblumenweg, wo sie durch leuchtende Alpenrosen, Arnika, Enziane und über 90 andere Blumensorten stapfen — jede einzelne mit Tafeln identifiziert.

Nach 40 Minuten ist es erst mal vorbei mit der Beschaulichkeit. Nun werden Wanderschuhe enger geschnürt und Teleskopstöcke ausgefahren. Die Kinderwagenschieber nehmen den Rundkurs zurück zum Start. Denn es folgt die erste Steigung. Schmal schlängelt sich der Pfad den Hang des Steinstöss entlang aufwärts. Linker Hand tut sich der Blick ins Tal auf, die Baumgrenze rückt mit jedem Schritt weiter aus dem Blickfeld.

Doris und Nicolas Bessire aus La Neuveville BE sind schon auf fast allen Kontinenten gewandert, und doch zieht es sie immer wieder in die Schweizer Berge zurück.
Doris und Nicolas Bessire aus La Neuveville BE sind schon auf fast allen Kontinenten gewandert, und doch zieht es sie immer wieder in die Schweizer Berge zurück.

Nach gut zwei Stunden fröhlichem Auf und Ab gelangt man an den Fuss des Tungelpasses. Jetzt ist es Zeit für eine Stärkung — und Gelegenheit, schnurstracks wieder den Abstieg ins Tal anzutreten: entweder durch den Summerwald Richtung Lenk oder vorbei am Rothorn zum schönen Lauenensee. Der goldene Mittelweg ist auch der strengste: Steil windet sich der einstige Säumerpfad die Bergflanke des Tungelpasses hinauf. Hier ist absolute Trittsicherheit gefragt, insbesondere da, wo auf rutschigem Grund eine exponierte Stelle im Fels zu passieren ist. Eine Eisenkette bietet Halt. Mit dem Tungelpass lässt der Wanderer den angstrengendsten Teil dieser Route hinter sich. Nach einer weiteren Senke, der letzten Steigung und insgesamt etwa vier Stunden ist man im Reich von Willy Romang angelangt, bei der Wildhornhütte, die auf 2303 Metern zwischen einer schroffen Felswand und einem grasbedeckten Berghang auf einer kleinen Ebene thront.

Das Leben des Hüttenwarts ist streng und bescheiden

Doris und Nicolas Bessire aus La Neuveville BE sind schon auf fast allen Kontinenten gewandert, und doch zieht es sie immer wieder in die Schweizer Berge zurück.
Doris und Nicolas Bessire aus La Neuveville BE sind schon auf fast allen Kontinenten gewandert, und doch zieht es sie immer wieder in die Schweizer Berge zurück.

Seit elf Jahren führt der Gstaader die Hütte, was Sommer für Sommer ein strenges und bescheidenes Leben bedeutet. Seine Tage beginnen frühmorgens in der zusammengewürfelten Küche mit der Zubereitung des Frühstücks und enden spät abends, wenn er die letzten Kannen Tee über die Theke schiebt und die riesigen Kochtöpfe trocken reibt. Dazwischen heisst es putzen, aufräumen, Brennholz hacken und gelegentlich etwas im Haus reparieren — für den gelernten Zimmermann kein Problem, ebenso wenig das Kochen: Das tut er als Bergführer schon seit vielen Jahren.

«Ich geniesse es, wenn mal etwas Zeit bleibt für eine Bergtour», sagt er denn auch und lässt auf der Terrasse den Blick über die umliegenden Bergspitzen schweifen, «oder für ein paar ruhige Minuten hier draussen.» Dann beobachtet er Gämsen, Steinadler oder Murmeli. An den oft ausgebuchten Wochenenden ist das aber kaum der Fall, dann sind auch Romangs beide Gehilfen, die er für Juli und August engagiert, voll ausgelastet.

Um 22 Uhr ist Lichterlöschen in der Wildhornhütte: Bergwanderer sind Frühaufsteher.
Um 22 Uhr ist Lichterlöschen in der Wildhornhütte: Bergwanderer sind Frühaufsteher.

In der Wildhornhütte treffen Elsässer auf Belgier, Schulreisen auf Kletterer und Seniorenpaare auf Familien. Sie teilen sich Massenlager, Waschräume und die grossen Schüsseln mit Salat und Spaghetti Bolognese an den Gemeinschaftstischen. Sind die Gäste unkompliziert und rücksichtsvoll, ist es Willy Romang eine Freude, für sie da zu sein. «Aber manche suchen das Hüttenfeeling und wünschen doch den Komfort eines Hotels», sagt er kopfschüttelnd. Essen selber schöpfen behagt nicht jedem. Anderen gefällt dieses schlichte und gesellige Beisammensein, so auch dem Ehepaar Doris (61) und Nicolas Bessire (66) aus La Neuveville BE. Die Primarlehrerin und der Forstingenieur haben wandernd schon fast alle Kontinente erkundet. Sie schwärmen von Touren auf den Kanarischen Inseln und auf La Réunion — und von den Schweizer SAC-Hütten. «Wir schlafen in den Bergen wie die Murmeltiere», sagen sie, bevor sie mit den anderen Gästen frühmorgens den Marsch ins Tal antreten.

Wie ein geschliffener Türkisstein glänzt der Iffigsee in der Sonne

Wer jetzt die Route zur Iffigenalp wählt, hat noch einen besonderen Leckerbissen vor sich: den Iffigsee. Schon wenige Schritte unterhalb der Hütte sieht man ihn in der Sonne glänzen wie ein geschliffener Türkisstein. Mit etwas Glück erblickt man beim Näherkommen sogar Kühe, die sich im klaren Wasser die Beine kühlen. Flott geht der Abstieg dann voran, zuerst auf einem steilen Zickzackpfad, der gehörig in die Beine geht. Mit der Baumgrenze beginnt das letzte, nur noch leicht abfallende Stück, entlang eines munter plätschernden Bachs. Nach nicht einmal zwei Stunden ist die Iffigenalp erreicht und damit der Bus, der durch schattigen Wald und vorbei an einem spektakulären Wasserfall zurück ins friedliche Lenk führt.

Gut zu wissen

Anreise via Berner Oberland: Mit dem Zug oder dem Auto bis Lenk BE, Iffigenalp oder Lauenen. Von da an zu Fuss oder von Lenk mit der Seilbahn bis Bergstation Leiterli. Zur Iffigenalp fährt ab Lenk ein Bus und zurück. Im Winter ist die Strasse nach Iffigenalp gesperrt, es gibt aber auf Bestellung ein Taxi.

Aufstieg zur Hütte: Lenk—Iffigenalp—Wildhornhütte: ca. 5 Stunden, Iffigenalp—Wildhornhütte: ca. 2,5 Stunden, Lauenen— Lauenensee—Wildhornhütte: ca. 5 Stunden. Leiterli—Wildhornhütte: ca. 4 Stunden.

Höhenmeter: Lenk 1068 m, Lauenen 1252 m, Iffigenalp 1584 m, Leiterli 1943 m, Wildhornhütte 2303 m, Wildhorn 3248 m.

Preise Hütte: Für SAC-Mitglieder: Übernachtung 20 Franken, Halbpension 35 Franken. Nichtmitglieder: 29 resp. 35 Franken. Spezielle Preise für Jugendliche. Kinder unter acht Jahren gratis. Reservationen sind zu empfehlen.

n Öffnungszeiten: Anfang März bis Anfang Mai und Ende Juni bis Anfang Oktober. In der übrigen Zeit auf Anfrage.

 Kontakt: Telefon Hütte: 033 733 23 82; Hüttenwart Willy Romang, Gstaad: 033 744 44 45. E-Mail: wildhornhuette@bluewin.ch Homepage: www.wildhornhuette.com

Autor: Yvette Hettinger