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26. November 2012

... über Sex in den Zeiten von Porno und Emanzipation

Was die Sexberaterin Caroline Fux und die Sexual- und Psychotherapeutin Ines Schweizer im Interview zu weiteren konkreten Themen meinten.

Ines Schweizer und Caroline Fux
Sexual- und Psychotherapeutin Ines Schweizer (links) und Sex-Beraterin Caroline Fux.


Ist Sex für die sexuell befreite Gesellschaft einfacher und schöner geworden, oder gibt es immer mehr Probleme?

Schweizer: Die Probleme sind anders. Die heute 80-Jährigen hatten früher andere Fragen und Probleme. Auch damals gab es schon viele Menschen, die eine schöne Sexualität hatten.
Aber damals wie heute gabs viele, die sagen, das ist nicht das, was mich glücklich macht.

Sie betonen ja in Ihrem Buch, dass die mediale Darstellung von Sex ein Kunstprodukt ist, das man sich nicht zum Vorbild nehmen darf.
Ist es nicht dennoch schwierig, sich dem zu entziehen – gerade für Jugendliche?


Schweizer: Über Jugend und Pornografie wird eifrig geforscht. Die Jungen kommen mit 13, 14 schon damit in Kontakt, und die meisten können sehr wohl zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Aber es gibt natürlich auch jene, die nicht gut damit umgehen können. Die haben vielleicht keine Anlaufstelle, um sich darüber zu unterhalten.

Fux: Wenn Pornografie die einzige Informationsquelle oder Stimulation ist, läuft etwas schief. Porno ist nicht die Darstellung von Sex, sondern von sexuellen Fantasien. Und Jugendliche brauchen das Rüstzeug, um das unterscheiden zu können. Pornos sind nicht per se schädlich.

Wo bekommen sie dieses Rüstzeug idealerweise?

Schweizer: Als Erstes in der Familie. Bestenfalls kommen später weitere Quellen hinzu: die Schule, Beratungsstellen und so weiter.

Fux: Wichtig ist, dass man den Kindern nicht ein Erwachsenenkonzept von Sexualität überstülpt. Ich staune oft, welche enge Vorstellung die Menschen von Sexualität haben. Das ist für viele nur Penetration. Aber es geht um ein lustvolles Leben. Ich muss übrigens mal eine Lanze brechen für Jugendliche. Da schreiben mir zum Beispiel 15-Jährige: «Ich habe jetzt eine Freundin und liebe sie sehr. Ich habe sie geküsst und würde sie gerne anfassen.» Und das alles sehr wertschätzend. Die Jugendlichen sind nicht nur Handy-Porno-Konsumenten.

Im Buch schreiben Sie, die Geschlechterrollen seien wichtig. Männer sollen «richtige» Männer sein und Frauen «richtige» Frauen.
Ist das mit der Gleichberechtigung schwieriger geworden?


Fux: Beim Schreiben dieses Kapitels bin ich, glaube ich, um fünf Jahre gealtert. Wenn ich den Begriff «Gender» schon gehört habe, musste ich den Raum verlassen. Rollen sind ganz wichtig. Aber jeder von uns hat eine eigene private Vorstellung, was männlich oder weiblich heisst. Ein banales Beispiel: Es kann sein, dass es für einen Mann wichtig ist, dass eine Frau lange Haare hat. Ich aber fühle mich auch mit kurzen Haaren weiblich. Das passt dann nicht zusammen. Letztlich muss die ureigene Vorstellung wechselseitig zusammenpassen, sonst gibt es über kurz oder lang Probleme.

Schweizer: In der Therapie merke ich, dass es mit dem neuen Rollenverständnis schwieriger geworden ist, vor allem für Männer. Die hören überall, so dürft Ihr nicht mehr sein. Die verschiedenen Signale haben viele Männer so verwirrt, dass sie sich auch in der Sexualität nicht mehr trauen, ihren Mann zu stehen. Aber die Frauen vermissen das Männliche oft. Gleichzeitig wollen sie jedoch auch, dass er Windeln wechselt.

Fux: Männer sind in einer anderen Phase der Geschlechterrollendebatte als Frauen. Sie fühlen sich berechtigterweise überfordert mit den Ansprüchen, die an sie gestellt werden. Zum Teil schliessen sich die Anforderungen ja sogar gegenseitig aus. Die Frauen hingegen haben sich diese Fragen schon länger gestellt. Beim Sex sind Rollen dann knifflig, wenn wir uns nicht mehr trauen, zu archaischen Sachen zu stehen, weil die angeblich nicht mehr wichtig sind. Da stellen wir einen Wasserhahn ab.

Archaische Sachen?

Schweizer: Der Mann hat einen Penis. Punkt.

Fux: Wenn eine Frau findet, sie wolle vom Mann genommen werden, und es ihr wichtig ist, dass der Mann den dominanten Part hat, sie das aber aus Rollenüberlegungen nicht mehr sagen kann, dann hat sie ein Problem.

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Nathalie Bissig