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02. Juni 2014

Das Runde geht ins Eckige

Bücher über Fussball gibts Unmengen, «grosse» Werke zum selben Stoff weit weniger. Migrosmagazin.ch liefert eine persönlich gefärbte Hitliste an Fussballliteratur, denn nicht nur Bestsellerautor Nick Hornby beweist wirklich Flair fürs Kicken. Was ist Ihr Lieblings-Fussballbuch?

Die einen suchen im Endrunden-Sommer neben obligater TV-Spannung einen Ausgleich zwischen Buchdeckeln, andere verarbeiten den(selben) Fussballstoff lieber gleich nur in Form bleibender Geschichten, Reime oder Essayistischem. Letztere lassen das Runde am TV unbeteiligt vorbeizischen, vergraben sich im Eckigen, zwischen Buckdeckeln oder vor elektronischen Lesegeräten. Beide Gruppen interessieren sich nebst Information und Hintergrund genauso für Form und Sprache, leiden aber meist unter einem Problem: Im Internet oder in grösseren Shops trifft man vor und während Welt- oder Europameisterschaften auf eine Fülle an Büchern über das runde Leder. Bestenfalls an einer Hand abzählen kann man aber Literatur zu Fussball, die höheren Ansprüchen genügt. Meist hat Glück, wer einem sorgfältig gemachten, in seinem Fall auch von echter Begeisterung getragenen Buch wie Josef Hochstrassers freundschaftlicher Auseinandersetzung mit Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld («Ottmar Hitzfeld. Die Biografie» / siehe Porträt im aktuellen Migros-Magazin rechts) begegnet. Auch bei Biografien herrscht sonst uninspiriertes Geschwafel vor.

Dennoch: Lohnenden Lesestoff, in dem sich beste Autoren verschiedener Länder im Schreiben mit raffiniertem Drall und nicht bloss dem Vollrist-Hammer hervortun, existiert. Hier unsere Auswahl mit fünf herausragenden Leseerfahrungen:
DIE BESTEN FÜNF

1. DIE FUSSBALLSAGE(N)Eduardo Galeano, gestandener Erzähler aus Uruguay, glich das schmerzhafte Manko vieler Fussball-Angefressenen – mit dem «schlimmsten Holzbein der Bolzplätze gesegnet» zu sein – dadurch aus, in Worten eine einzigartige Sammlung von Legenden und Sagen um das runde Leder vorzulegen. Dabei erzählt der Band «Der Ball ist rund und Tore lauern überall» mit etwas Distanz betrachtet nichts weniger als die breit verstandene Historie des Fussballs, die sich am Ideal, an Geschichtsschreibern der griechischen Antike wie Herodot, orientiert: Geschichte beruht auf unzähligen Geschichten – lebendigen! Mit in der Kürze gewagten Steilpässen, aber auch mit im Tiki-Taka-Stil einlullenden Ballstafetten, aus denen man schlechterdings erst beim Torschrei des Publikums aufschreckt, nähert er sich seinem Phänomen. Und setzt es aus neu beleuchteten Meilensteinen der realen Fussballgeschichte, auf den ersten Blick abseitigsten Begebenheiten und einem gerüttelten Mass an Erfindergeist zusammen. Ein Genuss für Neuentdecker und Kenner der Fussballmaterie. Oder wussten Sie, wie der Sport unmittelbar vor dem ersten britischen Regelwerk 1863 genau gespielt wurde oder mit welchem gewagten «Trick» der legendäre Meazza 1938 seinen Elfmeter verwandelte? Eben.

«Fever Pitch»: Buchcover des englischen Penguins-Taschenbuchs
«Fever Pitch»: Buchcover des englischen Penguins-Taschenbuchs (zVg)

2. DAS FANLEBENHeute als literarisches Werk mit dem Hauptstoff Fussball sicher das bekannteste und wirtschaftlich erfolgreichste der letzten vier Jahrzehnte. Der britische Bestsellerautor Nick Hornby (Buch- und Filmfreunden speziell dank «High Fidelity» bekannt) schildert anschaulich die Fussballobsession eines jung gebliebenen Fans von Londons Verein Arsenal. Job, Wohnort und auch mal Beziehungen haben sich etwa nach dem Spielplan zu richten. Böse Stimmen würden eher von «kindisch» sprechen – aber so ticken die meisten Fans nun mal, nicht bloss im Mutterland England. In Fever Pitch oder mit dem weniger eingängigen deutschen Titel «Ballfieber – Geschichte eines Fans» rückt Hornby durchaus mit Sinn für Zwischentöne, aber ohne jede überflüssige Verzierung ein paar prägende Momente aus Arsenals und damit seinem Leben auf die Pelle: Neben Enttäuschungen bleibt vor allem der erste Titelgewinn 1989 mit der Entscheidung in der 92. Minute des letzten Spiels für immer vor Augen – FC-Zürich-Fans dürften diesen Moment mit Blick auf die 93. Minute des Saisonfinals 2006 in Basel irgendwie nachvollziehen.

3. DIE KRIMINALGESCHICHTE DES CALCIO
Einen Geheimtipp im deutschsprachigen Raum verrät unser «Hausmann»-Kolumnist Bänz Friedli, Liebhaber von Italien und Fussball und der Verbindung beider Themen keineswegs abgeneigt: Mitte des ersten Jahrzehnts in diesem Jahrhundert warf der Skandal um bestochene Schiedsrichter im italienischen Fussball hohe Wellen, es tauchten insbesondere Partien mit Beteiligung von Rekordmeister Juventus Turin unter dessen Manager Luciano Moggi auf. Claudio Paglieri liefert in seinem Krimi «Kein Espresso für Commissario Luciani» (Deutsch seit 2007) eine raffiniert fiktionalisierte Version des Geschehens. Pikant, Paglieri schrieb das Buch, ehe «Moggi-Gate» aufflog!
Spannend gewährt er Einblicke in den Calcio und generell den italienischen Alltag. Der Fussball erweist sich dabei um keinen Deut besser oder schlechter als die Gesellschaft oder Wirtschaft um ihn herum – eine simple Erkenntnis, der Teufel und manche Überraschung liegen bei Paglieri jedoch im Detail. Dazu Friedli: «Je mehr man über Fussball weiss, desto lesenswerter!»

4. DIE ERINNERUNG AN FRÜHER
Nicht weniger als Hornby darf der spanische Romanautor Javier Marias den Status des eingefleischten Klubfans für sich beanspruchen: Marias ist seit Kindsbeinen Anhänger von Real Madrid und deshalb schon vor der WM entspannt, hat doch sein Verein die Saison eben mit dem Champions-League-Titel als Europas Nr. 1 abgeschlossen. Gegen Stadtrivale Atletico, den fast alle von Marias Künstlerfreunden mit Interesse am Fussball unterstützen. Ins Stadion geht er nämlich kaum mehr, es hat ihm zu viel Rechtsextremismus und auch Geschäftemacherei. Also guckt der «Altlinke» zu Hause mit Atleticofans TV.
Anders als sein britischer Kollege, der das unabänderliche Leiden mit dem Klub aus der Sicht eines Erwachsenen veranschaulicht, rollt Marias in Essays mit bisweilen bewusst verklärendem, manchmal nüchtern analysierendem Rückblick in Alle unsere Schlachten (Deutsch, herausgegeben von Paul Ingendaay) seine Bindung zum Fussball auf. Anders als in seinen stark verschachtelten Epen mit Shakespearscher Dramatik sagt er dabei unverstellt Ich und evoziert in Anekdoten und Beschreibungen vor allem sprachmächtig seine Kindheit. Sympathisch, dass dabei neben Real Madrid mit Numancia auch ein zweiter Klub sein Herz eroberte (die Begeisterung teilt er übrigens mit Peter Handke: «Versuch über die Jukebox»). Dort verbrachte die Familie drei Sommermonate, und klein Javier lernte die beschauliche Tribüne eines Drittligisten kennen und genauso schätzen wie das Bernabeu, Heimat von Madrids «Königlichen», vor allem des legendären Alfredo di Stéfano.

5. DIE FUSSBALL-SPRACHAKROBATIK Ror Wolf tritt in der Literatur nicht primär als Fan auf, zeichnet sich im deutschsprachigen Raum punkto Publikationen jedoch als erfahrenster Schriftsteller mit Aktivitäten in verschiedensten Formen und Gattungen aus. Einerseits herausragend einige seiner Hörspiele, hier empfehlen wir zum Schmökern und Lesen mit «Das nächste Spiel ist immer das schwerste» jedoch das Best Of der Publikationen von 1971 («Punkt ist Punkt») und 1980 («Die heisse Luft der Spiele»). Wolf spricht gemäss Dichterkollege Ludwig Harig nie einfach über Fussball, sondern vom Fussball, in all seinen Facetten. Dieser Band versammelt aber neben einigen durchaus avantgardistischen Spielereien die noch zugänglicheren Schriften Wolfs. Dieser verstand es prompt als «Volksbuch» – zugegeben: etwas Ahnung von der Kickerei und Offenheit für nicht einfach erzählte Geschichten und Infos schaden nicht …
ZEHN WEITERE EMPFEHLENSWERTE BEISPIELE

Julian Barnes: Abblocken, der bekannte Romancier veröffentlichte als Dan Kavanagh den Krimi

Ronald Reng: Der Traumtorhüter, die wundersame Karriere eines Kreisliga-Torwarts zum FC Barnsley

Alex Bellos: Futebol, ein Brite zeichnet die Historie brasilianischen Kickens seit 1950 nach

F.C. Delius: Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, literarische Kindheitserinnerung an 1954

Christoph Biermann: Wie ich einmal vergass, Schalke zu hassen, Feuilletons eines Bochum-Fans

Joe McGinnis: Das Wunder von Castel di Sangro, ein italienisches Fussballmärchen

Ludwig Harig: Die Wahrheit liegt auf dem Platz – Fussballsonette, in Sachen Lyrik unumgänglich!

Eckhard Henscheid: Hymne auf Bum Kun Cha, lyrisch-ironische Annäherung (auch an Klopstock-Ton)

Wenn wir schon bei Gedichten sind: ein kleines Schmankerl aus alter Zeit (1919):
Joachim Ringelnatz: Fussball (aus Turngedichte – online mit ‚Ringelnatz‘ + ‚Fussball‘ sofort zu finden)

Und noch ein nicht ganz so altes:
Peter Handke: Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968, ein lyrisches 'Readymade'

Gewisse Magazine liefern auch Literarisches bis Kreativ-Journalistisches zum Fussball:
11 Freunde
Ballesterer
Der tödliche Pass
oder auch Zwölf


Im Handel, etwa bei Ex Libris , sind die meisten Bücher bestellbar. Marias’ Werk ist aktuell vergriffen.
IHR FUSSBALL-BUCH
Welches literarische Werk mit Fussballinhalt, egal welcher Gattung, bleibt für sie bisher unerreicht? Verraten Sie uns Ihren Tipp mit (kurzer oder längerer) Begründung gleich hier in einem Kommentar.

Autor: Reto Meisser