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02. Juni 2014

«Fussball kann zu einer Ersatzreligion werden»

Weinende Zuschauer, pöbelnde Spieler, tobende Trainer: Fussball bedeutet Emotionen pur. Fanforscher und Soziologe Gunter A. Pilz erklärt, warum. Welches ist Ihr emotionalstes Fan-Bild vom Public Viewing, ausländischen WM-Stadien oder anderen Gelegenheit? Schicken Sie es uns zur Veröffentlichung (unter dem Artikel).

Mitfiebern, 
sich mitfreuen, 
mitleiden:
 Als Fussballfan 
durchlebt man eine Achterbahn der Gefühle.
Mitfiebern, 
sich mitfreuen, 
mitleiden:
 Als Fussballfan 
durchlebt man eine Achterbahn der Gefühle.

Gunter A. Pilz, bald geht die Fussball-WM los. Wieso ist Fussball eigentlich ein Sport, der die Massen dermassen begeistert?

Weil er ein einfaches Regelwerk hat und der Ausgang ungewiss ist. Das Spiel birgt unheimlich viel Spannung, was die Massen elektrisiert. Das ist das Entscheidende, warum der Fussball ein Volkssport ist.

Was bietet Fussball, was andere Sportarten wie Eishockey oder Basketball nicht haben?

Im Vergleich zum Basketball oder Eishockey ist Fussball mit seinen 17 Regeln einfach viel leichter nachvollziehbar. Über Deutschland sagt man zum Beispiel, es habe 82 Millionen Nationaltrainer. Sie wissen alle genau, wen man aufstellen sollte und wer was falsch macht. Fussball gibt den Menschen die Möglichkeit, kompetent mitzureden.

Warum interessiert sich dann für Frauenfussball salopp gesagt kein Schwein?

Der Fussball repräsentiert genau die Werte, die von unserer Gesellschaft wertgeschätzt werden: Durchsetzungsvermögen, Härte, Spannung, Männlichkeit. Härte und Dynamik fehlen im Frauenfussball nach wie vor, deshalb wird er weniger ernst genommen. Bis 1971 hat es der Fussballverband in Deutschland den Frauen sogar verboten, Fussball zu spielen. Auch heute ist die Akzeptanz eher gering. Ein weiteres Beispiel: Homophobie im Fussball. Es fällt vielen schwer zu akzeptieren, dass Schwule Fussball spielen, bei Lesben ist das kein Problem. Denn: Fussball ist Männersache, also sind Frauen, die Fussball spielen, automatisch Mannsweiber. Das passt dann wieder ins Bild der Gesellschaft.

An der WM fiebern auch Frauen mit, die sonst mit Fussball nicht viel am Hut haben. Woran liegt das?

Fussball hat in unserer Gesellschaft einen so hohen Stellenwert, dass man sich ihm kaum entziehen kann. Vor der Fussball-WM wird die Gesellschaft zunehmend euphorisiert, dazu tragen die Medien einen wesentlichen Teil bei. Am Montagmorgen ist in den Betrieben Fussball das Gesprächsthema Nummer eins. Wenn man da nicht mitreden kann, sieht man alt aus. Ich denke, viele Frauen interessieren sich nicht wirklich für Fussball, sondern wollen Teil des Events sein.

Public Viewing ist in den letzten Jahren gross in Mode gekommen.

Ja, es wird immer üblicher, dass Menschen nicht mehr zu Hause vor dem Fernsehapparat Fussball schauen, sondern mit Freunden in einer Kneipe oder auf der Grossleinwand. Die Mehrheit geht nicht wegen des Fussballspiels an Public Viewings, sondern um dabei zu sein und mitzufeiern. Sehen und gesehen werden, sich präsentieren … Der Fussball ist die Staffage, um die man sich herumgruppiert. Beispiel VIP-Bereiche: Zwei Stunden vor dem Spiel wird mit Essen und Trinken begonnen, das erst Stunden nach dem Spiel endet. Ärgerlicherweise wird dieser Event noch von 90 Minuten Fussball unterbrochen.

Fussball bedeutet auch Emotionen. Wie schafft es der Fussball, selbst die härtesten Männer zum Weinen zu bringen?

Wer im Stadion ist, wird irgendwann automatisch von der Stimmung mitgerissen, jubelt, flucht und schreit. Die Leute haben den Eindruck, dass sie sich im Stadion in einem rechtsfreien Raum befinden, in dem sie 90 Minuten lang die Sau rauslassen können. Und: Auch die Identifikation mit einem Verein führt zu starken Emotionen. Eine Niederlage schmerzt auch die Fans, nicht nur das Team.

Jeder eingefleischte Club-Fussball-Fan behauptet, die Stimmung an Länderspielen sei langweilig.

Das stimmt. Man weiss ja zum Beispiel, dass sich die Ultras von Länderspielen fernhalten. Sie finden, das sei Kommerz. Das Publikum an Länderspielen ist anders: An Länderspiele kommen auch Menschen, die vielleicht von ihrem Betrieb ein Gratisticket bekommen haben. Ich habe mich schon mit Fifa­Boss Josef Blatter gestritten, der dafür ist, in Stadien aus Sicherheitsgründen nur noch Sitzplätze anzubieten. Für mich ein Ammenmärchen. Wenn man nicht rumspringen und singen kann, kommt keine Stimmung auf. In reinen Sitzplatzstadien stehen die Fans sowieso auf. Das ist ein grösseres Sicherheitsrisiko und kann zu Dominoeffekten führen.

Blatter forderte einst ja auch ein Alkohol- und Tabakverbot im Stadion.

Blatter will ein Operettenpublikum. Ich sage: Dann ist der Fussball tot. Die Engländer merken das, seit sie ihre Ticketpreise vehement erhöht haben, um Gewalt vorzubeugen. Die Stimmung dort ist weg. Schon nach der WM in Frankreich 1998 haben die französischen Nationalspieler sich beklagt, dass im Stadion keine Stimmung aufkomme. Didier Deschamps, der Kapitän der Mannschaft, sagte damals sehr passend: «Die Leute gehen zum Fussball wie ins Theater.» Verteidiger Frank Lebœuf setzte noch einen drauf: «Man müsste allen Krawattenträgern Stadionverbot geben.» Grossartig!

Sie haben das Problem der Gewalt angesprochen. Warum kommt es überhaupt so weit?

Weder Gewalt noch Diskriminierung im Stadion sind in erster Linie vom Fussball produziert. Das sind gesellschaftliche Probleme, die sich im Stadion entladen. In der Anonymität der Masse kann man sich leichter gewalttätig verhalten.

Verhält es sich mit Rassismus im Zusammenhang mit Fussball ähnlich?

Beim Rassismus ist es auch so: Erstens kann man in der anonymen Masse leichter rumpöbeln, zweitens passen die Werte des Fussballs wie Männlichkeit oder Aggressivität gut zur rechten Kultur. Ich will nicht sagen, dass Fussball faschistisch ist, aber rechte Werte werden oft mit Fussball in Verbindung gebracht. Wenn der Rechtsextremismus in der Gesellschaft an Bedeutung verliert, ziehen sich Rechtsextreme in die Nischen zurück, wo sie sich wohlfühlen. Das ist dann zum Beispiel in der Fankurve im Stadion.

In der Schweiz diskutiert man seit den Ausschreitungen beim Cupfinal wieder vermehrt über Gewalt rund ums Fussballstadion. Vielerorts wird behauptet, dass Gewalt und Sachbeschädigungen zugenommen haben. War früher wirklich alles besser?

Die Gewalt ist nicht schlimmer geworden, es wird nur mehr darüber berichtet. Schaut man die Hochzeiten des Hooliganismus an und vergleicht sie mit heute, ist die Gewalt zurückgegangen. Früher gab es bei jedem Spiel Auseinandersetzungen, heute nur noch bei bestimmten Spielen. Leider werden die Gewalttätigen aber jünger und brutaler. Heute wird auch auf Frauen und Kinder keine Rücksicht genommen. Die Gewalt ist enthemmter.

Ist der Einsatz von Pyrotechnik auch ein Ausdruck von hochkochenden Emotionen?

Schon 1968 setzten die Ultras in Italien Pyrotechnik als Stilmittel für Atmosphäre ein. Mittlerweile ist Pyrotechnik im Stadion verboten. Zu Recht, denn sie ist gefährlich und hat im Stadion nichts zu suchen. Die Ultras fühlen sich nun in ihrer Begeisterungskultur behindert. Mittlerweile ist Pyrotechnik kein Stilmittel mehr, sondern Provokation. Die meisten Pyros werden in gegnerischen Stadions gezündet. Damit wollen die Fans zeigen, dass sie die Herren im Hause sind, dass sie die Gegner ausgetrickst und symbolisch das gegnerische Stadion erobert haben.

Welche Rolle spielt der Alkohol?

Alkohol spielt bei denen eine Rolle, die nicht von vornherein auf Gewalt aus sind: Sie lassen sich durch Alkoholeinfluss leichter instrumentalisieren und provozieren. Diejenigen, die auf Gewalt aus sind, nehmen eher Designerdrogen wie Kokain. Sie müssen sich aufputschen, um das Wochenende zu überstehen. Ich glaube, dass Alkohol im Stadion nicht das wesentliche Problem ist. Schlimmer ist, dass viele Leute alkoholisiert ins Stadion kommen. Wenn man Alkohol im Stadion verbietet, müsste man ihn konsequenterweise auch in den VIP-Bereichen verbieten.

Ich sehe schon, Sie sind kein Freund der VIP-Bereiche.

So kann man das nicht sagen. Sie dürfen nur nicht dazu führen, dass der Fussball seine Seele verkauft. Man muss sich da nichts vormachen: Der Fussball braucht die VIP-Bereiche aus Kostengründen. Sie tragen dazu bei, dass man an anderen Orten im Stadion günstige Plätze findet.

Was sind Ihrer Meinung nach erfolgversprechende Strategien zur Vermeidung von Ausschreitungen?

Die Erfahrung hat gezeigt: Mehr Polizeiaufgebot führt nicht zu weniger Gewalt. Das provoziert sogar Leute, die gegenüber der Polizei friedlich eingestellt sind. Wichtiger ist vielmehr: Macht die Polizei ihr Handeln transparent? Kommunikation ist das A und O. In Hannover haben wir Konfliktmanager, welche die Fans begleiten. Sie kommunizieren von Anfang an, was die Fans dürfen und was nicht und was in welchem Szenario passiert. Die Erfahrung zeigt, dass in 80 Prozent der polizeilichen Ansagen kein Polizeieinsatz mehr erforderlich ist. Bei der Deeskalation sind auch die Vereine gefragt: Sie müssen viel mehr mit den Fans reden.

Mit Kommunikation lassen sich also alle Probleme lösen?

Irgendwann macht natürlich auch Reden keinen Sinn mehr: Die drei bis vier Prozent, die auf reine Gewalt aus sind, müssen dingfest gemacht werden.

Kann Fussball im Leben eines Menschen zu einer Art Religion werden?

Ja, zu einer Ersatzreligion. Musik, Fahnen, Gesänge: Das hat einen rituellen Charakter. Für viele Fans ist der Verein Heimat, ihre Familie, die ihnen Halt gibt, ähnlich wie bei einer Religion. Allein schon das Brimborium um das Schweizer Cupfinale zum Beispiel hat etwas Spirituelles.

Wieso identifiziert man sich mit einem Verein?

Das führt zu einer Selbstaufwertung. Identifikation schweisst zusammen und grenzt gleichzeitig gegen aussen ab. Fans brauchen auch immer ein Feindbild, dadurch fühlt sich die Gruppe stärker. Je mehr man sich mit einem Verein identifiziert, desto spannender wird der Fussball und desto unerträglicher wird eine Niederlage. Das wiederum heizt die Emotionen an, man missgönnt dann zum Beispiel dem Gegner den Sieg.

Welche Faktoren führen dazu, dass die Emotionen bei einem Spiel hochkochen?

Die entscheidende Person für die Emotionen beim Fussball ist der Schiedsrichter. Er trifft die sogenannte Tatsachenentscheidung: Sie ist unumstösslich, solange sie nicht gegen das Regelwerk verstösst. Wenn es die Tatsachenentscheidung nicht gäbe, wäre der Fussball emotional um einiges ärmer. Wie toll ist es, 90 Minuten über den Schiedsrichter zu schimpfen? Videobeweise würden das Spiel doch langweilig machen.

Welche Funktion übernimmt der Fussball für unsere Gesellschaft?

Der Fussball ist ein Beispiel, das dafür prädestiniert ist, wie Leute, egal welcher Couleur, am Wochenende für 90 Minuten in der Masse ihren Emotionen freien Lauf lassen. Sonst lebt unsere Gesellschaft davon, dass sie sich permanent unter Kontrolle hat. Beim Fussball hingegen tobt der Bundespräsident genauso wie der Strassenarbeiter. Der Fussball hat einen entlastenden und deeskalierenden Effekt, den man nicht unterschätzen sollte. Dort werden Emotionen freigesetzt, die sich woanders vielleicht in einer viel schlimmeren Art und Weise entladen könnten.

Und wieso verliert ein Spieler auf dem Feld die Beherrschung? Man denke an Zinédine Zidanes Kopfstoss.

Das sind auch nur Menschen in einer hochemotionalisierten Situation. Denen geht auch mal der Gaul durch. Ich finde, noch schlimmer als die Spieler sind die Trainer. Wie sich zum Beispiel Jürgen Klopp aufführt, wie er 90 Minuten gestikuliert und tobt: Das hat einen negativen Einfluss auf die Fans.

Wie muss ein Fussballspieler sein, damit er für Fans zur Identifikationsfigur wird?

Er muss natürlich leistungsmässig top sein und vor allem Nähe zu den Fans herstellen. Dafür sollte er mal nach dem Spiel in die Kurve gehen und ein Trikot rüberschmeissen. Die Fans müssen das Gefühl haben, wahrgenommen zu werden. Cristiano Ronaldo zum Beispiel taugt meiner Meinung nach nicht zum Idol, obwohl er ein toller Spieler ist. Er wirkt viel zu arrogant. Ebenfalls schlecht sind ständige Vereinswechsel. Dann fühlen sich die Fans verraten.

Wie haben Sie eigentlich Ihre Erkenntnisse gewonnen?

Ganz einfach, ich bin nicht am Schreibtisch gesessen. Meine Forschungsphilosophie war immer: Alle Erkenntnisse vor Ort überprüfen. Ich habe eine Jahreskarte für alle deutschen Stadien und mache auch Auswärtsfahrten mit.

Mit welchem Team leiden Sie persönlich mit?

Seit 1967 bin ich FC-Bayern-Fan. Wenn man einmal Fan eines Vereins ist, bleibt man das auch. Das geht so weit, dass ich mich mittlerweile darüber ärgere, dass ich mich ärgere, wenn Bayern verliert. Dann ist der Samstagabend für mich gegessen.

Schicken Sie uns Ihren Fan-Moment!

Ob vom Public Viewing, aus einem WM-Stadion oder beim TV-Grillieren mit der Familie: Mailen Sie uns Ihr emotionalstes WM-Foto an onlineredaktion@migrosmedien.ch

Antonio Perrinos Töchter Leonora und Liliana
Antonio Perrinos Töchter Leonora und Liliana im Italo-Look

Antonio Perrino schreibt zum Bild: Meine beiden Töchter Leonora (5 Jahre) und Liliana (3) sind schon eingefleischte Italienfans!

Petra Bachmann schreibt:
Mein emotionalster Fussballmoment ist leider ein sehr negativer. Ich wollte im Jahr 2008 gerne das EM-Endspiel zwischen Deutschland und Spanien ansehen. Mein Mann und ich gingen in das für die EM-Übertragungen aufgestellte Zelt eines Restaurants in der Umgebung. Was ich, als gebürtige Deutsche, nicht geahnt hatte: Die Leute dort, welche mich teilweise sogar kannten, beschimpften die deutschen Spieler aufs Übelste, egal was diese auf dem Rasen auch taten. Ich konnte einfach nicht mehr zuhören und ging bereits nach der 1. Halbzeit nach Hause. Auch meinem Mann war das Ganze höchst peinlich. Vor allem, weil er als Schweizer in meiner deutschen Heimat immer aufs Herzlichste empfangen wurde.
Fazit: An ein öffentlich übertragenes Match, an welchem Deutschland beteiligt ist, werde ich hier in der Schweiz nie mehr gehen!

Autor: Silja Kornacher