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03. Juni 2013

Funparks: Hüpfen und toben im Trockenen

Spielplätze in Hallen boomen. Hier können sich Kinder an verregneten Nachmittagen auf zahllosen Spielgeräten auspowern. Davon profitieren auch die Eltern. Die Reportage aus Dietikon ZH und was Kinder und ein Experte vom Trend halten.

Im Hamsterrad geht die Post ab
Im Hamsterrad geht die Post ab: Nicht immer 
gelingt es Sedrin, Jessica, Emma, 
Nicolas und Colin (von links), im drehenden Rad das Gleichgewicht zu halten.

Früher wurden hier Bälle konzentriert übers Netz gedroschen. Recht ruhig war es damals in der Tennishalle in Dietikon ZH. Heute dröhnt Besuchern ohrenbetäubender Lärm entgegen. Kein Wunder, spielen, schreien und toben doch bis zu 400 Kinder auf den rund 4000 Quadratmetern, angefüllt mit Trampolinanlagen, Megahüpfburgen, Klettertürmen und Riesenrutschbahnen. Gleichzeitig, wohlverstanden.

Vor acht Jahren hat sich der Indoor Funpark Trampolino in der Tennishalle eingenistet. «Wir waren eine der ersten Anlagen dieser Art in der Schweiz», erklärt Meike Mack (47), Mitglied der Geschäftsleitung, «und bis heute sind wir mit rund 90 000 Besuchern jährlich auch die grösste.» Solche überdachten Riesenspielplätze boomen in der ganzen Schweiz. Noch grössere, für bis 150 000 Besucher jährlich, sind beispielsweise in der Region Bern in Planung.

Vor allem wenn es draussen kalt und nass ist, wird es auf dem normalen Spielplatz oder im Wald schnell einmal ungemütlich — für Kinder und Eltern. Eine Alternative, der möglichen Langeweile daheim zu entgehen, bieten Indoor-Spielplätze. Das Schmuddelwetter bleibt draussen, die Kinder können im Trockenen Spass haben.

Jessica Meyer (8)
Jessica Meyer (8), Baldingen AG: «Das Bungee-Jumping war das Beste. Ich komme wieder.»

«Vor allem bei schlechtem Wetter herrscht Hochbetrieb», bestätigt Mack. An solchen Tagen packt Dolly Meyer aus Baldingen AG ihre zwei Kinder Jessica (8) und Colin (5) ins Auto und fährt mit ihnen nach Dietikon in die Trampolino-Kinderwelt. Manchmal kommen ihre Freunde Nicolas (9) und Anakin Isler (7) mit, oder Loris (8) und Sedrin Kolb (5) mit ihrer Mutter Andrea. «Das ist cool», sagt Dolly Meyer. «Die Kinder können sich so richtig austoben und sind abends schön müde.»
Die sechs sind genau im richtigen Alter: «Wir sprechen Kinder von 2 bis 15 Jahren an», sagt Meike Mack. «Wobei,15-Jährige sind eher grenzwertig.» Es bestehe immer die Gefahr, dass sie die Kleinen überrennen. «Sie benehmen sich eher etwas rüpelhaft.» Also sorgt Aufsichtspersonal in den meisten dieser Anlagen dafür, dass es anständig zugeht.

Jessica Meyer (8): Das Bungee-Jumping war das Beste. Ich komme wieder.

Anakin Isler (7)
Anakin Isler (7), Baldingen AG: «Mir gefällt hier alles sehr gut.»

Doch Dominic Mathis (32), Versicherungsexperte beim VZ Vermögenszentrum in Zürich, warnt: «Eltern dürfen sich nicht blind auf das Hallenpersonal verlassen. Sie können ihre Aufsichtspflicht nicht uneingeschränkt abschieben.» Väter und Mütter müssen selbst darauf achten, dass ihr Kind weder sich noch andere verletzt. Der Tipp von Mathis: «Achten Sie auf das Kleingedruckte, also die Hallenregeln.» Diese sollten irgendwo im Eingangsbereich angeschlagen sein.
Sollte trotz Aufsicht ein Unfall passieren, ist die richtige Versicherung Gold wert. Kleine Blessuren werden vollumfänglich von der Unfallversicherung der Krankenkasse bezahlt, für bleibende Schäden und dauerhafte Invalidität hingegen sind Kinder oft schlecht bis gar nicht versichert. Mathis rät, eine Rentenversicherung mit maximaler Versicherungssumme abzuschliessen. Eine zusätzliche Kapitalversicherung ist sinnvoll: «Die kostet rund fünf Franken im Monat und zahlt bei voller Invalidität bis zu 350 000 Franken.»

Anakin Isler (7): Mir gefällt hier alles sehr gut.

Wie viele Unfälle tatsächlich in Funparks passieren, ist nicht bekannt. «Wir wissen lediglich, dass es in der Schweiz jährlich rund 5000 Spielplatzunfälle gibt», erklärt Manfred Engel (47), Leiter Haus, Freizeit, Produkte bei der Beratungsstelle für Unfallverhütung. Gemessen an sämtlichen Unfällen sei dies relativ wenig.
Ein erhöhtes Risiko stellen aber die dynamischen Spielgeräte wie Trampoline dar. Wenn mehrere Kinder gleichzeitig darauf herumspringen, kann es Kopf-auf-Kopf oder Kopf-auf-Knie-Unfälle geben. «Zahnschäden oder Knochenbrüche sind nicht selten», sagt Engel. Darum wäre es wichtig, dass Kinder allein auf dem Trampolin springen. Doch auch der Experte muss zugeben: «Zu zweit macht es mehr Spass.»

Loris Kolb (8)
Loris Kolb (8), Böbikon AG: «Das Klettergerüst gefällt mir am besten.»

Auch da stellt sich wieder die Haftungsfrage. Für Versicherungsexperte Dominic Mathis ist klar: «Mit Kindern ist eine Privathaftpflicht eine eigentliche Pflichtversicherung. Sie bezahlt sowohl Schäden, die Kinder an Anlagen des Funparks anrichten, wie auch Regressforderungen bei Unfällen mit anderen Kindern.» Von ernsten Unfällen blieb das Trampolino bisher verschont. «Aber an Pflästerli haben wir einen grossen Bedarf», lacht Meike Mack.

Loris Kolb (8): Das Klettergerüst gefällt mir am besten.

Der Boom, Spielplätze in Hallen zu bauen, kommt aus Holland. Dort hat Gerhard Mack (57), Gründer des Trampolino und Spross der Europa-Park-Familie, solche Funparks zum ersten Mal gesehen. Er erarbeitete ein Konzept für die Schweiz und setzte es 2005 um. «Viele Kinder leiden unter Bewegungsmangel und Übergewicht», sagt Meike Mack. «In den Hallenspielplätzen haben sie die Möglichkeit, sich auszupowern.»

Sedrin Kolb (5)
Sedrin Kolb (5), Böbikon AG: «Der Vulkan ist super, da kann ich so toll runterrutschen.»

Für Kritiker sind Indoor-Parks nichts anderes als zusätzliche Energieverschwendungsanlagen. Beat Lehmann (48), Energieexperte beim Zürcher kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft, relativiert aber: «Wir gehen davon aus, dass solche Gebäude keinen überdurchschnittlichen Energieverbrauch aufweisen, verglichen beispielsweise mit anderen Sport- und Freizeiteinrichtungen.»
Immerhin erfordert eine Umnutzung zu einem Indoor-Spielplatz eine Baubewilligung der Gemeinde. Und die verlangt unter anderem die Einhaltung der restriktiven kantonalen Wärmedämmvorschriften. «Wer etwas für die Umwelt tun will, soll zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem öffentlichen Verkehr zum Indoor-Spielplatz gehen.»

Sedrin Kolb (5): Der Vulkan ist super, da kann ich so toll runterrutschen.

Das weiss auch Meike Mack. «Wir liessen das Dach überdurchschnittlich gut isolieren und bauten Lüftungsklappen ein.» Klimaanlagen gebe es nicht, und auch die Heizung sei nur rudimentär. Das kann Lehmann gut nachvollziehen. «Die Nutzenden selbst geben viel Wärme ab, und deshalb besteht mindestens während der Betriebszeiten kein grosser Heizbedarf.»

Das zeigt sich auch bei unseren sechs Freunden Colin, Jessica, Nicolas, Anakin, Loris und Sedrin. Nach mehr als drei Stunden Rumrennen, Turnen, Hüpfen und Klettern stehen sie verschwitzt, mit am Kopf klebenden Haaren, aber glücklich und zufrieden am Ausgang. Nach Hause wollen sie nicht, aber die Halle schliesst. Und da spielen sich dann auch jeweils die eigentlichen Dramen ab — beim Nach-Hause-Gehen. «Bei uns», sagt Meike Mack «weinen die Kinder nur, wenn sie gehen müssen.»

Hier finden Sie einen Funpark in Ihrer Nähe
Es gibt in der ganzen Schweiz kleinere und grössere Spielanlagen in Hallen, die verschiedene Attraktionen bieten.
Eine Liste mit den bekanntesten finden Sie hier: www.erlebniswelt.liliput.ch , weiter unter der Rubrik «Indoor Spielplatz/-halle».

Buchtipp: «Die schönsten Schweizer Ausflugsziele für Schlechtwetter-Tage», Weltbild-Verlag, 2010, ISBN 978-3-03812-378-1, Fr. 19.95

Autor: Thomas Vogel

Fotograf: Tina Steinauer