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23. April 2012

«Fundamentalismus ist eine Reaktion auf Verunsicherung»

Evangelikale Christen verbreiten auch in der Schweiz immer lauter ihre Vorstellung der Wahrheit. Ihr gesellschaftlicher Einfluss bleibt jedoch gering, sagt der Basler Theologieprofessor Reinhold Bernhardt.

Für Reinhold 
Bernhardt ist 
der Glaube ein 
Freiheitsvollzug.

Reinhold Bernhardt, christliche Fundamentalisten waren in letzter Zeit mehrmals in den Schlagzeilen. Nimmt ihr gesellschaftlicher Einfluss zu?

Die Frage ist, ob der Einfluss real zunimmt oder ob die Medien einfach mehr darüber berichten, vielleicht auch weil Fragen der Sexualmoral das Thema für sie zusätzlich attraktiv machen. Mein Eindruck ist aber, dass wir es tatsächlich mit einer leichten realen Zunahme zu tun haben.

Liegen wir damit global im Trend?

Fundamentalismus ist immer auch eine Reaktion auf Verunsicherung, und die hat an vielen Orten der Welt durch politische Umbrüche und wirtschaftliche Krisen zugenommen. Das führt zur Rückbesinnung auf religiöse Wurzeln. Aber auch global gilt: Die Medien berichten heute mehr als vor 20, 30 Jahren.

Weshalb hat sich das Medieninteresse an Religion so verstärkt?

Der US-Politikwissenschafter Samuel Huntington formulierte Anfang der 90er-Jahre die These des Kampfs der Kulturen, also die Idee, dass die religiösen und kulturellen Unterschiede die künftigen Konflikte bestimmen werden. Seither ist das ein Thema, verstärkt natürlich nochmals durch 9/11. Die Anschläge in New York haben den Fokus auf die radikalen Enden der Religion verstärkt.

Besteht ein Risiko, dass auch bei uns die Art von Kulturkampf aufflammt, wie wir ihn aus religiöseren Gesellschaften in den USA oder im Nahen Osten kennen?

Nein, so dramatisch ist die Lage nicht. In den USA ist die Gesellschaft weltanschaulich zersplitterter. Es gibt viele Nischen, in denen exotische Pflanzen blühen. In der Schweiz ist die Gesellschaft homogener. Es gibt zwar radikale Gruppen, aber sie sind klein und können keinen gesellschaftlichen Schaden anrichten. Nur gerade vier Prozent der Reformierten gehören Freikirchen an, und von denen sind längst nicht alle Fundis. Es liegt auch in der Verantwortung der Medien, das nicht zu übertreiben.

Laut einer Studie des Religionssoziologen Jörg Stolz sind immer weniger Schweizer tief religiös. Gleichzeitig nimmt jedoch die Zahl der Fundamentalisten unter den verbliebenen Religiösen zu.

Es ist keine Frage, dass die Kirchenzugehörigkeit zurückgeht. Dieser Trend wird auch andauern. Andererseits ist das religiöse Bewusstsein in der Schweiz sehr ausgeprägt, wie wir aus anderen Studien wissen. Fundamentalismus ist dabei aber ein Randphänomen. An unserer Fakultät gibt es nur wenige Studierende, die ihren Glauben durch Abgrenzung von den anderen definieren. Die Radikaleren haben eher Angst vor der akademischen Theologie und gehen lieber in die Sozialarbeit, um die Welt zu verbessern. Die Tendenz, sich abzuheben von einem aufgeklärten Christsein, hat aber zugenommen — oder zumindest die Bereitschaft, das zu zeigen.

Weshalb ist die dogmatische Haltung so verführerisch?

Dogma bedeutet zunächst nur Lehre, meint also die Inhalte des christlichen Glaubens. Erst da, wo über Glaubenslehren nicht mehr offen reflektiert und diskutiert wird, sondern wo sie zwanghaft verordnet werden, haben wir es mit Dogmatismus zu tun. Eine solche Haltung gibt Gewissheit, sie ist ein Ich-Verstärker, ein künstliches Rückgrat. Man weiss, dass man auf der rechten Seite steht, und hat eine Heilsgewissheit. Damit kann man gut leben, solange diese Fundamente nicht in Frage gestellt werden. Geschieht das, ist die Abwehrhaltung umso heftiger. Deshalb haben viele dieser Gruppen eine Wagenburgmentalität entwickelt und schotten sich von Kritik ab.

Das spricht eher für ein mangelndes Selbstbewusstsein.

Das stimmt. Diese Leute haben Angst davor, dass kritische Fragen ihren Glauben unterminieren könnten.

Theologieprofessor Bernhardt war auch schon Pfarrer und sagt, er habe dabei viel für sein Leben gelernt.
Theologieprofessor Bernhardt war auch schon Pfarrer und sagt, er habe dabei viel für sein Leben gelernt.

Aber setzt nicht jede Form von Glauben das Akzeptieren und Befolgen von Dogmen voraus?

Jesus hat gesagt, das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz. Das bringt es auf den Punkt. Dogmen sind verdichtete Glaubenserfahrungen. Wo man sie zu einem Glaubensgesetz macht, wirds problematisch. Glauben besteht nicht zuerst darin, an bestimmte Inhalte zu glauben, dann wäre er eine Ideologie. Glauben ist primär eine Lebenshaltung, die sich orientiert an einer Glaubenstradition und einer Glaubensgemeinschaft, sich ihr aber nicht sklavisch unterwirft. Sonst müsste man ja sein Hirn abgeben.

Das Gesetz ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gesetz.

Gibt es bei Religionen nicht immer Glaubensgesetze?

Es besteht tatsächlich eine Tendenz zur Selbstverabsolutierung der Religion, aber dagegen kämpft die Religion selbst auch stetig an. Deshalb gibt es immer wieder Erneuerungsbewegungen wie etwa die Reformation. Sie finden das in allen Religionen: zum einen eine Verfestigungstendenz und zum anderen Erneuerungsimpulse, um aus dem Korsett auszubrechen.

Wer macht den Sprung vom Gläubigen zum Fundamentalisten?

Das ist völlig individuell. Manchmal suchen Leute einfach Geborgenheit in einer engen Gemeinschaft, einige stecken vielleicht gerade in einer Krise. Viele finden auch wirklich Halt in einer solchen Gemeinschaft, sie tut ihnen gut. Das ist ein Stück Lebenshilfe für sie.

Es scheint, dass vor allem Schule und Ausbildung im Brennpunkt christlicher Debatten stehen. Ist die Schule so wichtig beim Etablieren von Werten?

Viel einflussreicher als der Unterricht ist das, was im Umfeld der Schule passiert. Der Freundeskreis, der sich in der Schule entwickelt, hat enormen Einfluss auf die Jugendlichen. Für Eltern ist es ein grosser Autonomieverlust, ihre Kinder aus der Hand geben zu müssen. Wer seine Sprösslinge selbst unterrichtet oder in christliche Bekenntnisschulen steckt, bekundet Angst und auch ein Stück Misstrauen gegenüber den eigenen Kindern. Zum Leben gehört auch, dass man sich mit anderen Denkweisen auseinandersetzen muss.

Zum Leben gehört auch, dass man sich mit anderen Denkweisen auseinandersetzen muss.

Über die Abschaffung Darwins im Lehrplan wird aber in der Schweiz, anders als in den USA, nirgends ernsthaft diskutiert.

2007 gab es in Bern einen kleinen Skandal. Da plädierte ein Lehrerhandbuch dafür, Evolution und Schöpfung im Biologieunterricht gleichwertig zu behandeln. Das löste einen Sturm der Entrüstung aus, und das Handbuch wurde abgeändert. Diese Debatte gibt es also auch hier. Der Schöpfungsglaube ist aber keine wissenschaftliche Theorie, sondern eben eine Glaubenshaltung, und die hat im Biologieunterricht nichts verloren. Sie gehört in den Religionsunterricht. Der Vorfall zeigt aber, dass die soziale Kontrolle funktioniert. Wenn sich so was einschleicht, sei es in Lehrbüchern oder in den Unterricht eines Lehrers, wird sofort reagiert.

An der Fachhochschule Nordwestschweiz wetterten evangelikale Studenten gegen Schwule und versuchten andere zu bekehren. Woher kommt die Obsession mit der Homosexualität?

Homosexualität abzulehnen, ist von Evangelikalen zum Erkennungszeichen wahren Christseins erhoben worden. Man sieht darin einen Ausdruck der Bibeltreue, denn es gibt ja ein paar Passagen in der Bibel, die recht eindeutig sind in der Verwerfung der Homosexualität. Liberale Theologen hingegen sind der Ansicht, dass man diese Stellen als zeitbedingt verstehen muss. Zudem: Jesus hat niemanden verworfen und sich schon gar nicht für sexuelle Orientierung interessiert, das spielt in den Evangelien gar keine Rolle. Aber wer eine biblizistische Vorstellung hat, der hält sich nicht an den Geist der biblischen Botschaft, sondern an den Wortlaut. In diesem Punkt gibt es interessanterweise eine Verbrüderung unter den religiösen Fundamentalisten aller Religionen. Sonst findet man sich nicht, aber hier versteht man sich wunderbar.

Weshalb sind Sie Theologe geworden?

Eher aus einer kritischen Haltung heraus. Ich wollte hinter die Kulissen schauen, wissen, warum Menschen über so viele Jahrhunderte von diesem Thema fasziniert sind. Ich war auch für einige Zeit Pfarrer — ein wunderbarer Beruf. Man kommt dabei nahe an die Menschen heran, gerade in den kritischen Phasen ihres Lebens. Ich habe dabei sehr viel für mein eigenes Leben gelernt.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Basile Bornand