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31. Oktober 2016

Für Sergio Ermotti ist Bescheidenheit wichtig

Er gehört als CEO der UBS zu den mächtigsten Wirtschaftsbossen des Landes. Im Interview äussert sich der Tessiner über die Gefahren für den Finanzplatz, die negativen Folgen der Initiativenflut, Bankersaläre und seine Leidenschaft für den Fussball. Er ist überzeugt: «Bescheidenheit ist wichtig – egal, wie stark man ist.»

Der Tessiner Sergio Ermotti
Der Tessiner Sergio Ermotti ist nicht nur CEO der UBS, ...

Sergio Ermotti, welche Rolle spielt es für die UBS, dass ein Tessiner die Geschicke der Firma lenkt?
Keine allzu grosse. Klar, als Tessiner bin ich vielleicht sensibler gegenüber den Unterschieden zwischen der lateinischen und der Deutschschweiz. Wahrscheinlich bin ich der erste Tessiner an der Spitze einer Grossbank. Die Schweiz ist für uns strategisch sehr wichtig, aber unser Geschäft funktioniert global. Unsere Schweizer Identität ist für uns im Ausland sehr bedeutend. Bei der Führung der UBS spielt also die Swissness eine grosse Rolle und weniger, ob ich Tessiner, Deutschschweizer oder Romand bin.

Das heisst, der CEO der UBS sollte immer ein Schweizer sein?
Nicht unbedingt. Die Schweizer können auch in der Geschäftsleitung oder im Verwaltungsrat vertreten sein. Es ist wie im Sport: Man muss die Taktik auch den Spielern anpassen, die man zur Verfügung hat. Wir können jedoch nicht sagen, wir wollen eine Schweizer Bank sein, und haben dann nur andere Nationalitäten in der Geschäftsleitung. Es ist wichtig, eine gute Balance zu haben. Die Zusammensetzung der Geschäftsleitung strahlt auch unsere starke globale Identität aus, und die Diversität des Teams spiegelt unsere Kundenbasis. UBS steht für beides, für Swissness und globale Identität. Das ist für mich sehr wichtig.

Worin unterscheidet sich für Sie das Tessin von der Deutschschweiz?
Politisch hat sich das Tessin stärker in Richtung Deutschschweiz bewegt, weg von der romanischen Schweiz. Die Lega ist im Aufwind, ähnlich wie die SVP. Ich denke, viele Tessiner sind besorgt über ihre Lebensqualität. Und ich verstehe ihre Sorgen. Mindestens die Hälfte der Tessiner, die für die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt haben, hätten vermutlich eine andere Meinung, wenn sie das Gefühl hätten, sie würden in Bern wirklich ernst genommen. Wenn sie wüssten, dass die Verkehrsprobleme angegangen oder die Arbeitsplätze besser geschützt werden. Ich sage nicht, dass ich mit dem Entscheid einverstanden bin, aber ich kann die Gründe verstehen.

Sie gelten als Patriot, besuchten auch schon Schwingfeste. Welche Rolle spielt die Schweiz für Sie?
Ich identifiziere mich sehr mit der Schweiz und dem Tessin. Naturgemäss fühle ich mich zuerst als Tessiner und dann als Schweizer. Mir ist es wichtig, eine Identität zu haben und dazu zu stehen. Ich glaube, dass die Schweiz als Demokratie ein gutes Beispiel für viele Länder sein könnte und sollte. Klar, auch wir müssen uns immer wieder verbessern und anpassen.

Als Stimmbürger stört mich die zunehmende Instrumentalisierung der direkten Demokratie.

Zum Beispiel?
Volkswirtschaftlich und politisch. Als Staat sind wir zu bürokratisch geworden. Und als Stimmbürger stört mich die zunehmende Instrumentalisierung der direkten Demokratie. Wir sind daran, eine Stärke unseres Systems mit unzähligen Initiativen zu verspielen. Verstehen Sie mich richtig: Ich finde diese Instrumente äusserst wichtig. Aber viele Politiker lancieren diese mittlerweile nicht primär, um einer Sache zu dienen, sondern um sich zu positionieren und zu profilieren und um Druck auszuüben. Das schadet unserem Land. Die fast schon inflationäre Ausübung des Initiativrechts schwächt die Glaubwürdigkeit unseres politischen Systems.

Weshalb?
Wir stimmen so oft über Vorlagen ab, dass die Bürger das Interesse daran zu verlieren drohen. Kommt dazu, dass es Anpassungen an die neuen Realitäten braucht, die Demografie etwa. Für eine Eidgenössische Volksinitiative braucht es seit Jahrzehnten nur 100'000 Unterschriften, obwohl sich die Bevölkerung seit 1900 fast verdreifacht hat und es deshalb viel einfacher geworden ist, Unterschriften zu sammeln. Ich bin zudem sehr kritisch gegenüber Initiativen, die von Bundesratsparteien stammen.

Sie haben den Bundesrat ja auch schon kritisiert, gerade im Zusammenhang mit dem Bankgeheimnis.
Achtung: Meine Aussage damals, es scheine, dass der Bundesrat nach den Wahlen vom vergangenen Herbst noch zu wenig berücksichtigt habe, dass das Stimmvolk stärker bürgerlich gewichtet hat, war nicht als Kritik gedacht, sondern als Feststellung. Und viele politische Beobachter teilen meine Einschätzung.

Sie sind CEO einer Grossbank, wären aber lieber Fussballer geworden.
Ja, gegen ein Finalspiel in der Champions League oder an einer Weltmeisterschaft würde ich meine CEO-Funktion eventuell tauschen. Auf diesem Niveau zu spielen, wäre ein Traum. Wenn ich den Weg als Profifussballer eingeschlagen hätte, wäre ich jetzt allerdings pensioniert. Und als CEO einer Bank darf ich immer noch arbeiten. Deshalb ist es vielleicht besser so. (lacht)

Dafür sind Sie noch immer Präsident des Zweit-Liga-Clubs FC Collina d’Oro. Was bedeutet Ihnen das?
Mir macht es einfach Freude, auf den Fussballplatz zu gehen und zuzuschauen. Das ist eine komplett andere Welt für mich, und es ist ein Beitrag an die Gemeinschaft in meiner Region.

Als Banker erhalten Sie mehr Lohn als viele Fussballer. 2015 waren es 14,3 Millionen Franken. Wie behalten Sie angesichts dieser Summe die Bodenhaftung?
Ich verliere die Bodenhaftung deswegen nicht. Mein erstes Salär war ein Monatslohn von 350 Franken. Das war 1975. Ich stamme zudem nicht aus einer reichen Familie. Mein Vater war ein einfacher Bankangestellter. Ich weiss sehr genau, was es heisst, Geld zu verdienen. Ich behaupte nicht, dass Geld für mich keine Rolle spielt. Es ist mir schon wichtig, dass ich marktgerecht bezahlt werde. Und klar, dass ich vergleichsweise früh finanziell unabhängig war, brachte mir eine gewisse Freiheit. Aber ich arbeite gern und nicht einfach nur für Geld. Interessant ist ja, dass die Löhne von Spitzensportlern oder Film- und Musikstars kaum ein Thema sind, jene der Manager hingegen schon. Dabei wird argumentiert, dass die Allgemeinheit nicht für die Löhne der Supersportler bezahlen muss. Aber das stimmt nicht. Wer bezahlt indirekt für Sponsoring, Bezahlfernsehen oder Werberechte? Das sind die Konsumenten.

Nur sehen wir bei Stars, was sie machen. Das ist bei Kaderleuten in einer Bank kaum der Fall.
Ich will jetzt nicht in einen Verteidigungsmodus fallen. Aber Sie müssen sehen, dass wir heute ganz klare Regelungen und eine gute Aufsicht haben, was die Vergütung betrifft. Letztlich haben die Besitzer der Firmen das Sagen, die Aktionäre. Und in der Schweiz können sie über die Vergütungspakete abstimmen.

Die UBS steht bei diesen Fragen speziell im Fokus, weil sie 2008 staatliche Hilfe in Anspruch nehmen musste.
Das stimmt, und wir sind der Schweizer Regierung sehr dankbar, obwohl ich damals noch nicht dabei war. Man darf aber auch sagen, dass es uns freut, dass der Staat mit der Intervention ziemlich gut verdient hat. Das ist natürlich kein Grund, diese Erfahrung wiederholen zu wollen.

Es freut uns, dass der Staat mit der Intervention (von 2008) ziemlich gut verdient hat.

Ein anderes Thema: Ist unser Eindruck richtig, dass man heute auf dem Schweizer Finanzplatz bescheidener auftritt?
Ich glaube Bescheidenheit ist wichtig – egal, wie stark man ist. Es geht nicht um uns, sondern darum, wie wir unseren Kunden helfen können. Fakt ist aber auch, dass der Schweizer Finanzplatz international ziemlich unter Druck steht. Asien und die USA sind wachsende Konkurrenten im traditionellen Vermögensverwaltungsgeschäft. Die Tatsache, dass Europa wirtschaftlich kaum mehr wächst, ist auch nicht gut für die Schweiz, weil die europäischen Märkte für uns eine wichtige Rolle spielen. Aber wir müssen uns nicht selber kleinmachen, wir können gut weiter vorne dabei sein. Wir müssen auf unsere Tradition und unsere Stärken bauen.

Wie sauber ist unser Finanzplatz heute?
Die Schweiz hat enorm viel unternommen und ist in einer führenden Position, wenn es um Steuerkonformität oder den Kampf gegen Geldwäscherei geht. Wir erfüllen strenge Standards. Ist die Schweiz perfekt? Nein, aber viel besser aufgestellt als viele andere Länder, die uns regelmässig kritisieren.

Beispielsweise die USA?
Ich nenne keine Beispiele. Klar ist, der Schweizer Finanzplatz muss den Weg weitergehen, den er eingeschlagen hat. Wir dürfen jetzt nicht auf Schwarzmalerei machen.

Ist es nicht frustrierend zu sehen, dass die Schweiz aufgeräumt hat, während andere Länder, die uns kritisiert haben, im Hinterhof nach wie vor Geld machen?
So sind nun mal die Realitäten. Frustrierend finde ich eher, dass immer wieder über die Vergangenheit diskutiert wird. Wir erlauben Drittstaaten, über unser Rechtssystem hinweg zu urteilen, und die Schweizer Banken werden de facto schuldig erklärt für Dinge, die bei uns legal waren und gemäss Schweizer Recht korrekt abgeschlossen wurden.

Rund um einen der weltweit grössten Geldwäschereiskandale, den malaysischen Staatsfonds 1MDB, waren die Schweizer Privatbank Falcon und am Rande auch die UBS involviert.
Auf einzelne Fälle möchte ich nicht eingehen. Nur so viel: Aufgrund eines Einzelfalls pauschalisierende Aussagen zu machen, ist sehr gefährlich.

Kritiker des Schweizer Finanzplatzes sprechen von einer Doppelstrategie: Weissgeld aus reichen Ländern, weiterhin aber Schwarzgeld aus ärmeren Teilen der Welt. Was sagen Sie dazu?
Solche pauschale Aussagen sind unverantwortlich und völlig ungerechtfertigt.

Das in der Schweiz verwaltete Geld steht (...) den Schweizer Unternehmen zur Verfügung.

Jörg Gasser, der Staatssekretär für internationale Finanzfragen, sagt, das Image des Finanzplatzes müsse gestärkt, neue Märkte erschlossen werden. Wie konkret?
Es geht für uns dabei nicht primär um neue Märkte. Wenn Sie Japan, Hongkong, Singapur und China, allenfalls noch Indonesien, Europa, die USA, Mexiko und Brasilien abgedeckt haben, dann entspricht das einem Grossteil des Weltmarkts. Es geht vor allem darum, dass der Finanzplatz die Märkte von der Schweiz aus mit entsprechenden Abkommen stärker mit Dienstleistungen bedienen kann, um weltweit Mittel in die Schweiz zu bringen. Das hat für die Volkswirtschaft eine grosse Bedeutung. Denn der Finanzplatz ist nicht einfach per se wichtig: Das Geld, das wir in der Schweiz verwalten, steht der Schweizer Wirtschaft, den Schweizer Unternehmen zur Verfügung.

Aber dann wird der Schweizer Franken noch stärker.
Erstens: Bis 80 Prozent der Vermögen, die wir Finanzdienstleister in der Schweiz verwalten, sind in Fremdwährungen angelegt, nicht in Schweizer Franken. Zweitens: Das Problem des starken Schweizer Frankens entsteht nicht primär durch ausländische Anleger, die in unsere Währung investieren. Es sind vielmehr Schweizer Unternehmen und institutionelle Anleger, die seit Jahren ausländische Investitionen und Dividenden zurück in die Schweiz führen.

Wie klug war der Entscheid der Nationalbank (SNB), den Mindestkurs zum Euro aufzugeben?
Es ist nicht an mir zu beurteilen, ob es klug war oder nicht. Es war aber zweifellos notwendig, sowohl 2011 wie 2015 zu intervenieren. Eine andere Frage ist, ob die Art und Weise optimal war, wie dabei vorgegangen wurde. Die SNB muss weiterhin darauf fokussieren, dass der Schweizer Franken nicht unrealistisch bewertet ist und die Wirtschaft konkurrenzfähig bleibt. Dafür benötigen wir aber vor allem die richtigen Rahmenbedingungen. Schauen Sie zurück, was die Schweiz konkurrenzfähig gemacht hat: Liberalismus und ein wirtschaftsfreundliches Umfeld.

Müssen die UBS-Kunden bald mit einem Negativzins auf Sparguthaben rechnen?
Kleinanleger kaum. Es sei denn, die Nationalbank verschärft die Politik mit den Negativzinsen. Das wäre jedoch für die Banken eine grosse Belastung, und zwar in unserem Kerngeschäft. Für sehr vermögende Kunden können wir mögliche Schritte dann nicht ausschliessen. 

Autor: Reto Wild, Hans Schneeberger

Fotograf: Dan Cermak