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01. Mai 2013

«Für mich ist ein grosser Traum geplatzt»

Das grosse Interview mit Ueli Steck: Nachdem Sherpas Morddrohungen gegen ihn ausgesprochen haben, hat sich der Bergsteiger aus dem Berner Oberland entschieden, seine 16. Himalaya-Expedition mit der Gipfelbesteigung des Everest abzubrechen und abzureisen. Der Karakorum, andere Berge im Himalaya, die Anden oder Alaska: Es gäbe für die Zukunft viele Alternativen zum Mount Everest, betont Steck im Gespräch.

Ueli Steck
Ueli Steck bricht seine 16. Himalaya-Expedition ab.

Ueli Steck, wie geht es Ihnen momentan?
Ich bin traurig, schockiert und enttäuscht. Gleichzeitig bin ich aber glücklich, dass wir alle drei (Bergsteigerkollege Simone Moro aus Norditalien, der britische Fotograf und Bergsteiger Jonathan Griffith und Ueli Steck, Anmerkung der Redaktion) noch am Leben sind. Denn man wollte uns umbringen.

Was genau war passiert?
Fakt ist, dass rund 100 Sherpas auf uns losgingen. Ich hatte grosses Glück, dass sich die amerikanische Bergsteigerin Melissa Arnot zwischen uns und die aufgebrachten Sherpas stellte und so den ersten Angriff abwehrte. Ich hatte die Situation zu wenig schnell richtig eingeschätzt und wurde von einem Stein am Kopf getroffen. Jonathan und Simone rannten los und konnten sich verstecken. Greg Vernoovage drängte mich ins Zelt, um mich in Sicherheit zu bringen und stand danach vor dem Zelteingang. Die Sherpas umzingelten das Zelt und sagten, ich soll herausgeholt werden. Sie wollten mich als Ersten umbringen. Dann riefen die Sherpas nach Simone Moro. Er musste sich auf den Knien für die lauten Worte am Berg entschuldigen und erhielt diverse Fusstritte ins Gesicht. Nach seiner Entschuldigung beruhigte sich die Situation etwas, und die Sherpas entschieden, wir hätten eine Stunde Zeit, um den Berg zu verlassen, und uns sei es nicht mehr erlaubt, zurückzukehren.

Was löste diese Wut aus?
Am 27. April um 9 Uhr starteten Simone, Jonathan und ich vom Camp 2, um unser Zelt beim 7100 Meter hohen Camp 3 zu erreichen. Dort wollten wir übernachten. An diesem Morgen war auch ein Sherpa-Team unterwegs. Es wollte die Route zum Lager 3 mit Fixseilen sichern. Um das Team nicht zu behindern, kletterten wir 50 Meter weiter links in der Lhotse-Flanke bis auf die Höhe unseres Zeltes. Den Sherpas passte das ganz und gar nicht. Die Sherpas haben per Funk mit ihrem Leader besprochen, dass sie uns stoppen werden, indem sie Eis runterwerfen. Das passierte offensichtlich, als wir den Bergschrund überquerten. Wir waren nur kurze Zeit unter den Seilschaften und querten nach links, so dass wir aus der Schusslinie waren. Wir waren völlig unabhängig voneinander unterwegs.

Und dann?
In eineinhalb Stunden waren wir beim Lager 3 und querten zu unserem Zelt. Wir gingen nach rechts zu einem Standplatz, wo wir, ohne nur ein Fixseil zu berühren, ihre Aufstiegslinie querten. Unser Fotograf Jon war der Erste und bereits kurz vor unserem Zelt. Als ich bei den Sherpas eingetroffen war, kam der Leader der Sherpas herunter und brüllte mich an. Zuerst versuchte ich, ihn zu beruhigen und erklärte ihm, dass da drüben unser Zelt steht. Das interessierte ihn nicht. Es war recht kalt und etwas windig. Dass man dann etwas angespannt ist, ist normal. Die Diskussion wog hin und her, und Sherpa Mingma Dorjee beschloss, an diesem Tag keine Seile mehr zu fixieren und abzusteigen.

Und Sie haben ihm angeboten, beim Fixieren der Seile zu helfen?
Ja, da es erst 13 Uhr war. Nur machte ihn das noch viel wütender. Simone Moro war in der Zwischenzeit auch bei uns, wobei Mingma gleich mit seinen zwei Eispickeln heurumfuchtelte. Simone wurde dann ziemlich laut und sprach ein paar Fluchwörter aus. Danach legten alle 17 Sherpas die Seile hin und stiegen ab. Wir warteten bis die Sherpas unten waren, und danach fixierten Simone und ich die restlichen 260 Meter Fixseile bis auf 7300 Meter. Wir beschlossen, ins Lager 2 abzusteigen, um die Sache zu besprechen – anstatt wie geplant im Lager 3 zu bleiben.

Was haben Sie falsch gemacht?
Wir haben am Berg nichts falsch gemacht. In dieser angespannten Situation waren wir ganz einfach zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Falls ein Sherpa tatsächlich durch von uns losgetretenen Eisschlag verletzt worden wäre, ist das noch lange kein Grund, uns töten zu wollen. Was danach geschehen ist, ist nicht akzeptabel. Stellen Sie sich vor: Ich traf auf Sherpas, mit denen ich noch 2012 auf dem Mount Everest war, und ein Jahr später werfen sie Steine nach mir.
Ich musste mir anhören, dass wir in einer Stunde weg sein und nie mehr zurückkehren sollen, oder sie werden uns töten.

Offenbar haben danach Gespräche am Berg stattgefunden. Stimmt das?
Ja. Wir hatten diesen Montag, am 29. April, ein grosses Treffen im Basislager. Dabei waren alle Shirdar-Expeditionsleiter und unsere Crew. Geführt wurde das Meeting durch Verbindungsoffiziere. Wir haben alle eine Vereinbarung unterzeichnet. Darin steht, dass es ein unglücklicher Zufall war, dass unser Team und die Sherpas im gleichen Moment aufeinandertrafen. Beide haben das Recht, am Berg zu sein. Es wurde auch unterzeichnet, dass so etwas nie mehr passieren darf. Wenn es irgendwelche Auseinandersetzung gibt, muss das offiziell über den Verbindungsoffizier geregelt werden.

Was nützt die Vereinbarung in Zukunft?
Es ist ein schönes Papier, ein Schritt vorwärts, aber sicher nicht die Lösung des Problems. Dieser Hass, der sich da innert kürzester Zeit aufgebaut hat, rührt nicht von dieser einzelnen Situation am Berg her. Er hat sich über Jahre aufgestaut. Um drei Leute umbringen zu wollen, braucht es mehr als nur eine Auseinandersetzung.

Wo sind Sie jetzt?
Ich bin jetzt in Kathmandu und warte auf Simone Moro. Danach findet hier eine Pressekonferenz statt. Zusätzlich sollten wir den nepalesischen Premierminister treffen.

Dann haben Sie Ihre 16. Himalaya-Expedition also definitiv abgebrochen?
Ja. Jetzt ist es mir wichtig, auf die Problematik aufmerksam zu machen. In unseren Köpfen haben wir ein Bild von einem friedlichen Bergvolk. Die Sherpas regeln Probleme anders als wir hier in der westlichen Welt. Selbstjustiz ist in Nepal noch sehr alltäglich, vor allem untereinander. Ob jemand richtig oder falsch gehandelt hat, sei dahingestellt. Aber dass 100 Sherpas uns drei ermorden wollten, ist nicht akzeptabel. Für mich ist ein grosser Traum geplatzt. Wir waren ein gutes Team mit tollen Partnern in der Schweiz, und die Verhältnisse am Berg waren top. Das macht mich traurig. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite kann ich entscheiden, wo ich Bergsteigen will. Ich muss nicht zum Mount Everest, wenn ich nicht will. Im Moment habe ich absolut kein Bedürfnis.

Nur ist Bergsteigen Ihr Beruf. Was haben Sie inZukunft für Alternativen?
Der Everest ist nur ein ein einziger Berg. Bestiegen habe ich ihn bereits 2012 ohne Sauerstoff. Der Himalaya ist riesig. Karakorum, die Anden oder Alaska: Es gibt so viele Ideen!

Sie sind auf Ihrer 16. Himalaya-Expedition und entsprechend erfahren. Kam es in der Vergangenheit je zu Auseinandersetzungen mit Sherpas?
In diesem Ausmass noch nie. Ich hatte vor gut einem Jahr mal ein Problem, als mir am Ama Dablam ein Sherpa die Steigeisen aus dem Zelt gestohlen hatte. Er rechnete nicht damit, dass ich ohne Steigeisen hoch kommen konnte. Ich habe ihn am Berg zur Rede gestellt. Da auf den Steigeisen mein Name geschrieben war, gab er mir meine Steigeisen widerstandslos zurück und musste ohne absteigen. Er wird sich sicher nie mehr Steigeisen ausleihen. Nur ist das eine Lappalie im Vergleich, was hier am Everest passiert ist.

Zur Hochsaison im Mai finden sich rund 300 Alpinisten aus dem Westen im Himalaya ein, welche die höchsten Gipfel der Erde besteigen möchten. Wie weit ist der kommerzielle Tourismus an den Geschehnissen schuld?
Es ist klar: Die Sherpas realisieren, wie viel wir ausgeben, um den Berg zu besteigen. Das führt zu einem gewissen Neid. Es geht sehr viel um Macht und Geld. Das kreiert Probleme. Zudem verdienen viele Sherpas für nepalesische Verhältnisse extrem viel Geld, was ihnen ein gewisses Machtgefühl verleiht. Hier prallen verschiedene Kulturen und Lebenseinstellungen aufeinander.

Wie geht es nun für Sie weiter?
Es gibt für mich nur eine einzige mögliche Konsequenz: abzureisen. Obschon die Shirdars garantieren, dass so etwas nicht mehr passiert, ist mein Vertrauen vorerst weg. Stellen Sie sich vor: Die Sherpas würden ein Seil durchschneiden oder stählen Material aus dem Zelt. Das wäre unglaublich gefährlich. Zusätzlich habe ich nach den Vorkommnissen keine Motivation mehr.

Was bedeutet der Abbruch der Expedition?
Vor allem etwas: Enttäuschung und viel Ärger!

Wie gross ist der finanzielle Schaden nach diesem Abbruch?
Zu gross!

Nach den Auseinandersetzungen reisten Sie nach Lukla und danach wieder zurück zum Basislager. Wieso?
Ich bin kein Typ, der einfach davon rennt. Aber ich brauchte erstmals etwas Distanz und musste meine Emotionen sammeln. Danach wollte ich die Situation irgendwie regeln. Das heisst, sich hinstellen und Lösungen suchen. Das haben wir gemacht, und jetzt ist es Zeit, nach Hause zu fliegen.

Autor: Reto Wild