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09. Februar 2015

Kurt Hofmann: «Die Flüssigkeitsregel ist Schwachsinn»

Wer heute noch Spass am Fliegen hat, sitzt vermutlich in der Business Class – wie der österreichische Aviatikjournalist Kurt Hofmann meistens. Ein Gespräch über eng bestuhlte Kabinen, sinnlose Sicherheitskontrollen und selbst fliegende Flugzeuge.

Kurt Hofmann mit einem Swissair-Plakat
Kurt Hofmann mit einem Swissair-Plakat, Erinnerungsstück aus der guten alten Zeit der Schweizer Luftfahrt.

Kurt Hofmann, wie oft fliegen Sie pro Jahr?

2014 waren es 116 Flüge, im Schnitt sind es zwischen 100 und 130.

Auf wie viele Flüge kommen Sie insgesamt?

2391. Der längste dauerte 18 Stunden und 10 Minuten von New York nach Singapur, der kürzeste zweieinhalb Minuten zwischen zwei schottischen Inseln.

Fliegen Sie immer noch gern?

Durchaus. Aber wenn es viele Flüge hintereinander sind, werde auch ich müde.

Bestimmt meist Business Class?

Meist, ja.

Deshalb macht es Ihnen nach wie vor Spass.

Genau. Für zwei Tage nach Tokio in der Economy, das würde ich nie machen.

Für Economy-Passagiere ist das Fliegen nur noch mühsam, oder?

Es gibt schon Unterschiede. Im neuen A350 von Qatar Airways ist die Economy Class erträglich. Bei einer B777 der United Airlines hinten ist sie unerträglich. Und es gibt viele Fluglinien, die extrem eng bestuhlt sind.

Aber auch den Business-Class-Passagieren bleibt das Rundherum nicht erspart: Massenabfertigung am Flughafen, Securityschlangen, Verspätungen … Es ist schlimmer geworden, stimmts?

Ganz klar. Was mir am meisten auf die Nerven geht, sind die Wartezeiten bei der Security. Und wenn es Verspätungen gibt, über die nicht gut informiert wird.

Trotzdem hatte die Flugbranche 2014 finanziell ein exzellentes Jahr.

Ja, und 3,3 Milliarden Passagiere.

Generell scheinen Airlines wieder profitabler als auch schon. Wie ist das gelungen?

Viele Airlines, gerade in den USA, haben fusioniert und sich gesundgeschrumpft. Sie haben eine neue Kostenstruktur, neue Produkte, eine neue Business Class wie American Airlines. Die finanzstärksten Fluglinien sind etwa Copa aus Panama, LAN aus Chile, Avianca aus Kolumbien und Lufthansa. Derweil kämpfen viele europäische Airlines mit Gewerkschaften, hohen Ticketsteuern und Nachtflugverboten. Fast überall arbeitet das Personal mehr als früher, zum Teil für weniger Geld. Und die Flugzeuge sind effizienter geworden, die Treibstoffkosten also gesunken.

Fast überall arbeitet das Personal mehr als früher, zum Teil für weniger Geld.

Hat sich der günstige Ölpreis ausgewirkt?

Das wird erst 2015 passieren. Wenn überhaupt.

2014 gab es allerdings auch so viele Tote bei Flugunfällen wie lange nicht mehr. Zufall?

Ja. Zwar starben mit 970 Menschen viermal mehr als 2013, aber das Fliegen insgesamt ist nicht riskanter geworden. Und ist weiterhin viel sicherer als der Strassenverkehr. Es fliegen halt auch viel mehr Leute als früher. Entsprechend sind mehr Flugzeuge unterwegs.

Überfordert das den Luftraum und die Luftfahrtkontrollen?

Mancherorts, ja. Die Lufträume von Abu Dhabi und Dubai zum Beispiel sind zu voll. Auch der Atatürk-Flughafen in Istanbul ist überfordert – der Preis des Erfolgs von Turkish Airlines. In China, Indien und Lateinamerika ist die Infrastruktur häufig überlastet.

Wo ist MH370, die Maschine der Malaysian Airlines, die seit März 2014 verschwunden ist?

Die liegt wohl irgendwo auf dem Meeresgrund. Aber es gibt ja auch viele andere Spekulationen. Ich vermute, dass es Leute gibt, die viel mehr wissen, als öffentlich gesagt wird. Vielleicht ist ja einer der Piloten durchgedreht. Es kommt immer wieder mal vor, dass ein Pilot mit einem ganzen Flugzeug Suizid begeht.

Was ist Ihre Lieblingsverschwörungstheorie zum Verschwinden des Flugzeugs?

Dass die Maschine irgendwo gelandet und im Urwald versteckt ist, damit man später damit Anschläge à la 9/11 begehen kann. Egal, wie die Geschichte ausgeht: MH370 ist schon jetzt eines der grössten Mysterien der Luftfahrtsgeschichte.

Wie sinnvoll ist es, Dutzende von Millionen Dollar für diese Suche auszugeben? Und wer zahlt das eigentlich?

Ich finde es sinnvoll. Es liegt im Interesse aller herauszufinden, was wirklich passiert ist; der Airline, des Herstellers, der Angehörigen und auch aller Menschen, die häufig fliegen. Es wird wohl vorerst bis Mai weitergesucht. Zahlen tun die beteiligten Länder: China, Malaysia, Australien. Und natürlich die Versicherungen. Die Allianz hat den Flieger schon bezahlt.

Welches ist der beste Flughafen der Welt?

Ich habe mehrere Favoriten: Zürich, München und Singapur. Zürich wegen des zentralen Sicherheitsbereichs, der guten Anbindung mit der Bahn, der kurzen Wege, der Effizienz.

Wo würden Sie Basel und Genf einordnen?

Basel kenne ich zu wenig. Zu Zeiten von Moritz Suter war ich öfters dort, das waren lustige Abende, an denen viel Champagner geflossen ist. Damals war die Regionalluftfahrt hochprofitabel, was sie heute nicht mehr ist. Genf ist in Ordnung, allerdings kann die Sicherheitskontrolle manchmal schlampig und langsam sein.

Welches ist der schlimmste Flughafen?

Guarulhos in São Paolo, Brasilien. Da funktioniert vieles einfach nicht. Eines der schlimmsten Erlebnisse hatte ich mal in Delhi, Indien – da standen die Passagiere stundenlang bei der Sicherheitskontrolle und verpassten reihenweise ihre Flieger. Aber Delhi hat jetzt einen wesentlich besseren Flughafen.

In Zürich scheint mir die Security besonders effizient.

Ja, die machen das nicht schlecht.

Warum können andere das nicht auch?

So was kostet Geld. Und die zuständigen Sicherheitsbehörden müssen Hand für eine effiziente Lösung bieten. In Zürich ist die Kantonspolizei zuständig. Das ist aber überall anders. Und manchmal verhindert die Behördenbürokratie gute Lösungen. Der Flughafen möchte vielleicht, kann aber nicht.

Bringt die Security überhaupt das, was sie soll? Letzthin sind mehrfach Leute mit Waffen problemlos durch Kontrollen gekommen.

Schwarze Schafe gibt es überall. Dennoch scheint sie mir sinnvoll. In den 70er-Jahren, als es noch keine systematischen Kontrollen gab, wurden ständig Flugzeuge entführt. Einige Kontrollen finde ich aber durchaus fragwürdig.

Wann endlich fällt die Flüssigkeitsregel?

Die zum Beispiel, genau. Die ist nun wirklich Schwachsinn. Eigentlich wollte man sie schon letztes Jahr abgeschafft haben. Aber sie wird uns in Europa wohl noch eine Weile erhalten bleiben, obwohl das Fliegen damit kein bisschen sicherer wird. In anderen Teilen der Welt interessiert man sich überhaupt nicht für Flüssigkeiten. Und nach der Security kann man die Wasserflaschen eh wieder kaufen. Oft einfach teurer.

Wie hoch ist das Risiko, während des Flugs einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen?

Das Terrorrisiko ist sehr klein. Aber die Wahrscheinlichkeit ist höher, als mit dem Flugzeug abzustürzen.

Die Terror-Wahrscheinlichkeit ist höher als die eines Absturzes.

Gibt es Plätze an Bord, die bei einem Absturz sicherer sind als andere?

Kommt drauf an, wie man am Boden aufschlägt. Etwas sicherer sind die Plätze über den Flügeln. Dort ist die Maschine stabiler und wackelt weniger, was für Leute mit empfindlichem Magen gut ist.

Haben Sie je eine heikle Situation erlebt?

Nie. Zwei medizinische Notfälle und den einen oder anderen Durchstart.

Eigentlich ist fliegen ja viel zu billig. Wird sich daran je wieder was ändern?

Die Airlines versuchen schon seit einiger Zeit, die Tarife wieder zu erhöhen. Doch solange es so grosse Überkapazitäten gibt, wird das nicht gelingen. Und inzwischen hat sich eine Passagierschicht entwickelt, die einfach nicht fliegt, wenn man mehr verlangt.

Wo kauft man Tickets am günstigsten?

Auf Online-Portalen wie Check Felix oder flüge.de. Besonders günstige Tickets findet man online jeweils am Dienstagabend.

Stimmt es, dass Online-Buchungssysteme User erkennen und den Preis erhöhen, wenn man später nochmals «vorbeischaut»?

Technisch ist das möglich, und es kommt wohl auch vor. Aber es ist unklar, wer es tut und wer nicht. Bei United Airlines kann man jetzt neu den Preis für 24 Stunden fixieren. Wenn man einen günstigen Flug entdeckt, zahlt man eine Gebühr, damit der Preis gleich bleibt, bis man dann definitiv bucht. Solche Spielereien wird es immer mehr geben.

Was tun, wenn man neben einer derart fülligen Person sitzt, dass der eigene Platz beeinträchtigt wird?

Versuchen, einen anderen Platz zu ergattern. Am besten geht man zu einer Flugbegleiterin und erklärt freundlich und charmant die Situation. Wenn die Maschine ausgebucht ist, hat man Pech.

Was machen eigentlich die Piloten, während die Maschine per Autopilot fliegt?

Alles mögliche. Plaudern, essen, lesen, Computer schreiben, abwechselnd schlafen, Flugbegleiterinnen bezirzen (lacht). Und sie überwachen natürlich den Funkverkehr und die Systeme.

Könnte die Maschine auch selbständig starten und landen?

Landen ja, starten noch nicht, das ist mechanisch komplexer.

Autos, die allein fahren, sind in Sicht. Wird es auch solche Flugzeuge geben?

Im Passagierverkehr ist das derzeit undenkbar. Aber bei Frachtmaschinen wird diskutiert, künftig nur noch einen Piloten einzusetzen, zur Überwachung der Maschine. Noch ist es aber nicht so weit.

Wie sieht die Zukunft des Fliegens aus? In zehn Jahren? In 50?

50 sind reine Spekulation. Vielleicht gibt es mal wieder ein Überschallflugzeug wie die «Concorde». Sicherlich wird es neue Antriebssysteme geben. In zehn Jahren hingegen werden die Flugzeuge sehr viel effizienter und umweltschonender sein. Und es werden noch mehr Leute fliegen. Die Fliegerei bleibt also eine Zukunftsbranche. Aber die Tonangeber sitzen schon heute im Nahen Osten und in Asien. Bis in 10, 15 Jahren könnte Afrika noch dazukommen, dort tut sich derzeit viel, etwa in Äthiopien oder Angola.

Fotograf: Samuel Trümpy