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19. September 2016

Deutschland als eine grosse Schweiz?

Ökonom Marcel Fratzscher findet deutliche Worte, wenn es um die wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland geht – in seinem Buch «Verteilungskampf» wie im Interview: ein Gespräch über wirtschaftliche Überheblichkeit, Zuwanderung und politisches Umdenken – mit Grafik-Vergleichen zur Schweiz.

Ökonom Marcel Fratzscher
Dem Mittelstand falle es schwer, Vermögen aufzubauen, analysiert Ökonom Marcel Fratzscher.

Marcel Fratzscher, wir erleben derzeit weltweit einen Backlash bei der Globalisierung. Ist das ein Problem für den Exportweltmeister Deutschland?
Die Proteste gegen die Globalisierung fallen auch in Deutschland erstaunlich heftig aus. Dabei profitiert kein anderes Land so stark von der Globalisierung, mit Ausnahme vielleicht von der Schweiz.

Wie erklären Sie den Widerstand gegen den geplanten Freihandelsvertrag zwischen der EU und den USA (TTIP)?
Es gibt verschiedene Gründe. Einer davon ist Überheblichkeit. Deutschland hat derzeit das Gefühl: Wir sind der ökonomische Superstar. Schaut mal her, Italien, Frankreich und Spanien geht es schlecht, die Briten wollen die EU verlassen – uns aber geht es gut: Wir haben alles richtig gemacht.

Die Deutschen wollen also gar nichts ändern?
Deutschland möchte am liebsten die Grenzen dichtmachen, obwohl es von den offenen Grenzen profitiert. Wir müssen uns jedoch in der Globalisierung engagieren, wenn wir weiter wachsen wollen. Das Gefühl, dass wir die nationale Kontrolle verlieren, ist auch bei uns sehr ausgeprägt.

In Ihrem Buch «Die Deutschland-Illusion» stellen Sie fest, dass die Deutschen sehr gute Unternehmer sind, aber miserable Banker. Ein grosser Teil der Exporterlöse geht verloren, weil er unsachgemäss investiert wird ...
Da könnten wir tatsächlich etwas von der Schweiz lernen. Die Deutschen sparen schlecht. Der typische deutsche Haushalt hat bei der Bank ein Sparkonto …

… wo er derzeit kein Geld verdient.
Deshalb ist in Deutschland der Widerstand gegen die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank auch so gross. Zudem haben sehr wenige Deutsche Wohneigentum, und Aktien mögen sie auch nicht. Aus diesen Gründen fällt es dem Mittelstand schwer, Vermögen aufzubauen. Hinzu kommt, dass wir nur eine richtig globale Bank haben: die Deutsche Bank.

Und die hat derzeit erhebliche Schwierigkeiten.
Ja, sie muss noch die Anpassungen vornehmen, die die UBS und die CS bereits hinter sich haben. Es waren aber vor allem die Landesbanken, die durch riskante Investitionen im Ausland viel Geld vernichtet haben. Sie wollten im globalen Finanzkasino am grossen Rad drehen – und haben dabei im grossen Stil verloren.

Die Löhne in Deutschland stagnieren seit über zehn Jahren. Ist das auch ein Grund für den Backlash bei der Globalisierung?
Es ist vor allem die wachsende Ungleichheit. Sie hat inzwischen beinah amerikanische Ausmasse angenommen.

Wir wähnen uns als eine soziale Marktwirtschaft mit ausgeprägter sozialer Partnerschaft. Das ist ein Märchen ...

Das ist eine für uns Schweizer sehr überraschende Aussage.
Auch viele Deutsche sind überrascht, wenn man ihnen diese Zahlen präsentiert. Wir haben ja eine ganz andere Selbstwahrnehmung als die Schweizer: Nach wie vor wähnen wir uns als eine soziale Marktwirtschaft mit ausgeprägter sozialer Partnerschaft. Das ist ein Märchen – zumindest, was die Entwicklung in den vergangenen 20 Jahren betrifft.

DIE SOZIALE SCHERE ÖFFNET SICH ÜBERALL

Entwicklung des Gini-Koeffizienten von 1985 bis Ende Nullerjahre
Deutschland im Mittelfeld: Entwicklung des Gini-Koeffizienten von 1985 bis Ende Nullerjahre.

In einer Mehrzahl der Länder öffnete sich die soziale Schere bei den Einkommen seit Mitte der 80er-Jahre, so auch in Deutschland. Allerdings gehört unser nördliches Nachbarland nicht zu den Ländern mit den markantesten Verlusten der tiefen Brutto-Einkommen gegenüber den höheren.


Wie äussert sich die Ungleichheit?
Die Schere bei den Löhnen und bei den Vermögen läuft auseinander. Das zeigen die Fakten, auch wenn man nicht verschweigen darf, dass viele Menschen neu ins Erwerbsleben integriert wurden.

Nun ist ein Mindestlohn eingeführt worden, und der Vorwurf an Angela Merkel lautet, sie betreibe eine zu linke Politik. Zeigt das keine Wirkung?
Der wichtigste Grund für die wachsende Ungleichheit in Deutschland ist die fehlende Chancengleichheit. Wer als Kind in eine sozial schwache Familie geboren wird, hat kaum eine Chance, eine gute Ausbildung zu geniessen und im Arbeitsmarkt voranzukommen. In Deutschland hängt das Einkommen der Kinder stärker vom Einkommen der Eltern ab als in den USA. Nur jedes vierte Kind schafft es, einen besseren Bildungsabschluss zu bekommen als seine Eltern. Diese Quote ist eine der niedrigsten in den Industrieländern. Auch die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen ist in Deutschland sehr ausgeprägt.

Warum ist das so?
Wir investieren viel zu wenig in die frühkindliche Ausbildung. Wenn Sie da ein Kind nicht «abholen», dann hat es später kaum mehr eine Chance. Wer in der Hauptschule landet, hat auf dem Arbeitsmarkt sehr schlechte Karten. Gerade sozial schwache Familien mit Migrationshintergrund brauchen mehr Betreuung. Sie erhalten zu Hause kaum Unterstützung und sind auf Tagesschulen angewiesen. Es geht nicht darum, «denen da oben» etwas wegzunehmen. Es geht darum, alles zu unternehmen, damit die Ungleichheitsschere nicht noch grösser wird.

Wie viele Menschen sind in Deutschland von der Armutsfalle bedroht?
Knapp 15 Prozent der Deutschen leben unter der Armutsgrenze. Und das Risiko wird zunehmen. Wir reden nicht nur von einer gefährdeten Arbeiterschicht – auch Menschen der Mittelschicht sind zunehmend betroffen.

Sie bemängeln, dass sowohl der Staat als auch die Unternehmen viel zu wenig investieren. Derzeit ist das Geld gratis, ja teilweise erhält man dank Negativzinsen sogar etwas zurück. Warum greift man nicht zu?
Viele Unternehmer sagen uns: Wir würden ja gerne investieren, aber die Rahmenbedingungen sind nicht attraktiv genug. Vor allem kriegen wir die Arbeitskräfte nicht. Die Unternehmen suchen händeringend nach Ingenieuren, Programmierern, Facharbeitern.

Unternehmer sagen uns: Wir würden ja gerne investieren, aber die Rahmenbedingungen sind nicht attraktiv genug.

Deutschland vernachlässigt aber auch seine Verkehrsinfrastruktur. Bauarbeiter gibt es doch genug?
Letztlich ist es die Überheblichkeit, das Wir-haben-alles-richtig-gemacht-Gefühl, das zu diesen Zuständen führt. Die Politik glaubt, dass sie mehr punkten kann, wenn sie eine «schwarze Null» (ein ausgeglichenes Budget, Anm. d. Red. ) oder wenn sie zehn Milliarden Euro für ein Rentenalter 63 verspricht. Obwohl alle wissen, dass das ein falsches Signal ist: Das Rentenalter muss steigen, und mit dem Geld müssten wir die Grundlage für Wachstum und Wohlstand legen. So gesehen, ist es tragisch, dass Deutschland die Chance der niedrigen Zinsen nicht wahrnimmt.

Auch für Europa wäre es ein Segen, wenn Deutschland seine «Geiz ist geil»-Mentalität endlich ablegen würde. Dann könnten die gebeutelten Südstaaten vermehrt nach Deutschland exportieren.
Ökonomisch betrachtet, ist das richtig. Aber die Stimmung in Deutschland kann man wie folgt zusammenfassen: Wir haben schon genug getan. Denen müssen wir nicht noch mehr mit Importen helfen. Verglichen mit anderen Ländern ist Deutschland immer noch sehr proeuropäisch – meine Sorge aber ist, dass das Blatt sich wendet. Die Deutschen fühlen sich ausgenutzt und missverstanden.

Umgekehrt fühlt sich Europa von Deutschland überrollt. Der angesehene Chefökonom der «Financial Times», Martin Wolf, hat Deutschland kürzlich als die «gefährlichste Nation Europas» bezeichnet. Die nichtdeutschen Ökonomen beschwören Deutschland, endlich vom Exportwahn wegzukommen – und beissen auf Granit. Warum?
Deutschland wäre eigentlich sehr gerne eine grosse Schweiz. Wir haben eine ähnliche Mentalität und ein ähnliches Geschäftsmodell mit den KMU als Rückgrat der Wirtschaft. Allerdings wollen wir den Grössenunterschied zwischen den beiden Ländern nicht wahrhaben. Politisch hat sich Deutschland wie die Schweiz verhalten: «Bloss nicht auffallen» lautete die Devise. Das geht nicht mehr. Was in Deutschland passiert, hat einen riesigen Einfluss auf die anderen Länder in Europa, und Deutschland muss als zentraler Teil der EU Verantwortung übernehmen. Das heisst aber auch, dass es mehr importieren muss. Es liegt im deutschen Eigeninteresse, dass die europäische Wirtschaft sich erholt. Deutschland profitiert vom Euro und vom freien Marktzugang, auch langfristig betrachtet.

BEINAHE DURCHSCHNITT: SCHWEIZ IM NETTO-LOHNVERGLEICH

Die Schweiz im Vergleich der Netto- und Brutto-Lohnentwicklung
Die Schweiz im Vergleich der Netto- und Brutto-Lohnentwicklung zwischen den tiefsten und höchsten Salären.

Die Schweiz kommt im Vergleich zu Deutschland (und den meisten europäischen Staaten) im Vergleich des Gini-Koeffizienten besser weg: Die Lohn-Schere öffnete sich in den letzten 20 Jahren auch hier, aber mindestens gingen die Einkommen der am schlechtesten entlöhnten Arbeitstätigen insgesamt nicht zurück, sondern stiegen ebenfalls etwas an. Die obige Statistik vergleicht neben den Brutto- aber auch die Netto-Einkommen (nach Abzügen), und in diesem Vergleich reiht sich die Schweiz schon viel näher bei den europäischen Nachbarn ein als im Vergleich der Bruttolöhne. Statt Rang 1 belegt sie hier den 6. Platz, hinter Slowenien, drei nordeuropäischen Ländern und auch Österreich. Deutschland folgt nur knapp dahinter ...


Dass ökonomische Zusammenhänge für den sogenannten Mann auf der Strasse nicht unbedingt nachvollziehbar sind, mag verständlich sein. Aber auch der Mainstream der deutschen Ökonomen ist uneinsichtig. Weshalb?
Der grösste Teil der älteren Ökonomen hierzulande ist von der «Nationalökonomie» geprägt. Mit anderen Worten: Sie denken im Schema der geschlossenen Volkswirtschaft in einem nationalen Rahmen. Im angelsächsischen Raum ergibt das keinen Sinn – der Ausdruck «Nationalökonomie» lässt sich nicht ins Englische übersetzen. Die deutsche Denkweise ist heute ganz einfach überholt. Wir sind heute in der ökonomischen Wissenschaft sehr isoliert.

Was die Wirtschaft betrifft, gehöre ich zu den wenigen, die sagen: Deutschland ist langfristig ein Gewinner der Einwanderung.

Wie stark haben die Flüchtlinge und die «Willkommenskultur» den deutschen Arbeitsmarkt beeinflusst?
Die deutsche Mentalität ändert sich dadurch: Uns wird bewusst, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist; über 20 Prozent der Menschen haben einen Migrationshintergrund. Was die Wirtschaft betrifft, gehöre ich zu den wenigen, die sagen: Deutschland ist langfristig ein Gewinner. Die Regionen mit der höchsten Migrationsquote sind auch wirtschaftlich die erfolgreichsten: Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.

Ist die Angst vor Lohndruck somit unberechtigt?
Seit 2010 sind rund drei Millionen neue Jobs geschaffen worden, über die Hälfte davon ist an Zuwanderer gegangen.

Muss man da nicht unterscheiden zwischen Zuwanderern und Flüchtlingen?
Nicht unbedingt. Die Nationalität spielt für die Wirtschaft keine Rolle. Wichtig sind die Qualifikation und die Bereitschaft, sich zu integrieren. So gesehen, sind die Flüchtlinge natürlich eine riesige Herausforderung.

Sie sind aber schlecht qualifiziert.
Aber sie sind auch jung und damit anpassungsfähig. Und es gibt derzeit über eine Million offene Jobs.

Wirtschaftlich trifft das Motto der Kanzlerin, «Wir schaffen das!», also zu?
Grundsätzlich schon. Natürlich braucht es Ingenieure und Facharbeiter, aber auch weniger gut ausgebildete Arbeitskräfte.
Der Arbeitsmarkt kann diese Menschen aufnehmen. Es fragt sich bloss, wie schnell. Da sind die Politik und die Wirtschaft gleichermassen gefragt. Beide müssen klare Verhältnisse schaffen und die Rechtsunsicherheit beseitigen. Eins haben wir in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland und in der Schweiz gelernt: Wenn Zuwanderung gut gemanagt wird, ist sie langfristig ein Gewinn.


DIE LOHNVERTEILUNG DER SCHWEIZ IM DETAIL

Lohnentwicklung der Schweiz im Tief-, Mittel- und höchsten Sektor von 1996 bis 2012
Lohnentwicklung der Schweiz im Tief-, Mittel- und höchsten Sektor von 1996 bis 2012.

In der Schweiz öffnete sich die Lohnschere ebenfalls, doch mit wenigen Jahren Ausnahme stiegen auch die unteren Lohnbereiche zwischen 1996 und 2012 (leicht) an. In der Abbildung nicht mehr ersichtlich: 2014 und 2015 ging die Lohnschere in der Schweiz kaum respektive gar nicht mehr auseinander.

DEUTSCHLAND BEIM NETTO-HAUSHALTSEINKOMMEN GLEICHAUF

Gini-Koeffizient der Haushaltseinkommen 2011 neben jenem der Löhne
Gini-Koeffizient der Haushaltseinkommen 2011 neben jenem der Löhne.

Betrachtet man nicht bloss die Entwicklung der tiefen und hohen Löhne, sondern der ganzen Haushaltseinkommen (inklusive Erträge aus Wertanlagen und aktiv bewirtschafteten Vermögen), so kommt die Schweiz nicht mehr besser, sondern exakt gleich gut weg wie Nachbar Deutschland. Nachvollziehbar, fällt doch in der Schweiz bei besser gestellten Einwohnern der Anteil von Gewinnen aus Wertanlagen im Vergleich zu Erträgen aus klassischer Erwerbsarbeit stärker ins Gewicht als in fast ganz Europa.

KEIN EINDEUTIGES FAZIT

Der Vergleichder sozialen Ungleichheit zwischen Deutschland und der Schweiz fällt nicht so eindeutig zugunsten der Schweiz aus. Folgende Schlüsse lassen sich dank den Statistiken aus Schweizer Sicht ziehen:

1. Bei der Entwicklung der Brutto-Löhne schneidet die Schweiz bei den letzten verfügbaren europäischen Vergleichszahlen sehr gut ab.

2. Punkto Netto-Lohn-Entwicklung weist die Eidgenossenschaft ebenfalls einen überdurchschnittlichen Wert aus, aber der Abstand auf den Durchschnitt, dem Länder wie Deutschland und Frankreich nahekommen, ist nur klein.

3. Betrachtet man das Einkommen eines Haushalts (netto), so befindet sich die Schweiz noch näher beim Durchschnitt und unterscheidet sich nicht relevant vom Wert der grossen Nachbarn Deutschland oder Frankreich.

4. In den letzten Auswertungen des Bundesamts für Statistik BfS für 2014/2015 öffnete sich die Schere in der Schweiz nicht weiter. Zu diesen Jahren sind noch keine internationalen Vergleiche erhältlich, doch nach Einschätzungen nationaler Ökonomen dürfte die Schweiz damit ihre Position im europäischen Vergleich eher verbessern, auch bei den Netto-Einkommen.

Die BfS-Zahlen zu Schweizer Lohnverteilung und -niveaus
Die OECD-Zahlen zur europäischen Einkommensstatistik

Autor: Philipp Löpfe

Fotograf: Klaus Lange