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15. September 2014

Für Elton John zog er alle Register

Claude Lardon beglückt mit seinen Orgeln Konzerthäuser und Kirchen auf der halben Welt. Manchmal ist die Freude darüber so gross, dass er auch schon von einem Popstar umarmt wurde.

Orgel in Trondheim
Claude Lardon gestaltet, produziert und montiert Orgeln in aller Welt. Wie diejenige von Trondheim, wo er und sein Team in der grössten Kathedrale Norwegens die Orgel restaurierten.

Letztes Jahr bezahlte Elton John meinen Lohn», schmunzelt Claude Lardon. Auch wenn sein Scherz einen wahren Kern hat: Das normale Berufsleben des Orgelkonstrukteurs spielt sich weit weg von Popglamour ab. In seinem Büro sieht es aus wie bei einem Architekten. Grossformatige Pläne liegen auf dem Tisch. Am PC-Bildschirm flimmert ein dreidimensionales Modell – die Orgel der Jesuitenkirche im deutschen Heidelberg. Claude Lardons jüngstes Baby.

Claude Lardon gestaltet, produziert und montiert Orgeln in aller Welt.
Claude Lardon gestaltet, produziert und montiert Orgeln in aller Welt.

Auf ein neues Instrument ist der 51-Jährige jeweils stolz wie ein frischgebackener Vater. Doch die Entstehungsdauer übersteigt meist die Länge einer menschlichen Schwangerschaft. Bis zwei Jahre vergehen von der ersten Bleistiftzeichnung bis zur Einweihung einer Orgel. Dafür hält das Instrument dann über Generationen, im Idealfall «lebt» eine Orgel über 100 Jahre.

Seine Instrumente begleitet Lardon von A bis Z: Er gestaltet sie, hilft in der Produktion und leitet die Montage vor Ort, in einer Kirche oder einem Konzertsaal. Als Konstrukteur muss er die Wünsche der Kunden umsetzen und gleichzeitig ein Instrument designen, das zum jeweiligen Raum passt. «Jede Orgel ist einmalig, auch vom Klang her», erklärt Lardon die Faszination seines Berufs.

Bei Lardons Arbeitgeber, Orgelbau Kuhn in Männedorf ZH, werden praktisch alle Einzelteile selbst hergestellt. Ausser Orgelbauern sind Schreiner, Zinnpfeifenmacher und Intonateure am Werk. Aus Hölzern wie Tanne, Eiche oder Ahorn wird das Gehäuse der Orgeln geschreinert. Die Pfeifen – die Klangkörper der Orgel – entstehen aus einer Zinn-Blei-Legierung. Diese wird in Platten gegossen, aufgerollt und zusammengelötet. Schlitze in den Pfeifen sorgen für die richtige Tonhöhe. Lardon ist gelernter Orgelbauer. Konstrukteur wurde er aus Freude am Gestalten. Doch er mag auch die handwerkliche Seite seines Berufs. «Nach Monaten am PC gehe ich gern in die Werkstatt und arbeite mit Holz», sagt er

Claude Lardon und die Orgel, das war keine Liebe auf den ersten Blick: «Als Jugendlicher spielte ich Klavier. Doch als ich zum ersten Mal vor einer Orgel sass, kapierte ich überhaupt nichts.» Das Instrument hat seine Eigenheiten. Beispielsweise kann es entsprechend dem gezogenen Register die Klangfarbe wechseln. Das Register Oboe etwa klingt nach ebendiesem Instrument, «Nasat» klingt nasal. Dahinter steckt ein ziemlich kompliziertes Innenleben.

Orgel mit 10 000 Pfeifen für die grösste Kathedrale Norwegens

Der Orgelvirus befiel Lardon bei einem Ferienjob als Gymnasiast bei einem Orgelbauer. Seit 30 Jahren arbeitet er bei Orgelbau Kuhn. Wenn irgendwo auf der Welt ein besonders komplizierter Auftrag ansteht, klingelt in Männedorf das Telefon. So montierten Lardon und seine Kollegen kürzlich in Trondheim die restaurierte Orgel in der grössten Kathedrale Norwegens: Mit 130 Registern und beinahe 10 000 Pfeifen ein Instrument, das seinesgleichen sucht. Und mit einem Preis von fünf Millionen Franken der grösste Auftrag der Firmengeschichte.

Die Restaurierung der Trondheimer Orgel war eine Grossbaustelle.
Die Restaurierung der Trondheimer Orgel war eine Grossbaustelle.

Lardon wurde vom norwegischen Fernsehen mehrmals interviewt. Fühlt er sich als «Starkonstrukteur»? Er schüttelt den Kopf. Auskunft zu geben, sei Teil des Berufs. Mit leuchtenden Augen fügt er an: «Die Einweihung im Mai im Beisein des norwegischen Königs war ein absolut einmaliges Erlebnis.»

Er findet es spannend, im Ausland arbeiten zu können

Doch haben Orgeln und ihre Erbauer angesichts leerer werdender Kirchen eine Zukunft? «Unseren Beruf gibt es seit Jahrhunderten. So lange die Orgelmusik besteht, braucht es auch Orgelbauer», ist Lardon überzeugt.

Montagereisen haben ihn in verschiedene Städte zwischen Tokio und New York geführt: «Es ist schon speziell, mit Tausenden selbst hergestellter Teile in eine Kirche oder einen Konzertsaal irgendwo auf der Welt zu fahren und sie dort während Wochen zu einem funktionierenden Instrument zusammenzubauen, mit dem dann Musik gemacht wird.» Er findet es spannend, im Ausland arbeiten zu können. Für seine Partnerin sei es aber nicht immer einfach, dass er wochenlang abwesend sei. «Dafür kann sie ab und zu mit in eine fremde Stadt reisen.»

Elton John bei der Einweihung der neuen Orgel im Konzertsaal der Royal-Academy­Musikschule.
Elton John bei der Einweihung der neuen Orgel im Konzertsaal der Royal-Academy­Musikschule.

Etwa nach London. Dort wurde im Herbst die neue Kuhn-Orgel im Konzertsaal der Royal Academy eingeweiht. Für die Orgel in der bekanntesten Musikschule Londons hatte ihr wohl berühmtester Schüler Geld gesammelt: Elton John. Mit den Einnahmen aus zwei Benefizkonzerten finanzierte der Popstar sozusagen auch Lardons Lohn. «Bei der Einweihung hatte Elton John so grosse Freude an der neuen Orgel, dass er mich spontan umarmte», lächelt Claude Lardon. Mehr Anerkennung kann er sich kaum wünschen.

Autor: Bütler, Daniel