Archiv
07. September 2016

Für Doris Leuthard muss sich die Schweiz beim Klimaschutz nicht verstecken

Die Initiative «Grüne Wirtschaft» will den ökologischen Fussabdruck der Schweiz markant verkleinern. Die Regierung anerkennt das Anliegen der Vorlage, über die wir am 25. September abstimmen. Umweltministerin Doris Leuthard erklärt, warum der Bundesrat trotzdem dagegen ist. Zu einzelnen Punkten finden Sie die Grafiken gleich im Interview.

Bundesrätin Doris Leuthard
Hat Sonnenkollektoren auf ihrem Hausdach installiert, fährt ein E-Bike und ist teilweise Selbstversorgerin: Bundesrätin Doris Leuthard.

Doris Leuthard, wie gross ist Ihr ökologischer Fussabdruck?
Das weiss ich nicht. Er ist in meiner Funktion als Bundesrätin sicher schlecht, weil ich oft unterwegs bin, auch per Flugzeug. Privat würde ich hingegen wahrscheinlich recht gut dastehen.

Wieso?
Einerseits wegen unserer Art zu wohnen. Mein Mann und ich nutzen Sonnenkollektoren. Wir haben keine Ölheizung, dafür Wärmepumpen. Wir bestellen einen eigenen Garten und versorgen uns teilweise selbst. Ich esse nicht so viel Fleisch, besitze ein E-Bike und einen Tesla.

Haben Sie denn noch Zeit zum Gärtnern?
Leider nur am Wochenende. Mein Mann ist aktiver im Garten.

Auf welche private Massnahme, die Ihre Umweltbelastung reduziert hat, sind Sie besonders stolz?
Erstaunlicherweise sind es kleine Schritte im Alltag, die relativ viel bewirken. Mein Mann hat die Glühbirnen durch LED-Lampen ersetzt. Wir haben unsere Heizung ausgemessen und konnten dank eines kleineren Boilers rund 30 Prozent des Heizverbrauchs senken.

Am 25. September stimmt das Volk über die Initiative «Grüne Wirtschaft» ab. «Bis ins Jahr 2050 wird der ökologische Fussabdruck der Schweiz so reduziert, dass er auf die Weltbevölkerung hochgerechnet eine Erde nicht überschreitet: Der Bundesrat anerkennt das Anliegen der Initianten», heisst es im Abstimmungsbüchlein. Wieso lehnt die Regierung die Initiative dennoch ab?
Wir haben uns schon lange vor der Initiative mit dem Thema beschäftigt. Wir setzen unsere Ziele aber etappenweise um und halten es für verfehlt, in der Verfassung mit dem Fussabdruck ein Jahresziel zu verankern, das nicht einmal eine anerkannte Grösse darstellt. Die Messmethodik ist umstritten.

Der Einergieeinsatz
Der Einergieeinsatz

Der Einergieeinsatz: Die grosse JPG-Grafik

Man könnte ein Ja für die Initiative einlegen und sie als Zielvorgabe betrachten.
Ich bin Juristin. Für Juristen ist die Verfassung wie die Bibel. Wir können nicht sagen, wir machen es «es bitzeli». Wir haben auch nicht ein bisschen das Frauenstimmrecht oder ein bisschen Mutterschaftsversicherung eingeführt. Vorgaben der Verfassung können Sie nicht halbherzig umsetzen.

Der grüne Nationalrat Bastien Girod behauptet, wer heute einen Fussabdruck von drei Erden habe, könne 2050 bei gleichem Konsumverhalten dank technologischen Fortschritten auf eine Erde kommen.
Gut, wenn Herr Girod heute schon weiss, welche Technologien wir im Jahr 2050 haben, dann ist er sicher ein Kandidat für den Nobelpreis. Mit Sicherheit wird der technologische Fortschritt vieles verändern. Deswegen aber den Fussabdruck per 2050 in der Verfassung zu verankern, ist nicht sinnvoll. Intelligenter wäre es zu sagen: Okay, wir sind uns einig, die Reise geht in diese Richtung – aber bitte nicht in der Verfassung.

CO2-Verbrauch: Der Verkehr macht 30 Prozent aus – und ich gehe nicht davon aus, dass der Mensch in Zukunft weniger mobil sein wird.

Der klimaverträgliche CO₂-Verbrauch pro Jahr beträgt eine Tonne. Die Schweiz liegt bei 6,3 Tonnen. Werden wir die eine Tonne jemals erreichen?
Ich halte nichts für unrealistisch. Aber niemand kann voraussagen, wie viel Zeit für eine solch grosse Veränderung nötig wäre. Der Verkehr macht in der Regel 30 Prozent aus – und ich gehe nicht davon aus, dass der Mensch in Zukunft weniger mobil sein wird. Laut unseren Prognosen wird der Verkehr weiterwachsen. Ich glaube auch nicht, dass der Mensch weniger fliegen wird. Bei den Flugzeugen können wir wohl noch lange nicht auf fossile Energie verzichten. Auch hinter dem Fleischkonsum steckt viel Energie – ich denke nicht, dass wir alle Veganer werden. Zudem leben wir in einem Land mit kalten Wintern. Dass wir aber bereits in 20 Jahren nur noch Null-Energie-Häuser haben werden, ist unwahrscheinlich.

Schadstoffe in der Luft
Die Schadstoffe in der Luft

Entwicklung der freigesetzten Luftschadstoffe: JPG-Grafik

Wird die Initiative nicht angenommen, dann geht im Umweltschutz alles viel langsamer. Richtig?
Wir brauchen für unsere Ziele dann sicher mehr Zeit. Aber wenn Sie etwas gegen den Willen der Branche tun, dann wird es bei der ersten Gelegenheit wieder rückgängig gemacht. Der Abfallbereich ist ein positives Gegenbeispiel: Wir haben da nicht viele Vorschriften. Die Bevölkerung macht freiwillig mit. Und die Verpackungsindustrie ist überzeugt, dass sich Recycling langfristig auszahlt.

Die Siedlungsabfälle
Die Siedlungsabfälle

Die Siedlungsabfälle: Die grosse JPG-Grafik

Ist es nicht längst fünf vor zwölf?
Beim Klimaschutz muss sich die Schweiz nicht verstecken. Wir haben die kleinsten Emissionen pro Kopf. Berücksichtigt man auch importierte Waren, sieht es etwas weniger gut aus. Wir waren beim Kyoto-Protokoll I und II dabei. Entscheidend ist, dass die USA und China beim Klima-Übereinkommen von Paris mit an Bord sind – das sind die grössten Verursacher des Kohlenstoffdioxids. Der Ausstoss der Schweiz fällt global gesehen kaum ins Gewicht.

Aber unser Land könnte ein Vorbild sein.
Das sind wir schon mit unseren Pro-Kopf-Emissionen. Fürs Klima ist es viel relevanter, dass die grossen Verursacher handeln.

Ende 2015 ist die Schweiz beim Klimaschutzindex aus den Top Ten gefallen.
Es gibt viele Ratings. In der Studie von RobecoSAM belegt die Schweiz nach Schweden den zweiten Platz – weltweit. Und in der Rangliste der Yale University belegt die Schweiz den 16. Platz von 180 Ländern. Das schlechte Abschneiden bei der Luftqualität und in der Landwirtschaft hat ein noch besseres Ergebnis verhindert. Feinstaub und Pestizide sind dort ein Problem. Beim Wasser hingegen rangieren wir mit unseren Kläranlagen auf Platz 6 aller Länder.

Bei der Solar- und Windenergie ist dafür Deutschland viel besser als die Schweiz.
In diesem Bereich sind wir europaweit tatsächlich weit von den Top Ten entfernt. Für die Schweiz hat in der Vergangenheit der Strommix mit Nuklear- und Wasserenergie ausgereicht. Deshalb waren wir nicht unter Druck, neue Wege zu finden. Jetzt kommen unsere Kernkraftwerke an ihr Betriebsende, und wir wollen keine neuen KKW bauen. Wir müssen deshalb Lösungen für erneuerbare Energieformen finden.

Gibt es einen Bereich im Umweltschutz, in dem wir nach wie vor führend sind?
Dazu gehört das Recycling. Die Wiederverwertbarkeitsquote ist bei PET oder Glas sehr gut, und dies ohne staatliche Eingriffe. Das hat schon in meiner Kindheit angefangen, als ich Kaffeerahmdeckeli sammelte. Die Schweizer Bevölkerung hat das Trennen von Abfall verinnerlicht.

Die Wiederverwertbarkeitsquote ist bei PET oder Glas sehr gut und dies ohne staatliche Eingriffe.

Sie loben Frau und Herrn Schweizer für das Abfalltrennen. Wäre es nicht an der Zeit, die Wirtschaft in die Pflicht zu nehmen?Die Wirtschaft gibt es nicht. Die Industrie beispielsweise ist ziemlich gut auf Kurs, die Multis wie Nestlé sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Aber Sie haben recht: Bei einigen KMUs gibt es noch Nachholbedarf. Das Parlament und der Bundesrat setzen aber auf Freiwilligkeit. Wir treffen mit jeder Branche Vereinbarungen für einen effizienteren Verbrauch der Ressourcen.

Aber es wird doch nur das gemacht, was profitabel ist. Darum braucht es Regulierungen.
Das stimmt so nicht. Schauen Sie sich die Nahrungsmittelindustrie an: Es werden immer mehr regionale Produkte angeboten, weil sich die Kunden das wünschen. Sie unterschätzen den Einfluss der Konsumenten.

Die Wirtschaft ist für 60 Prozent des Energieverbrauchs verantwortlich. Da gibt es ein gewaltiges Sparpotenzial.
Die Frage ist immer: Können wir eine Lösung mit den verschiedenen Branchen finden, oder braucht es ein Gesetz? Wir bevorzugen Ersteres. Denn mit einer Regulierung sind wir nicht alle Probleme los: Verbieten Sie etwa die Knistersäckchen, weicht der Detailhandel auf Papierbeutel aus. In der Gesamtbilanz schneidet Papier allerdings schlechter ab als Plastik.

Die Gegner der Initiative behaupten, dass wir nach einer Annahme auf Fleischkonsum, Warmduschen oder Autofahren verzichten müssen.
Der Bundesrat operiert nicht mit solchen Schreckensszenarien, die den Einwohnern Angst machen. Aber es ist schon so: Wenn Sie ein ambitiöses Ziel haben, kann man nicht wie bis anhin leben. Hören Stimmbürger von mehr Nachhaltigkeit, sind sie sofort dafür – bis es sie selbst betrifft.

Die Initiative fordert, mehr in Entwicklung und Forschung zu investieren.
Das Parlament hat bereits 200 Millionen Franken zusätzliche Forschungsgelder versprochen. Auch deshalb brauchen wir die Initiative nicht. Die Schweiz ist Innovationsweltmeisterin. Wir können unsere höheren Preise nur begründen, indem wir Qualität liefern und etwas Besseres bieten als die Konkurrenz. Unsere Produkte müssen langlebiger und sparsamer im Energieverbrauch sein, nur so finden sie Absatz.

Zerstören wir mit dem Zwang zum Wachstum nicht unsere Ressourcen?
Das ist eine spannende und berechtigte Diskussion. Ewiges Wachstum ist eine Illusion. Aber in einer alternden Gesellschaft können Sie ohne Wachstum die Altersvorsorge nicht sichern. Allerdings kann man auch qualitativ wachsen. Das ist das, was wir mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie anstreben.

In einer alternden Gesellschaft können Sie ohne Wachstum die Altersvorsorge nicht sichern.

Das Argument, dass sich Ökonomie und Ökologie nicht vertragen ...
Das haben wir zum Glück schon lange überwunden.

Wirklich?
Ja, wir haben das auch bewiesen: Trotz Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum und Mobilitätssteigerung haben wir weniger Energie verbraucht.

Der Elektrizitätsverbrauch
Der Elektrizitätsverbrauch

Die Entwicklung des Elektrizitätsverbrauchs: JPG-Grafik

Die bürgerliche Mehrheit im Parlament ist da noch immer anderer Meinung.
Die Bürgerlichen haben Angst, dass Umweltmassnahmen per se nur Kostenfaktoren sind. In diesem Punkt finden wir uns mit den Initianten: Grüne Wirtschaft kann hochprofitabel sein. Saubere Technologien haben weltweit ein Wachstum von jährlich 6 Prozent. Da müssen skeptische Geister sicher ihren Blickwinkel noch etwas weiten – nur so können wir etwas Gescheites für die nächste Generation machen.

Wie beurteilen Sie das Engagement der Migros in der Nachhaltigkeit?
Die Migros engagiert sich schon seit Jahren, hat aber auch ein ureigenes Interesse, um sich von der Konkurrenz abzugrenzen, die fast nur auf den Preis aus ist. Die Unternehmensphilosophie zur Tierhaltung oder dem Vorzug von Schweizer Produkten ist sehr nah bei den Zielen des Bundes. Aber auch die Migros muss darauf achten, die Preisdifferenz zu den Billiganbietern nicht ansteigen zu lassen. Das gilt auch für die Pharma oder die Chemie und andere Bereiche.

Weitere Grafiken aus der Infobroschüre UMWELT Taschenstatistik 2016 (PDF, 1.7 MB) des Bundes:

Die Effizienz der Siedlungsabfälle: JPG-Grafik
Der Phosphorgehalt in den Seen: JPG-Grafik
Die Pflanzenschutzmittelrückstande: JPG-Grafik
Die Stickstoffeffizienz: JPG-Grafik

Autor: Reto Wild, Andrea Freiermuth

Fotograf: Beat Schweizer