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15. Mai 2017

Für die Elitepartner-Matchmakerin hat es zu wenig gebildete Männer

Lisa Fischbach kennt die meistversprechenden Strategien beim Dating – online und offline. Die Psychologin und Paartherapeutin über die gestiegenen Ansprüche der Frauen, «Alpha-Softies» und den lockereren Umgang mit Sex.

Lisa Fischbach, Paartherapeutin und Forscherin bei Elitepartner
Beruflich dreht sich bei ihr alles um die Liebe: Lisa Fischbach ist Paartherapeutin und forscht für Elitepartner.

Lisa Fischbach, welche Menschen finden einen Partner und welche eher nicht?

Ohne allzu sehr in Klischees zu verfallen: Die Offenen, Humorvollen, Gebildeten, Intelligenten, beruflich Erfolgreichen und Attraktiven haben einen Vorteil. Die anderen, bei denen es eher in die Gegenrichtung geht, aber auch die Schüchternen, haben es schwerer. Und: Viele Frauen stehen sich wegen ihrer hohen Ansprüche an eine Beziehung selbst im Weg.

Wie das?

Sie suchen die eierlegende Wollmilchsau und haben zahlreichere Ansprüche als früher. 60 Prozent der Frauen hätten gern einen Alpha-Softie, das Beste aus zwei Welten: also einen, der erfolgreich und finanziell unabhängig ist. Dazu wünschen sie sich die ganzen Softqualitäten, wollen also vom Partner inspiriert werden, mit ihm zusammen wachsen, eine gute Kommunikation und viele Gemeinsamkeiten haben, viel Zeit zusammen verbringen …

Einen guten Vater?

Unbedingt. Und dieses ganze Paket macht es schwierig. Hinzu kommt, dass Frauen bezüglich Bildung gern jemanden auf Augenhöhe und darüber hinaus hätten. Nur werden sie selbst immer gebildeter – und orientieren sich dennoch weiterhin nach oben. Es wird langsam eng, die Ressource gebildeter Mann wird knapp. Das wirkt sich auf das männliche Datingverhalten aus.

Wie?

Eine repräsentative Studie von Elitepartner zeigt: Überraschenderweise lehnen Männer sich zurück und warten, bis die Frauen auf sie zukommen.

Die Männer wollen heute erobert werden?

Sie geniessen es, das Korbrisiko abzugeben und können sich das auch leisten, besonders diejenigen zwischen 40 und 50. Hier bleiben 60 Prozent eher passiv.

Lisa Fischbach
Psychologin Lisa Fischbach

Das oft empfohlene Downdating, also Akademikerin datet Handwerker, findet nicht statt?

Nein. Das liegt auch daran, dass diese Kombination gesellschaftlich noch nicht genug akzeptiert ist. Wenn es hier mehr Offenheit gäbe, würden die Mauern in den Köpfen bröckeln. Aber Frauen wissen, dass sie sich erklären müssen, wenn sie einen weniger gebildeten oder finanziell schlechter gestellten Partner haben. In einer unserer Umfragen sagen 42 Prozent der Frauen, es sei ihnen wichtig, dass der Mann mehr verdient als sie. Sie haben Angst, bei der Familiengründung nicht versorgt zu werden. Und dann kommen noch andere Assoziationen hinzu: Frauen fürchten, dass weniger erfolgreiche Männer ein geringeres Selbstwertgefühl und nicht viel Durchsetzungskraft haben.

Sind auch die Ansprüche der Männer gestiegen?

Ein wenig, aber nicht im gleichen Mass wie bei den Frauen. Letztere haben überall höhere Ansprüche als die Männer, ausser bei der Attraktivität. Seit einiger Zeit ist ihnen wichtiger, dass ihr Partner Liebhaberqualitäten hat, damit haben sie sich den Männern angeglichen. Dieses neue weibliche Selbstbewusstsein sehe ich auch bei mir in der Paarberatung: Frauen bemängeln es, wenn im Bett nichts mehr läuft. Das war einst eine typische Männerklage.

Stehen sich die Frauen damit noch mehr im Weg?

Nein, sie werden etwas kompatibler mit den Männern. Vor fünf Jahren fanden 60 Prozent der Frauen Leidenschaft und Erotik wichtig, heute sind es 77 Prozent. Bei Männern sind es unverändert ebenfalls 77 Prozent. Dazu passt, dass inzwischen jede dritte Frau beim ersten Date gleich die Nacht mit dem Mann verbringt – und das sind nicht nur die Jüngeren. Bei den 30- bis 40-Jährigen sind es sogar 43 Prozent.

Für 77% sind Leidenschaft und Erotik wichtig.

Gibt es auch etwas, das gegen Onlinedating spricht?

Es gibt negative Punkte, die mit der Digitalisierung insgesamt zu tun haben: Der persönliche Kontakt wird verlernt. Die Anonymität bei bestimmten Plattformen fördert die Verflachung von Werten, insbesondere von Respekt und Wertschätzung. Viele Neulinge berichten von einem Kulturschock, sagen, sie fühlten sich wie eine Ware. Einige können mit der grossen Auswahl online nicht umgehen. Besonders der konsumorientierte Typ ist rasch überfordert und flattert von einem Kandidaten zum nächsten. Und dann gibt es natürlich das Risiko der Konkurrenz, mit dem man leben muss: Wenn ich einen von 12 Vorschlägen treffe, kann ich davon ausgehen, dass das auch mein Gegenüber tut.

Für wen eignet sich Onlinedating ?

Für Alleinerziehende. Die kommen nicht mehr so oft raus. Keine Mutter von zwei kleinen Kindern schlägt sich abends noch durch Bars. Die trifft vor allem Freundinnen und geht vielleicht noch ins Yoga, wo es auch vor allem andere Frauen hat. Das Internet hingegen ist 24 Stunden geöffnet. Gut geeignet ist es auch für Singles über 50, sie bilden auf Onlinedating-Plattformen den am stärksten wachsenden Markt. In ländlichen Gegenden war es früher für eine Frau über 50 häufig Schicksal, nach einer Trennung allein zu bleiben, weil sie von einem völlig verpartnerten Umfeld umgeben war. Da hilft das Internet. Zudem ist das Recht auf Liebe alterslos geworden: Frauen mit 55 oder 65 haben noch 10 oder 20 vitale Jahre vor sich. Diese möchten die meisten nicht als Single verbringen. Und auch die Schüchternen profitieren: Es fällt ihnen leichter, sich online zu treffen, als in einen Club zu gehen.

Lisa Fischbach
Paartherapeutin Lisa Fischbach

Sie haben einen Onlinedating-Ratgeber für die Gruppe 50 plus geschrieben. Was läuft bei denen anders?

Viele sind im Flirten nicht mehr geübt und haben Berührungsängste gegenüber technischen Geräten oder Onlinedating. Hinzu kommt eine gewisse Angst vor Heiratsschwindlern. Insbesondere Frauen haben eine hohe Single-Kompetenz, sind zufrieden mit ihrem Leben, sind gut vernetzt und wissen sehr genau, was sie wollen und was nicht mehr. In Beratungen bin ich manchmal überrascht, wie schmal der Spielraum für einen allfälligen Partner ist. Wenn dann einer da ist, siehts aber oft anders aus.

Für welche Singles ist das Internet nicht so geeignet?

Für instabile Persönlichkeiten, die können sich online total verlieren. Aber schlechte Erfahrungen kann man auch beim Dating im Club machen.

Wie siehts mit der Haltbarkeit der Beziehungen aus?

Eine unabhängige amerikanische Studie zeigt eine leichte Überlegenheit von Online- gegenüber Offlinepaaren – erstere sind ­offenbar auch ein wenig glücklicher, was Aufmerksamkeit und Kommunikation betrifft. Das sind aber nur Tendenzen. Parship hat zusammen mit der Uni Zürich je etwa 3000 On- und Offline-Beziehungen untersucht und festgestellt, dass Online-Paare sich schneller aufeinander einlassen und generell bei allem schneller sind: Paarwerden, Zusammenziehen, Heiraten und Kinderbekommen. Und dass sie leicht höhere Werte in partnerschaftlicher Zufriedenheit angeben.

Wie kommt das?

Es klingt unromantisch, aber online werden im Vorfeld schon viele Bedürfnisse geklärt, das ist Teil des Matchings. Beispiel Kinderwunsch: Für viele Frauen ein Thema, das sie nicht gern ansprechen – aus Angst, den Partner damit zu vertreiben. Online können sie einfach einen Haken beim Kinderwunsch setzen und bekommen dann nur die Männer vorgeschlagen, die das genauso sehen.

Sind mit dem Matching alle wichtigen Fragen geklärt?

Das hängt natürlich von der Plattform ab. Tindernutzer etwa suchen zu 40 Prozent Selbstbestätigung, nur vier Prozent eine ernsthafte Beziehung. Die Persönlichkeitstests der seriösen Anbieter sind zwar nicht einsehbar, aber sie liegen dem Profil zugrunde. Daraus können andere Singles einiges ablesen. Das wissenschaftliche Matching trägt viel dazu bei, dass die Übereinstimmung zwischen Paaren hoch ist.

Gilt all das eigentlich auch für gleichgeschlechtliche Paare?

Bei Elitepartner werten wir sie nicht gesondert aus. Unser Service wird auch von Lesben und Schwulen genutzt, aber wir können nicht beurteilen, ob sie sich anders verhalten als Heteros.

Viele schwule Männer suchen auf Onlineplattformen den schnellen, unverbindlichen Sex. Gibt es das auch unter Heteros? Oder spielen die Frauen nicht mit?

Es gibt Casual-Dating-Plattformen, aber tatsächlich herrscht dort Frauenmangel. Frau hat noch immer einen Ruf zu verlieren, wenn sie sexuell aktiv ist und zahlreiche Partner hat.

Aber bei Tinder sind doch auch viele Frauen aktiv.

Ja, aber nur etwa vier Prozent suchen dort eine feste Partnerschaft. Daraus darf man aber nicht schliessen, dass der Rest auf One-Night-Stands aus ist. Man findet auf Tinder eher die Spielertypen und Leute, die mal ihren Marktwert testen wollen.

Tatsächlich holen Frauen sich heute viel selbstbewusster den Sex, den sie möchten.

Interessieren Frauen sich denn wirklich weniger für schnellen Sex?

Tatsächlich holen Frauen sich heute viel selbstbewusster den Sex, den sie möchten. Auch beim Fremdgehen haben sie aufgeholt. Aber es sind weiterhin deutlich weniger Frauen als Männer auf diesen Plattformen. Und selbst wenn eine Frau schon mit 15 Männern im Bett war, schweigt sie ­darüber meist – nicht, weil es ihr peinlich ist, sondern weil sie weiss, was sie damit in den Köpfen der Männer anrichtet. Aber es lockert sich, und ich hoffe künftig auf mehr Toleranz – bei Männern und unter Frauen.

Es gibt viele Datingplattformen für Gleichgesinnte: Christen, Trump-Fans, Veganer – ist so was eine gute Grundlage für eine tragfähige Beziehung?

Warum nicht? Dahinter verbirgt sich ja meist ein Weltbild, eine Werthaltung – und oft ist es diesen Leuten sehr wichtig, jemanden zu finden, der diese Haltung teilt. Einige dieser Weltbilder sind anderen gegenüber zudem ziemlich intolerant, da hilft es natürlich, dieses Thema gleich von Anfang an geklärt zu haben.

Einigkeit bei politischen Einstellungen scheint wichtig zu sein. Man konnte von Paaren in den USA lesen, die wegen Donald Trump in eine ernste Krise gerieten.

Fragt man die Leute, was ihnen an einem Partner wichtig ist, liegt die politische Einstellung meist weit hinten. Nur etwa 40 Prozent geben das als wichtiges Thema an. 80 Prozent hingegen wünschen sich ähnliche Werte, und die reflektieren sich eben auch in der politischen Einstellung. Zum Vorschein kommt das aber oft erst bei grossen Ereignissen, wie etwa der Wahl Trumps zum amerikanischen Präsidenten. Da rücken plötzlich politische Einstellungen und mit ihnen divergierende Wertvorstellungen ins Zentrum. Und darin steckt ein riesiges Krisenpotenzial, das meist unterschätzt wird.

Machen das Onlinedating und die vielen Optionen die Suchenden oberflächlicher?

Die allgemeine gesellschaftliche Werteverflachung und der zunehmende Optimierungswahn beeinflussen zwar den zwischenmenschlichen Umgang negativ. Aber mein Eindruck ist nicht, dass wir als Gesellschaft deutlich beziehungsunfähiger oder in der Liebe oberflächlicher werden, wie oft postuliert wird.

Die Menschen suchen immer noch eine dauerhafte Beziehung?

80 Prozent sehnen sich nach einer festen Partnerschaft und hoffen auf ein passendes Gegenüber – diese Zahl hat sich in den letzten Jahren nicht verändert, genauso wenig wie das romantische Liebesideal des einen Partners, mit dem man das ganze Leben zusammenbleibt.

Unverändert: Das Liebesideal des Partners, mit dem man das ganze Leben zusammenbleibt.

Und es soll ja auch glückliche Singles geben, die bewusst nicht daten.

Bei unseren repräsentativen Umfragen finden wir seit zehn Jahren ziemlich stabil jeweils rund 28 Prozent ­Singles – 60 Prozent davon bezeichnen sich als sehr zufrieden und sind auch nicht auf Partnerschaftssuche. Viele zwischen 20 und 30 legen ihren Fokus bewusst auf den Beruf oder andere Formen von Selbstverwirklichung.

Welcher Typ Mensch fühlt sich wohl als Single?

Oft solche mit einer stabilen Persönlichkeit, die mit sich selbst und ihrem Leben zufrieden sind. Die darauf vertrauen, dass sie ihren Single-Status auch wieder ändern können, wenn sie wollen. Generell kommen Frauen besser ohne Partner klar als Männer. Letztere sind deshalb auch meist schneller wieder unter der Haube, weil sie sich eher drum bemühen und teilweise beim Suchen flexibler sind.

Gibt es einen gewissen gesellschaftlichen Druck, nicht Single zu sein?

In den letzten Jahren wurde das Bild des Singles stark entstigmatisiert, aber das akzeptiertere Lebensmodell ist weiterhin die Partnerschaft. Es gibt sogar Singles, die berichten, dass sie nach der Trennung von ihrem Partner gleich aus dem ganzen Freundeskreis gefallen sind, weil der so paarorientiert funktioniert. Andere empfinden Pärchenabende als Qual, wenn sie selbst Single sind.

Wie haben Sie selbst Ihren Partner gefunden?

Über meinen Freundeskreis. Und wir waren mal einige Jahre getrennt und sind wieder zusammengekommen. Dazwischen hatte ich eine andere Beziehung und habe hier und da auch geflirtet. Da hat mir mein Wissen aus der beruflichen Arbeit geholfen, Fettnäpfchen zu vermeiden.

Haben Sie selbst Erfahrung im Onlinedating?

Bevor ich mit meinem Partner vor zehn Jahren wieder zusammenkam, war ich online unterwegs. Das war aber nicht so leicht, weil ich ja bei Elitepartner arbeite. Wenn ich auf dieser Plattform selbst date und mich als Psychologin des Hauses oute, bekommen viele kalte Füsse. Also ging ich auf eine andere Plattform. Was mir wiederum als Bevorzugung der Konkurrenz ausgelegt wurde, so unter dem Motto: Ach, taugt Elitepartner nichts? Kurz und gut: Wenn ich selbst online date, ist es schwierig, dabei nicht geschäftsschädigend zu sein.

(lacht)

Autor: Yvette Hettinger, Ralf Kaminski

Fotograf: Michael Sieber