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05. September 2016

Für Deborah Feldman ist Freiheit wichtiger als Sicherheit

Sie führte ein streng kontrolliertes Leben in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde, wurde mit 17 verheiratet. Dann holte sie zum Befreiungsschlag aus und flüchtete. Deborah Feldman hat mit 30 Jahren bereits eine bewegte Biografie hinter sich – die sie im Bestseller «Unorthodox» in schonungsloser Offenheit schildert. Ein Gespräch über den Ausstieg und ihren Neuanfang in Berlin.

Die Jüdin Deborah Feldman
Die Jüdin Deborah Feldman (30) lebt heute nicht mehr religiös, ...

Deborah Feldman, was war das für ein Gefühl, als Sie im Alter von 17 Jahren mit einem Fremden verheiratet wurden?
Ich war auf dieses Ereignis vorbereitet. Ich wusste, was kommen würde, und konnte es mir vorstellen. Und ich war hoffnungsvoll. Ich hatte auch nie ein Problem mit meinem Exmann, sondern mit der Gemeinschaft.

Inwiefern?
Sie untersagte jede weltliche Ausbildung, es gab rigide Verbote im Hinblick auf Bücher, Fernsehen, Musik, Sport. Meine Lektüre holte ich heimlich in der Bibliothek; die Bücher versteckte ich unter der Matratze. Ich lebte total von der Aussenwelt abgeschottet – von den Terroranschlägen am 11. September erfuhr ich nur, weil mein Grossvater erstmals eine Zeitung kaufte. Als Frau durfte ich keine farbigen Kleider tragen und weder laut lachen noch reden. Das führte zu einer schweren Depression. Schliesslich beschloss ich auszusteigen.

Wie schwierig war das?
Es war überhaupt nicht schwierig. Ich folgte meiner Intuition. Eigentlich wusste ich schon, was ich tun musste, als mein Sohn 2006 zur Welt kam. Ich verliess die Gemeinschaft drei Jahre später, an meinem 23. Geburtstag.

Welche Rolle spielte das Internet? Einige Orthodoxe haben zwei Handys, ein «koscheres» und eins zum Surfen. Gemäss «NZZ» soll es in Israel dank Internet zehn Prozent mehr Aussteiger geben.
Das ist so. Auch ich habe es im Geheimen verwendet. Dank Internet konnte ich letztlich die Gemeinschaft verlassen.

Gibt es so etwas wie ein Auffangnetz für Aussteiger? Die einstigen Orthodoxen müssen vieles ja neu lernen – wie man eine Wohnung sucht, zum Beispiel.
In Israel und in den USA gibt es solche Stellen. Aber sie können eine Falle sein: Man umgibt sich mit Leuten, die viel Mitleid haben. So wird man nicht frei, sondern erinnert sich daran, wie hoffnungslos alles ist.

Wie viele sind wie Sie ausgestiegen?
In Brooklyn waren es vor acht Jahren 30 Personen, inzwischen sind es 600 bis 700. Durch den Druck der Gemeinschaft ist die Zahl ebenso angestiegen wie die der Suizide. Für mich war es leichter, weil ich wegzog. 700 sind allerdings noch immer relativ wenig, denn in Brooklyn leben gegen 300'000 ultraorthodoxe Juden.

In Brooklyn leben gegen 300'000 ultraorthodoxe Juden.

Zu Hause angekommen
Zu Hause angekommen: Die Aussteigerin aus ultraorthoxen jüdischen Kreisen New Yorks.

Wissen Sie, wie häufig Austritte aus den orthodoxen Gemeinschaften in Zürich oder Basel vorkommen? Nein, aber ich kenne jemanden aus Zürich, der offiziell orthodox lebt, eigentlich aber ungläubig ist. Das kann er aber nicht zeigen, weil er sonst Frau, Familie und Beruf verlieren würde. Es gibt eine hohe Dunkelziffer: Diese Menschen leben unter einem enormen Druck und können ihr wahres Gesicht nicht zeigen. Sich derart verleugnen zu müssen, ist sehr schwierig.

Ist der Ausstieg für Frauen einfacher als für Männer?
Im Gegenteil. Ich weiss von Frauen, die sich umgebracht haben, weil sie so jung verheiratet und Mutter wurden. Sie haben Ängste, die Männer nicht erleben. Männer steigen meist wegen einer Glaubenskrise aus – Frauen gehen, weil sie keine Luft zum Atmen haben.

Welchen Stellenwert haben die Frauen im ultraorthodoxen Judentum?
Sie sind vor allem Gebärmaschinen. Als ich die Beziehung mit meinem Mann beendete, konnte ich endlich die Rolle als starke und aktive Frau übernehmen. Heute reflektiere ich alles und treffe Entscheidungen sehr sorgfältig. Ich freue mich, dass ich die Person geworden bin, die ich immer sein wollte.

Apropos Gebärmaschinen: Sie hatten erstmals in Ihrer Hochzeitsnacht Sex ...
Ja. Davor war das Thema ein absolutes Tabu gewesen. Als es dann mit dem Sex nicht klappte, erfuhr mein Schwiegervater durch meinen Mann davon und erzählte es der gesamten Familie. Das war sehr belastend.

Bei den religiösen Moslems müssen die Frauen sich verschleiern – Frauen orthodoxer Juden tragen Perücken und lange Kleider. Gibt es weitere Parallelen?
Arabische Frauen, die mein Buch gelesen haben, sagen mir, sie hätten die gleiche Kindheit erlebt wie ich – mit dem Gefühl, immer und überall kontrolliert zu werden, wie das in unserer Gemeinde der Fall war. Ich habe auch viele syrische Flüchtlinge in Berlin getroffen, die das ähnlich sehen.

Worin unterscheidet sich der religiöse Islam vom ultraorthodoxen Judentum?
Die Traditionen sind unterschiedlich, die Idee dahinter ist die gleiche. Die in dieser Form ausgelegte Religion bestimmt das gesamte Leben.

Haben Sie je bereut, aus der Gemeinde der Satmar-Juden ausgetreten zu sein?
Nein. Es gab traurige und verängstigende Momente. Doch zuvor, innerhalb der Gemeinschaft, war alles noch schlimmer. Ich hatte auch keine Schuldgefühle, weil ich schon als Kind das Gefühl hatte, dass ich Gott besser kenne als andere, dass er nicht so ist, wie ihn die Gemeinschaft beschreibt.

Kann man die Satmarer Juden, diese strengste aller jüdisch-orthodoxen Gemeinschaften, als Sekte bezeichnen?
Ja. Sie sind nicht anders als etwa die Zeugen Jehovas.

Was vermissen Sie aus jener Zeit im New Yorker Stadtteil Brooklyn?
Meine Grossmutter, bei der ich aufwuchs. Sie war dement, als ich abreiste. Ich koche noch ihre Rezepte und fühle mich ihr näher denn je. Und ich vermisse, was ich nie hatte.

Ich vermisse meine Grossmutter. Sie war dement, als ich abreiste.

Nämlich?
Eine Familie mit einem Vater und einer Mutter. Aber es gibt viel Schlimmeres in der Welt als das. Ich bin dankbar für alles, was ich erreicht habe. Ich beschwere mich nicht. Eigentlich hatte ich sehr viel Glück in meinem Leben.

Gab es denn etwas in der Gemeinschaft, das Sie gut fanden?
Das Sicherheitsnetz: Du kannst nicht obdachlos werden und musst nicht hungern. Es ist wie bei einer kommunistischen Gemeinschaft. Sie nimmt dir die Angst vor dem Scheitern. Als Preis dafür muss man die Freiheit aufgeben. Für mich ist sie aber wichtiger als die Sicherheit.

Gibt in ihrem Buch viel Privates preis
Gibt in ihrem Buch viel Privates preis: Deborah Feldmann.

Ihr Buch «Unorthodox» hat Furore gemacht. Was hat es unter den Orthodoxen ausgelöst?Eine grosse Empörung, weil ich über Privates in der Gemeinschaft geschrieben habe: Das hat bis dahin niemand getan. Ich thematisiere in dem Buch die Sexualität und die Mechanismen der Frauenunterdrückung. Darüber sprechen wir auch in einem geplanten Dokumentarfilm – übrigens eine Schweizer Produktion mit Schweizer Geld. Wir analysieren darin, was Frauen in verschiedenen Kulturen erleben müssen. Es geht um Männer und Gemeinschaften, die Angst vor Frauen haben und sie deshalb zu kontrollieren versuchen. Für mich ist das Thema traurig und faszinierend zugleich.

Wann passen sich die Ultraorthodoxen der Gegenwart an?
Ich glaube nicht, dass die Satmarer Juden ewig so weiterleben können. Als Reaktion auf die Einflüsse von aussen werden sie aber wohl noch radikaler werden. Mit ihrer Ideologie können sie die Jungen jedoch immer weniger überzeugen. Die ständige Angst vor Gott, der sie angeblich mit dem Holocaust dafür bestraft hat, dass sie als Juden nicht fromm genug waren, nimmt ab.

Seit bald zwei Jahren leben Sie nun in Berlin. Fühlen Sie sich dort wohl?
Sehr wohl. Früher dachte ich, ich sei ein Mensch, der immer reisen muss. Dieses Gefühl ist inzwischen verschwunden. Ich will in Berlin bleiben – zusammen mit meinem Sohn Isaac, der jetzt zehn Jahre alt ist.

Was weiss er von Ihrem Leben?
Alles, was er wissen wollte. Er weiss, dass ich in der Gemeinschaft der Satmarer Juden in Brooklyn aufgewachsen bin, mit 17 Jahren verheiratet wurde und die Gemeinschaft an meinem 23. Geburtstag verlassen habe. Inzwischen ist das Thema für ihn langweilig geworden – wir leben in der Gegenwart.
Übrigens hat mein in den USA wohnhafter Exmann wieder geheiratet und ebenfalls ein neues Leben ausserhalb der orthodoxen Gemeinschaft angefangen. Mein Sohn weiss, dass es ihm gut geht. Und ich freue mich, dass mein Exmann sein Glück gefunden hat.

Mein Exmann hat ebenfalls ein neues Leben ausserhalb der orthodoxen Gemeinschaft angefangen.

Haben Sie auch einen Partner?
Nach mehreren Beziehungen bin ich jetzt mit einem Pfälzer zusammen, der ebenfalls in Berlin wohnt. Neu ist dabei für mich, dass wir nicht weit entfernt voneinander wohnen; bisher brauchte ich Distanz. Ich war immer ein einsamer Mensch – in der Gemeinschaft und draussen in der Welt. Ich brauche auch heute noch viel Raum für mich. Doch da mein Freund genauso unabhängig ist, klappt es bestens – seit über einem Jahr.

Warum ausgerechnet Berlin? Ihnen wurde eingetrichtert, dass in Deutschland nur Nazis leben ...
Das war keine Entscheidung über Nacht, das hat sich langsam entwickelt. Nachdem ich aus meiner Gemeinschaft ausgestiegen war, versuchte ich, mich in New York der amerikanischen Gesellschaft anzupassen. Irgendwann habe ich festgestellt, dass das nicht geht.

Weshalb nicht?
Überall um mich herum herrschte Kapitalismus und der Fokus auf Geld und Status. Ich hingegen wuchs in Williamsburg im Stadtteil Brooklyn mit spirituellen Werten auf. Amerika war so gesehen ein fremdes Land für mich. Als meine Erzählung in den USA publiziert wurde, lebte ich abgeschieden in den Bergen nördlich von New York und kümmerte mich um meinen Sohn. Dort dachte ich viel über meine Vergangenheit und meine Wurzeln nach. Nach und nach wagte ich deshalb Reisen nach Europa, um auf Spurensuche zu gehen.

Weshalb haben Sie in Ihrem Stammbaum geforscht?
Wie wichtig er ist, erlebte ich erstmals so richtig, als ich 14 Jahre alt war und ihn in der Schule präsentieren musste. Die damals zusammengestellten Dokumente nahm ich nach Europa mit, um meine Familiengeschichte zu erforschen. Ich wuchs bei meinen Grosseltern auf, weil mein Vater geistig behindert ist. Meine Mutter war wie ein fremder Mensch für mich. Deshalb war meine Grossmutter meine wichtigste Bezugsperson. In einem Archiv in Stockholm habe ich herausgefunden, dass sie mehrere Jahre in Arbeitslagern in Deutschland verbracht hatte und Deutsch sprach. Das hat sie mir verheimlicht. Ihre letzte Station war das Konzentrationslager Bergen-Belsen gewesen.

Wie hat sie überlebt?
Sie wurde am Kriegsende von schwedischen Helfern gerettet. Als man sie entdeckte, war sie so schwach, dass man zuerst dachte, sie sei tot. Nach eineinhalb Jahren versuchte sie, von Schweden nach Kuba oder in das
damals britische Mandatsgebiet Palästina auszuwandern. Niemand wollte eine Staatenlose, wie sie es als ungarische Jüdin war. Die Schweden fanden für sie einen Sponsor in den USA. So emigrierte sie nach New York. Eine jüdische Ehestifterin suchte für sie einen Mann aus – meinen Grossvater, ebenfalls ein ungarischer Jude. Als sie heirateten, lebten sie noch säkular. Nach zwei Jahren wurde er orthodox und wollte, dass sich meine Grossmutter die Haare abrasierte. Sie willigte ein.

Meine Grossmutter wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs von schwedischen Helfern gerettet.

Ihre Spurensuche führte sie also nach Deutschland. Wie erging es Ihnen da?
Anfangs war ich überfordert, fühlte mich von Deutschland angezogen und angeekelt zugleich. Ich habe in Berlin viele Menschen kennengelernt, die nicht mehr in ihre ursprüngliche Heimat zurückkehren konnten, etwa eine Feministin aus Russland oder eine Frau aus Ex-Jugoslawien, aber auch Orthodoxe aus Israel. Nachdem ich im August 2014 einige Wochen dort verbracht hatte, flog ich wieder in die USA – und hatte das Gefühl, in die falsche Richtung zu reisen. Deshalb entschied ich mich, nach Deutschland auszuwandern. Wie immer in meinem Leben folgte ich meiner inneren Stimme.

Heute leben Sie von Ihren Büchern?
Ja und vom Copywriting, etwa für Werbung. Die Einnahmen versuche ich zur Seite zu legen, damit wir eine Reserve haben. Denn wenn es mir mal schlecht gehen sollte, kann ich niemanden anrufen. Ich habe zwar einen Freund, aber er ist kein Familienersatz.

Wollen Sie Ihr Geld auch in Zukunft mit Bücherschreiben verdienen?
Eigentlich schon. Ich mag das Schreiben sehr. Es ist ein wichtiger Teil meines Lebens, genauso wie Lesen. Immer wenn ich nach dem Arbeiten eine Pause brauche, lese ich. Die Sprache anderer beruhigt mich.

Bereiten Sie nach «Unorthodox» und «Exodus» Ihr drittes Buch vor?
Ich bin mit vielen Projekten beschäftigt. Dazu zählen zwei grosse Romane, der erwähnte Dokumentarfilm und ein Kochbuch mit den Rezepten meiner Grossmutter – sie kochte unglaublich gut. Ausserdem bereite ich ein Manuskript für den Verlag vor, die Fortsetzung meines ersten Buchs, in dem ich über meine Immigration nach Deutschland erzähle und über das Leben hier. Heute habe ich viel mehr Abstand als damals, eine andere Perspektive: Ich sehe die Zeit, in der ich in der Gemeinschaft der Ultraorthodoxen lebte, nun als Aussenstehende.

«Unorthodox» wird nun verfilmt. Wie weit sind Sie mit dem Drehbuch?
Ich arbeite daran, gemeinsam mit einer Israelin. Doch bis zur Fertigstellung des Films wird es noch Jahre dauern.

Fühlen Sie sich nach wie vor als Jüdin?
Ja, aber vor allem deshalb, weil in Deutschland einige geradezu besessen von diesem Thema sind. Ich kann ihm nicht ausweichen.

Was macht das Jüdischsein für Sie aus?
Es ist Teil meiner Herkunft, meines kulturellen Erbes. Die Identität bleibt wichtig, gerade in Deutschland oder in der Schweiz: Hier zählt die Herkunft der Menschen viel mehr als etwa in Nordamerika. Wir leben in einer Zeit der Entmaskung, in der es keine Tabuthemen mehr gibt. Jüdischsein heisst deshalb auch, wieder vermehrt mit Antisemitismus konfrontiert zu sein.

Erleben Sie denn Antisemitismus?
Immer wieder. Neulich war ich wegen Bandscheibenschmerzen beim Chiropraktiker. Als ich auf dem Behandlungstisch lag, holte er zu einer Tirade aus, wonach die Juden in Amerika die Welt beherrschten. Danach rief ich eine jüdische Freundin an, die mir erklärte, dass ich in meinen eineinhalb Jahren in Berlin mehr Antisemitismus erlebt hätte als sie in ihren 30 Jahren in Deutschland.

Wie soll das Judentum weiterbestehen?
Wir leben in einem Zustand der Bedrohung. Das muss sich ändern, denn eine bedrohte Identität ist eine beschädigte. Im 18. Jahrhundert trat der deutsche Philosoph Moses Mendelssohn für Toleranz und eine gleichberechtigte Stellung der Juden in Europa ein. Wir wurden aber immer wieder ausgegrenzt. Das schmerzt. Es wäre schön, wenn die Deutschen realisieren und anerkennen würden, dass das Judentum ein wichtiger Teil ihrer eigenen Identität ist, dass wir ein gemeinsames Schicksal haben.

Wie religiös leben Sie heute noch?
Gar nicht. Manchmal gehe ich in die Synagoge, aber eher, um Freunde zu treffen. Ich mag auch Schweinefleisch, geniesse mal ein Glas Prosecco oder einen Armagnac. Ich habe aber noch nie mehr als zwei Gläser Wein an einem Abend getrunken.

Was von den einst verbotenen Dingen machen Sie heute am liebsten?
Fahrradfahren. 

Deborah Feldman: «Unorthodox»; Secession-Verlag, bei Ex Libris, Fr. 24.70

Autor: Reto Wild

Fotograf: Katja Hentschel