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26. September 2016

Für das beste Stück am Mann

Astrid Bagot beschäftigt sich mit intimsten Problemen von Männern: Erkrankungen der Prostata, Erektionsstörungen und vorzeitigem Samenerguss. Wie geht sie mit delikaten Situationen, Vorurteilen und Schamgefühlen um? Ein Gespräch mit meiner Urologin.

Urologin Astrid Bagot
Astrid Bagot-Sundermann (50) ist verheiratet und lebt am Uetliberg. Seit 2015 leitet sie die Uroviva Praxis in Horgen ZH. Zudem arbeitet sie tageweise in der Uroviva-Praxis in Zürich am Stadelhofen. Operativ tätig ist sie an diversen Spitälern.

Astrid Bagot, meine Kollegen lachten, als ich erzählte, dass ich mich von einer Urologin untersuchen lassen wolle. Erstaunt Sie das?

Nein, natürlich nicht. Aber ohne Untersuchung kann ich allfällige urologische Probleme nicht lösen. Ob Sie sich nun von einem Mann oder einer Frau untersuchen lassen, ändert nichts an der Sache.

Mann
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Als Auflockerung gibt es erst mal ein Gespräch.

Genau. Bei Neupatienten plane ich extra etwas mehr Zeit ein. Im Gespräch lockert sich die Situation meist.

Danach gilts ernst. Als Patient ziehe ich die Hose aus, lege mich in Unterhosen aufs Untersuchungsbett, schiebe das T-Shirt hoch und den Slip etwas herunter …

Das muss sein. Nur so kann ich die Nieren abtasten und danach mittels Ultraschall Blase und Prostata kontrollieren.

Und das alles mit prallvoller Blase?

Auch das ist nötig. Die Harnflussmessung ist einfach und rasch durchführbar. Sie hilft, viele Störungen der Blasenentleerung frühzeitig zu erkennen.

Warum muss ich anschliessend auf der Toilette in einen Trichter urinieren?

Nur so kann ich Urinmenge und Stärke des Strahls messen. Wenn Sie dann wieder auf dem Schragen liegen, mit Hose unten, sehe ich mittels Ultraschall, wie viel Harn Sie noch in der Blase haben. Diese Werte sind wichtig, will ich mir ein Bild machen, wie es um Ihre «urologische» Gesundheit steht.

Danach zapfen Sie dem Patienten Blut ab und bitten ihn, das Genital freizulegen.

Aber die Blösse hält sich in Grenzen (lacht). Vorerst decke ich den Penis mit einem Tuch zu. Dann taste ich die Hoden ab, untersuche sie auf allfällige Tumore. Nachher kontrolliere ich, ob die Vorhaut verengt ist.

Der Patient soll die Möglichkeit haben, die Untersuchung als Normalität wahrzunehmen.

Und danach muss sich der Patient, mit Hosen unten, auf die Seite drehen, richtig?

Ja. Auch das ist wichtig. Die rektale Untersuchung der Prostata gehört zum Programm. Ich muss wissen, ob die Vorsteherdrüse hart oder geschmeidig ist.

Wie gehen Sie mit der Intimität der Situation um?

Ich versuche, eine gewisse professionelle Distanz zu wahren. Der Patient soll die Möglichkeit haben, die Untersuchung als Normalität wahrzunehmen. Er soll merken, dass eine gewisse Intimität dazugehört. Sonst kann ich nicht helfen.

Gibt es auch Momente, in denen Sie diese Intimität als unangenehm empfinden?

Allenfalls bei einer mir nahestehenden Person. Zu Beginn meiner Urologiekarriere dachte ich: Oh je, jetzt muss ich für drei Monate auf die urologische Rotation. Muss bei jedem Mann den Hoden und die Prostata kontrollieren.

Solche Rektaluntersuchungen gehören also zum medizinischen Alltag?

Genau. Ich merkte bald, dass es eben einer gewissen Normalität entspricht und ich ­damit gut umgehen kann.

Wie oft erleben Sie Momente, in denen ein Patient Schamgefühle hat?

Das gibt es. Mir fällt vor allem auf: Hat ein Mann ein Problem am Hoden, macht er seinen Bauch frei, nicht aber den Hoden. Dies erlebe ich vor allem bei Männern aus dem südlicheren Kulturkreis.

Werden Sie auch mit peinlichen Situationen konfrontiert? Gibt es Männer, die eine Erektion bekommen?

Das gibt es selten. Dann unterbeche ich kurz die Untersuchung.

Ist die Situation nur ungewohnt, weil eine Frau einen Mann untersucht?

Das weiss ich nicht. Ich denke aber, für viele Patienten ist die urologische Untersuchung auch ungewohnt, wenn ein Mann sie an diesen Stellen vornimmt.

Ist die Frau im angeblichen Männerberuf ein Thema bei Ihren Patienten?

Ich werde selten darauf angesprochen. Wenn, dann erkläre ich, dass es kein Männerberuf ist.

Und Frauen ebenfalls zwei Nieren sowie eine Blase haben …

… die Probleme machen können. Deshalb habe ich viele Patientinnen. Und zwar überdurchschnittlich mehr als meine ­männlichen Kollegen.

Wenn ein Mann mit Ihnen über seine Erektionsprobleme spricht, können Sie nur theoretisch wissen, wie sich das anfühlt. Ist das ein Problem ein für Sie?

Wieso soll das ein Problem sein? Ich hatte auch noch keinen Herzinfarkt, kann das also nur theoretisch nachvollziehen. Trotzdem versuche ich, die Situation, wenn vielleicht auch nur annäherungsweise, zu verstehen.

Wie oft sprechen Ihre Patienten mit Ihnen über ihr Sexleben?

Erektionsprobleme oder vorzeitiger Samenerguss gehören zum Fachgebiet der Urologie. Deshalb melden sich natürlicherweise auch Patienten mit genau dieser Fragestellung.

Drucksen sie dann herum?

Wie gesagt, die einen melden sich deswegen an, anderen fällt dieses Thema erst an der Türschwelle ein. Wiederum andere verlangen einfach einen Termin, wollen aber der medizinischen Praxisassistentin nicht sagen, weswegen sie einen Termin möchten. Dann bin ich sicher, dass es sich um Erektionsprobleme handelt. Es kommt also täglich vor, wenn auch weniger als bei meinen Kollegen.

Warum wurden Sie Urologin?

Es ist ein chirurgisches Fach, irgendwie bodenständig. Diagnostik und Nachbehandlung sind in der Hand des Urologen, der Urologin geblieben. Obwohl ich eine Fachärztin bin, ist es möglich, mit dem Patienten eine länger dauernde medizinische Beziehung aufzubauen.

Sind Sie eine Einzelkämpferin, oder verstehen Sie Ihre Tätigkeit beim Urologie-Netzwerk Uroviva als Teamwork?

Ich arbeite bei Uroviva, weil ich die Vorteile eines Fachärztenetzwerks schätze. Ich führe momentan noch als «Einzelkämpferin» die Praxis in Horgen ZH. Zudem arbeite ich einen Tag pro Woche am Stadelhofen in Zürich in einer anderen Uroviva-Praxis. Dort treffe ich dann Kollegen, mit denen ich mich austauschen kann. Das tut gut.

Zu Beginn meiner Karriere hörte ich immer wieder, Frauen würden nicht in die Urologie gehören.

Welches sind die Vorteile eines Urologie-Netzwerks?

Nun, Uroviva hat sieben Filialen. Zwei davon in Spitälern. Wir decken mit Spezialisten alle Fachgebiete in der Urologie ab; von der Chirurgie über die Onkologie bis hin zu Vorsorgeuntersuchungen. Weil alle Ärzte und Ärztinnen vernetzt sind, können wir uns sehr gut und rasch austauschen.

Müssen sich Urologinnen an Kongressen faule Sprüche von männlichen Kollegen anhören?

Nicht mehr. Aber früher, zu Beginn meiner Karriere, hörte ich immer wieder, Frauen würden nicht in die Urologie gehören. Der Chefarzt, der das sagte, hat mittlerweile auch eine Urologin in seinem Team angestellt.

Gab es auch andere Stimmen?

Glücklicherweise ja. Der bekannte Urologieprofessor Urs Studer vom Berner Inselspital sagte: Frauen müssen in die Urologie. Er war es, der im Jahr 2000 die erste Urologin in der Schweiz ausbildete.

Erleben Sie Momente, in denen Ihnen das Schicksal eines Patienten nahegeht?

Ja, es gibt Schicksale, die mir sehr nahegehen, manchmal zu nahe. Etwa das eines knapp 50-jährigen Patienten, dessen Prostatakrebs schon so viele Metastasen ­estreut hat, dass seine Lebenserwartung nur noch klein ist.

Wie gehen Sie damit um?

Gespräche helfen. Etwa mit Kollegen, Kolleginnen oder mit meinem Mann. Ablenkung bringt mir im Sommer die Arbeit im Garten oder im Winter das Eistanzen auf der Dolder-Eisbahn.

Erlebten Sie während Ihrer Spitalzeit Situationen, als es experimentierfreudigen Männern peinlich war, wenn sie mit Penisbruch oder festgesaugtem Staubsaugerschlauch vor Ihnen standen?

Auch eine solche Situation gehe ich mit ­professioneller Distanz an. Für den Patienten ist es schon peinlich ­genug – er braucht es bestimmt nicht, sich noch Vorwürfe oder Sprüche anzuhören.

Würden Sie sich nochmals für diesen Beruf entscheiden?

Ärztin würde ich jederzeit wieder werden wollen. Obwohl der Beruf sehr fordernd ist, gibt er mir sehr viel. Für mich ist und bleibt es der schönste Beruf der Welt.

Autor: Martin Schuppli

Fotograf: René Ruis

Illustrationen: Roland Ryser