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04. Mai 2015

Kirchenrebellen und ihre Geschichte

Trotz der reformfreundlichen Gesten, die Papst Franziskus aussendet, begehrt die katholische Basis immer mehr auf. Fünf Rebellen und ihre Geschichte.

Papst Franziskus
Der 2013 gewählte Papst Franziskus ist reformfreudiger als seine Vorgänger. Die ersehnten Erneuerungen verstaubter Dogmen lassen bisher allerdings auf sich warten (Bild: Luca Zennaro/AP/Keystone).

Der Fall Wendelin Bucheli (61) sorgte während Monaten für Wirbel. Im vergangenen Oktober segnete der Pfarrer von Bürglen UR ein lesbisches Paar. Bischof Vitus Huonder (73) forderte ihn daraufhin auf zu demissionieren. Bucheli weigerte sich, seine Kirchgemeinde stellte sich hinter ihn, und in einer Onlinepetition wurden 40 000 Unterschriften für den Pfarrer gesammelt. Nun darf Bucheli bleiben: Er hat versprochen, keine homosexuellen Paare mehr zu segnen, und schwenkt damit auf die konservative Linie seines Bistums und der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) ein.

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack: Liberale Katholiken und Schwulenorganisationen sind enttäuscht, erhoffte Reformen bleiben aus, die kämpferische Unterstützung für Bürglens Pfarrer wird hinfällig. Und es bleibt die Frage: Was hat der Seelsorger schon Falsches getan?

In vielen katholischen Pfarreien ist es gängige Praxis, dass homosexuelle Paare den kirchlichen Segen erhalten. Im kirchlichen Alltag weht nämlich ein anderer Wind als in den heiligen Gemäuern der Bischöfe. «Die Praxis an der Basis ist viel lebendiger und weltoffener als die der Vorgesetzten in den Bistümern», weiss Leo Karrer (77), Theologe und profunder Kirchenkenner, der während 26 Jahren als Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg lehrte.

Ihn erstaunt die harsche Reaktion von Huonder und der SBK. «Sie wollten wohl verhindern, dass diese Segnung mit einer Eheschliessung verwechselt wird. Der Aufruhr um die Segnung in Bürglen ist auch ein Zeichen, dass sich auf breiter Basis schon länger etwas zusammenbraute.»
Das Konfliktpotenzial in der katholischen Kirche ist gross. Bei Themen wie Frauenordination, Mitspracherecht bei der Bischofswahl sowie Gleichbehandlung von Wiederverheirateten und Homosexuellen werden seit Jahren Reformen gefordert. Die Diskussion darüber ist schwierig und wird offiziell nicht aufgenommen. Die Kirchenoberen scheinen diese heissen Eisen zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Die aufmüpfige Seelsorgerin

Als die TV-Pfarrerin Monika Schmid (57) im «Wort zum Sonntag» 2008 das Vorgehen der Kirche in Sachen pädophile Priester kritisierte, entzog ihr Bischof Huonder fast umgehend die «Missio Canonica» – die Erlaubnis zur Amtsausübung. Sie prangerte an, dass Priester, die eine gleichberechtigte Beziehung mit einer Frau führten, ihren Beruf verlieren, pädophile Priester hingegen höchstens versetzt würden.

Die Seelsorgerin liess sich aber ihren Mund nicht verbieten. Ein paar Jahre später sagte sie öffentlich, dass auch gleichgeschlechtliche Paare den Segen erhalten sollten. Wieder reagierte Huonder: Er forderte sie auf, die Aussage zurückzunehmen. Wieder weigerte sie sich. «Die katholische Kirche hat grundsätzlich ein Problem mit und in Konflikten», erklärt Leo Karrer. «Statt diese anzugehen und auszutragen, werden sie ignoriert oder von oben her entschieden.»

Die Gemeinde stützte Sabo

Als Pfarrer Franz Sabo in Röschenz BL 2003 öffentlich die Rückständigkeit der Kirche und seines Vorgesetzten Bischof Kurt Koch (65) kritisierte, war dies der Startschuss für einen fünf Jahre dauernden Zwist. Um den aufmüpfigen Pfarrer loszuwerden, entzog Koch ihm die Missio. Der Basler Bischof hatte aber nicht mit der Hartnäckigkeit der Kirchgemeinde gerechnet: Die stand hinter ihrem Pfarrer, der menschennah predigte.

Doch mit welcher Berechtigung widersetzen sich aufrührerische Seelsorgerinnen und Pfarrer eigentlich der geltenden katholischen Lehre? Verkündet diese nicht ewig währende Wahrheiten? Die katholische Kirche ist nicht nur eine Glaubensgemeinschaft, sie ist auch ein geschichtlich gewachsenes System, das sich immer wieder überdenken und anpassen muss und reformbedürftig ist.
Da die Seelsorger in den Kirchgemeinden mit den alltäglichen Sorgen und Nöten ihrer Mitmenschen konfrontiert sind, erleben sie hautnah, wie sehr Theorie und Praxis teilweise auseinanderklaffen.
Weil der Wunsch nach Reformen gross ist, wurde 2012 die Pfarrei-Initiative lanciert. Das Ziel: die offizielle Anerkennung der liberalen Seelsorgepraxis. Bis Ende 2013 hatten schweizweit 490 kirchliche Mitarbeitende das Papier unterschrieben.

Die Reaktionen der Kirchenführer waren jedoch mehr als ernüchternd: Die Bischofskonferenz wies die Anliegen zurück, Huonder legte im Februar 2013 den Unterzeichnenden seines Bistums sogar nahe, ihre Lehrbeauftragung abzulegen. Angst davor, dass gewisse Pfarreien ihre Aufgaben nicht mehr hätten erfüllen können, hatte er nicht. Sein Generalvikar Martin Grichting (47) unterstellte den Initianten, dass sie nicht primär Reformen forderten, sondern, dass es um mehr Kompetenzen, ergo um Macht, ginge.

Offensichtlich hat die katholische Kirche grösste Mühe mit Forderungen wie Gleichberechtigung von Frauen oder Homosexuellen. «Hintergründig besteht ein idealisiertes Kirchenbild mit dem Anspruch, unfehlbar zu sein. Das macht blind gegenüber den Realitäten des Lebens und löst Angst aus, urkatholische Positionen und die Definitionsmacht zu verlieren», erklärt Leo Karrer.

Aus Rom weht seit dem Amtsantritt von Papst Franziskus eigentlich ein reformfreudiger Wind. Dass von diesem so wenig zu spüren ist, hat mit der Struktur der katholischen Kirche zu tun. Als weltweiter Geisteskonzern ist sie sehr träge mit Veränderungen. Sie ist nach wie vor zentralistisch übersteuert, patriarchal und höfisch in der Kommunikation. Favorisiert werden zudem jene, die loyal sind und das System erhalten, nicht jene, die für Reformen eintreten.

Pro Sterbehilfe – geht gar nicht

In der Schweizer Bischofskonferenz rumort es ebenfalls. Im Februar 2015 wurde der langjährige Mediensprecher Simon Spengler (52) entlassen. Offiziell wegen Restrukturierung. Doch man munkelt, der ehemalige «Blick»-Bundeshausjournalist und studierte Theologe sei dem Gremium zu liberal und offen gewesen. An die Bischofskonferenz geholt hatte ihn 2010 der damalige Abt des Klosters Einsiedeln Martin Werlen (52).
Der Kirchenmann ist bekannt für seine weltoffene Art. Er hat sich stets für Reformen eingesetzt, wie etwa für die Beachtung der Menschenrechte, die Revision der Zölibatsvorschriften, die Zulassung von Frauen zum Priesteramt, die Offenheit für Kritik und die Dialogbereitschaft innerhalb der Kirche.

Im vergangenen Sommer hat die Walliser Ursulinenschwester Marie-Rose Genoud mit einem neuen Thema für Aufruhr gesorgt: Sie hat sich für Sterbehilfe ausgesprochen und sich damit klar der offiziellen Lehre aus Rom widersetzt. Ihre Meinung hat sich nach langer, tiefgründiger Kontemplation gebildet und bezieht sich in ihrer Argumentation auf das Wirken Jesu. Er war menschennah, nächstenliebend und hatte sich mutig und furchtlos über bestehende Gesetze hinweggesetzt – etwa bei der Heilung eines Lahmen am Sabbat.

Mit Menschennähe, Nächstenliebe und den Taten Jesu, wie sie im Evangelium beschrieben sind, argumentieren auch andere Kirchenrebellen. Oder mit der Zwiesprache mit Gott: «Ich nahm die besagte Segnung vor, nachdem ich die Anfrage vor Gott geprüft hatte», erklärte etwa Bucheli, nachdem er aufgefordert worden war zu demissionieren.

Preise für rebellische Köpfe

Die konservativen Kirchenoberen stellen die Dogmen aus Rom nicht in Frage. Sie sind die einzige Wahrheit für sie. Trotz akuter Probleme wie etwa Priestermangel steuern sie ihren Kurs unbeirrt weiter. Huonder setzte sich 2012 dafür ein, dass zwei angehende Priester, die sich verliebt hatten und ihren Weg als Laientheologen fortsetzen wollten, sein Bistum verliessen. Im Bistum Basel wurde Bruder Benno (48), ein ehemaliger Franziskaner, der geheiratet hatte, ein Rebell wider Willen. Anders als in der langjährigen Praxis üblich, hatte ihm Bischof Felix Gmür (48) die Lehrerlaubnis nach der Eheschliessung nicht mehr erteilt. Der Theologe kann nicht einmal mehr ehrenamtlich für seine Kirche tätig sein.

Warum steht die Basis dennoch zu ihrer Kirche? «Weil sie die Kirche nicht als System sieht, sondern von der Botschaft her versteht. Sie ist nicht nur reformbedürftige Institution, sondern auch Glaubens- und Solidaritätsgemeinschaft, die Freude und Motivation vermittelt», erklärt Karrer, selbst begeistertes Mitglied der katholischen Kirche.

Vorerst müssen sich rebellische Köpfe mit der Hoffnung begnügen; sie bekommen anderweitig Anerkennung. Monika Schmid und Marie-Rose Genoud wurden beide 2008 respektive 2009 mit dem Prix Courage ausgezeichnet, Schmid erhielt zudem 2012 den «Preis für Freiheit in der Kirche» der Herbert-Haag-Stiftung. Für sie gelten andere Wahrheiten als für die Obrigkeit, die an dem festhält, was ihr in Rom vorgebetet wird. Wahrheiten, die näher bei den Menschen liegen.

Der Aufrührer

Blid: Georgios Kefalas/Keytstone)
Blid: Georgios Kefalas/Keytstone).

Franz Sabo (62), Pfarrer von Röschenz BL, hat 2003 einen Sturm entfacht, der ein halbes Jahrzehnt lang tobte. Er kritisierte öffentlich in einem Leserbrief in der «Basler Zeitung» die Kirche, seinen Vorgesetzten Bischof Kurt Koch: «Jahrhundertealter Starrsinn verhindert (…) eine menschenfreundliche, zeitgemässe Kirche; verhindert eine Religion, die wieder in den Herzen der Menschen lebt.»

Koch entzog ihm die Missio Canonica und suspendierte ihn. Die Kirchgemeinde Röschenz ignorierte dies, Sabo las weiterhin die Messe.

2005 schrieb er in einer Weihnachtspredigt im «SonntagsBlick» gegen die verstaubten Dogmen an: «Wenn all jene Priester nicht mehr als Priester tätig sein würden, die entweder ein Verhältnis mit einer Frau oder mit einem Mann haben, dann könnte die römisch-katholische Kirche ihren Laden dichtmachen.»

Die Kirchgemeinde Röschenz klagte danach gegen den Entzug der Missio und erhielt vor dem Basler Kantonsgericht recht. 2008 versöhnte sich Koch mit Sabo: Der Bischof machte den Missio-Entzug rückgängig, Sabo verpflichtete sich zu Loyalität.

Die Aufmüpfige

Bild: Arno Balzarini/Keystone
Bild: Arno Balzarini/Keystone

Monika Schmid (57), Gemeindeleiterin der Pfarrei St. Martin in Illnau-Effretikon ZH, setzt sich immer wieder für Reformen ein. 2008 kritisierte sie in der TV-Sendung «Wort zum Sonntag» das zögerliche Vorgehen der katholischen Kirche in Sachen pädophile Priester. «… Ein Priester hat sich an Kindern vergangen. Bei näherem Hinschauen merkt man, dass die Kirchenleitungen mit solchen Priestern anders umgehen als mit Priestern, die aus einer echten Liebe heraus ihre Beziehung zu einer Partnerin oder zu einem Partner leben. Da stimmt doch etwas nicht.»

Der Bischof entzog ihr daraufhin die Missio. Jedoch nicht für lange: Die Kündigung widersprach arbeitsrechtlichen Vorgaben.

2013 schrieb sie im «Landboten», dass zwei liebenden Menschen so oder so der Segen zu erteilen sei. Huonder forderte sie auf, die Aussage zurückzuziehen. Sie weigerte sich. Ihr Glück: Die Angelegenheit versandete.

Lesben-Segner

Bild: Keystone

Wendelin Bucheli (61), Pfarrer in Bürglen UR, segnete im Oktober 2014 ein lesbisches Paar. Sein Vorgesetzter Bischof Vitus Huonder bat ihn im Februar, seine Demission einzureichen. Bucheli entschuldigte sich bei denen,die sich verletzt fühlten, weil er den Segen nicht diskret genug durchgeführt habe, und teilte mit, dass er die geforderte Demission nicht einreichen werde. Es blieb ein kurzer Akt der Rebellion. Er hat sich nun dem Willen des Bischofs untergeordnet und erklärt, keine homosexuellen Paare mehr zu segnen – weder öffentlich noch heimlich. Als linientreuer Pfarrer darf er im Amt bleiben.

Sterbehilfe-Schwester

Bild: Keystone

Marie-Rose Genoud (76), Ursulinenschwester aus Sitten VS, sprach sich im Sommer 2014 in einem Leserbrief im «Nouvelliste» für die Sterbehilfsorganisation Exit aus. «Ich unterstütze alle Personen, die nach reiflicher Überlegung und mit klarem Verstand als letzten Ausweg eine tödliche Dosis wählen.» Damit widerspricht sie der Lehre aus Rom, die Gott als Herrscher über Leben und Tod definiert. Ihre Überzeugung begründet sie mit dem Wirken von Jesus: So setzte er sich etwa über herrschendes Gesetz hinweg, als er am Sabbat einen Lahmen heilte.

Zölibat-Kritiker

Bild: RDB

Martin Werlen (52), Benediktinermönch, der bis vor zwei Jahren dem Kloster Einsiedeln als Abt vorstand, provoziert seine konservativen Glaubensbrüder gern. 2012 hat er in der Schrift «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» die Ehelosigkeit von katholischen Priestern in Frage gestellt, sich für die Zulassung von Frauen zum Priesteramt, Kompetenzerweiterung der Klöster und neue Regeln bei der Bischofsernennung ausgesprochen. Seine Kirchenkritik setzte er im 2014 erschienenen Buch «Heute im Blick. Provokationen für eine Kirche» fort.

Autor: Claudia Langenegger