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30. November 2015

Frühkindliche Bildung: «Kinder sollen entscheiden»

Bildung beginne vor dem Kindergarten, betonen die Organisatoren des Schweizer Schulpreises. Wie das im Alltag der 55 Bildungskrippen aussieht, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Melanie Bolz. Den ersten Preis für frühkindliche Bildung erhält die Aarauer KSA Zwärglihuus.

Bildungskrippe: Kleinkinder können lesen lernen
In der Bildungskrippe können Kleinkinder lesen lernen, müssen aber nicht. (Bild: Christine Bärlocher)

Zum zweiten Mal werden am 2. Dezember Schulen mit dem Schweizer Schulpreis ausgezeichnet. Er wurde 2013 erstmals vergeben und ging in den Hauptkategorien an die Oberstufenschule Wädenswil ZH und die Gemeindeschulen von Martigny VS.
Neu wird dieses Jahr eine Institution mit dem Schweizer Preis für Frühkindliche Bildung 2015 gekürt. Der Verein Forum Bildung hat diese Auszeichnung mit der Unterstützung des Migros-Kulturprozents ins Leben gerufen.
Ausgezeichnet wurde am 2. Dezember 2015 die Kindertagesstätte KSA Zwärglihuus in Aarau: Für die Jury beweist sie exemplarisch, wie sich «eine Arbeitergeberkrippe an die unterschiedlichen Bedürfnisse anpassen und einen 24-Stunden-Betrieb gewährleisten kann. In fünf Häusern finden die Kinder Platz zum Lernen, Träumen und Staunen. Ganz gezielt wird auf die Neugier der Kinder und ihre Interessen eingegangen ...»
Träger der KSA Zwärglihuus ist das Kantonsspital Aarau. Mehr zu den übrigen Nominierten finden Sie rechts («Die Finalisten»).

Melanie Bolz, wie sehe ich einer Kindertagesstätte an, dass sie eine Bildungskrippe ist?

Melanie Bolz (37) ist Erziehungswissenschaftlerin
Melanie Bolz (37) ist Erziehungswissenschaftlerin und Projektleiterin von Bildungskrippen.ch

Sind die Spielsachen aufs Lernen angelegt?

Natürlich gibt es bei uns die obligaten Legosteine und Bauklötze. Daneben aber vielleicht auch ein paar unförmige Äste, die sich nicht stapeln lassen.

Was ist das Ziel der Bildungskrippe? Eine steilere Schulkarriere?

Nein. Wir wollen, dass die Kin­der Freude am Lernen habenund sich diese erhalten können. Denn jedes Kind will lernen. ­Dafür braucht es eine anregende Umgebung und Erwachsene, ­die sich aufs Kind einlassen – und es nicht zum Singen zwingen, wenn es lieber malen will.

Das geht doch in normalen Krippen auch.

Natürlich würde kein Erwachsener je sagen, dass er nicht auf die Wünsche des Kindes eingeht. Dennoch gibt es mancherorts ein Programm. Dann heisst es: «Heute machen wir dies und das.» Stellt sich die Frage: Wessen Bedürfnis wird damit befriedigt? Bei fixen Programmen oft das der Erwachsenen.

In der Bildungskrippe gilt der Wunsch des Kindes?

Dort hat es so weit wie möglich die Wahl, zum Beispiel zwischen dem Mal-, dem Bau- und dem Bewegungsraum. Klar, gibt es auch Ausflüge in den Wald oder in den Park. Aber auch dort können die Kinder wählen, womit sie sich befassen wollen. Übrigens wird das in einzelnen Kindergärten und Schulen auch schon so gehandhabt.

Und worin besteht die Rolle der Betreuer?

Sie begleiten die Kinder und geben ihnen Hilfestellung oder Anregung, wenn sie das brauchen. Vielleicht sieht es so aus, als ob die Betreuer nur in einer Ecke sitzen und nichts tun. Doch sie schauen genau hin und notieren ihre Beobachtungen.

Ist ein Kind nicht überfordert, wenn es keine Anleitung bekommt?

Nicht, wenn seine Signale richtig gedeutet werden. Und Kinder zeigen sehr klar, was sie wollen und was nicht.

Was passiert mit den Notizen über die Kinder?

Die Betreuer tauschen sich über ihre Beobachtungen aus, um herauszufinden, was sie dem einzelnen Kind noch zusätzlich anbieten können. Manchmal sucht man aufgrund der Notizen auch das Gespräch mit den Eltern. Etwa, wenn man findet, ein Kind fühle sich nicht wohl in der Kita.

Was für Eltern bringen ihre Sprösslinge in die Bildungskrippe?

Alle möglichen, auch solche mit Migrationshintergrund. Ihnen sind primär die Öffnungszeiten wichtig, die Erreichbarkeit und die Atmosphäre. Kriterien, die auch bei allen anderen Kindertagesstätten relevant sind.

Was ist das Prinzip von «infans», dem Konzept der Bildungskrippen?

Der wichtigste Leitsatz lautet «Keine Bildung ohne Bindung und Beziehung».

Was für Personal arbeitet in einer Bildungskrippe?

Das gleiche wie in allen Krippen: Ein Teil hat den anerkannten eidgenössischen Abschluss, ein Teil ist in der Ausbildung. Bildungskrippen haben nicht mehr Betreuer und auch nicht mehr Geld als andere, zumal sie auch nicht mehr kosten. 

Autor: Yvette Hettinger