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28. November 2016

Frühförderung zur besseren Integration

Die Stadt Bern fördert Kinder aus benachteiligten Familien schon im Kleinkinderalter. Hausbesucherinnen gehen zu den Familien, spielen und lesen mit den Kleinen – eine Investition, die sich langfristig lohnt.

Mirela Xoxi von Primano bei Elina und Mama Donika
Von Mirela Xoxis Besuchen profitieren die dreijährige Elina wie auch Mutter Donika.

Frühförderung tönt nach Geigenspiel mit zwei Jahren, chinesisch pauken mit drei und Physikunterricht im Kindergarten. In der Stadt Bern sieht Frühförderung ganz anders aus: Mit dem Programm Primano werden Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien gefördert. Elementarer Teil davon ist das Hausbesuchsprogramm «schritt:weise». Dabei geht man zu den Eltern mit Kleinkindern nach Hause, um mit ihnen zu spielen und zu lesen.

Mirela Xoxi (40), gebürtige Albanerin, ist eine Hausbesucherin. Seit drei Jahren arbeitet die mehrsprachige Primarlehrerin für Primano. Heute geht es zu Familie Murtishi in der Berner Länggasse. Das Töchterchen ist drei Jahre alt. Der ältere Bruder Valdrin (7) ist in der Schule, Papi Flakerim (31) hat heute morgen frei und ist mit dem einjährigen Lorik draussen.

Das herzige Mädchen mit den braunen Locken springt Mirela freudig entgegen. Keine Minute später sitzen sie mit Mami Donika (30) auf dem Sofa, Mirela hat ein Bilderbuch mitgenommen und erzählt. Sie spricht albanisch, beschreibt die Bilder, Elina hört aufmerksam zu, nickt, sagt «Mmh» und «Ohh».

Mirela Xoxi mit Elina

Mirela Xoxi hat ein Bilderbuch mitgebracht – Elina lässt sich schnell begeistern.

Mirela stellt immer wieder Fragen, Elina antwortet. Zwischendurch ist ein deutsches Wort zu hören – wie etwa «Erdbeeren». Es dauert nicht lange, und die Kleine taut auf. Sie zeigt auf die Bilder und erzählt ebenfalls; die beiden Frauen lachen.

In den Familien ansetzen

Primano wurde 2006 ins Leben gerufen. Die Daten des schulärztlichen Dienstes der Stadt Bern hatten gezeigt, dass immer mehr Kinder mit stets stärkeren motorischen und sprachlichen Defiziten zu kämpfen haben. Dabei spielt das sozioökonomische Umfeld eine relevante Rolle: In benachteiligten Familien gehen durch alltägliche Belastungen die Bedürfnisse der Kinder oft unter. Dabei sind gerade die frühen Entwicklungsjahre elementar. Wenn Kinder schon im Kindergarten den Anschluss verloren haben, kann das fatal sein. Deshalb stellte Bern mit Primano ein Programm auf die Beine, das schon ganz früh in den Familien ansetzt.

Elina ist ein vifes Mädchen, bei ihr fallen Kinderbücher, Spiele und all die anderen Aktivitäten auf fruchtbaren Boden. «Es ist schön zu sehen, wie sie sich entwickelt», sagt Mirela Xoxi. Auch die Mutter profitiert: Sie geht regelmässig in das Deutsch-Kaffee, einen Treff, den Mirela regelmässig in einer Kirchgemeinde organisiert. «Dort sprechen wir nur deutsch», sagt sie.

Nun gibt es Bilder-Lotto auf dem flauschigen Stubenteppich. Neugierig will Elina die Schachtel öffnen, knorzt eine Weile herum, bis es schliesslich klappt. Mirela lässt sie absichtlich selbst probieren, hier wird nichts Pfannenfertiges serviert, hier wird spielerisch fürs Leben gelernt.

Elina zählt auf, was sie für Tiere abgebildet sieht. Zu dritt fangen sie mit Spielen an. Nun taut auch Mami Donika mehr und mehr auf. Sie drehen die Karten, reden über Tiere, die abgebildeten Objekte, über Farben, was wie aussieht, was sich gleicht. Die halbe Stunde ist schnell um, das Spiel noch nicht fertig gespielt, die Hälfte der Karten warten noch darauf, umgedreht zu werden.

Eltern gewinnen Selbstvertrauen

«Wir lassen das so», sagt Mirela Xoxi. «Sie können es nachher noch zu zweit fertig spielen.» Danach erklärt sie der Mutter auf Deutsch, für was die Aktivitäten gut waren, und gibt ihr Info-Blätter dazu, die diese sorgfältig in einem Ordner ablegt. Zum Abschluss singen sie «Ade mitenand». Der Text ist simpel, die Melodie ebenfalls. Dazu strecken die Frauen die Arme winkend in die Luft. Elina schaut rauf und macht es nach.

Mirela liebt ihren Job. «Es ist schön zu sehen, wie die Kinder mitmachen und weiterkommen», schwärmt sie. «Wie sie dazulernen und Freude an Büchern und an den Spielen haben.» Ebenso sehr freut sie sich immer wieder über die Veränderungen, die sie bei den Eltern beobachtet. «Ich sehe, wie sie Selbstvertrauen gewinnen, häufiger nach draussen gehen und mehr unternehmen.»

Ganz am Schluss ihres Besuchs spricht sie mit Donika nur noch deutsch. «So kann ich mein Deutsch verbessern», erklärt die Mutter mit einem scheuen Lächeln. Seit Elina bei Primano ist, sagt sie jeden Abend vor dem Schlafen: «Mami, erzähl mir eine Geschichte.» Und sie tut das.

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Monika Flückiger