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16. September 2013

«Frühförderung halte ich für überflüssig»

Eltern haben viele Möglichkeiten, um auf die Gehirnentwicklung ihrer Kinder positiv Einfluss zu nehmen, sagt der international renommierte Hirnforscher Lutz Jäncke. Ein ausgeklügeltes Frühförderprogramm muss aber nicht sein. Spielerische Aktivitäten und eine anregende Umwelt fördern das kindliche Gehirn zur Genüge.

Velofahrer auf dem BMX-Bike
Spielen, musizieren oder sich sportlich betätigen: Lauter Aktivitäten, die Hirnforscher Lutz Jäncke für eine gesunde Entwicklung des Gehirns empfiehlt. (Bild: (Keystone/Picture Alliance//Howard Kingsnorth)

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Lutz Jäncke, was ist das Wichtigste, was wir über das menschliche Gehirn wissen sollten?

Die wichtigste Erkenntnis der letzten 10, 20 Jahre ist diejenige, dass das Gehirn enorm plastisch ist und durch Erfahrungen laufend verändert werden kann. Durch diese Gehirnplastizität erhält auch die menschliche Lernfähigkeit ein viel grösseres Gewicht, und zwar lebenslang. Wahrscheinlich ist das Gehirn sogar schon im Mutterbauch modulierbar — das ist, abgesehen von den schädlichen Einflüssen von Alkohol und Drogen, noch wenig untersucht —, aber zumindest von Geburt an ist es klar messbar: Äussere Stimulation regt die Entwicklung an, und zwar bis ans Lebensende.

Dann sollten Eltern ihre Kinder am besten von Anfang an stimulieren?

Ja, ein Babyhirn reagiert sehr stark auf die Umwelt: Eine reichhaltige Umgebung fördert es ausgiebig, während Vernachlässigung — man spricht von Deprivation — die Gehirnentwicklung hemmt. Die verschiedenen Hirnteile reifen im Lauf der Kindheit unterschiedlich schnell, man kann sich das wie ein Netzwerk vorstellen. Je häufiger ein Kleinkinderhirn stimuliert wird, desto stärker vernetzen sich die Hirnstrukturen, auf der anderen Seite gehen vernachlässigte Vernetzungen verloren.

Das bedeutet, Eltern sind eigentlich für die Hirnentwicklung ihrer Kinder zuständig – eine ziemlich grosse Verantwortung.

In gewisser Weise: ja. Man kann das als Belastung betrachten. Ich sehe das lieber als Chance. Eltern haben viele Möglichkeiten, die Entwicklung des Kindes positiv zu beeinflussen, und sie müssen keineswegs Akademiker sein, um ihre Kinder gut zu fördern. Das Allerwichtigste, was Eltern ihren Kindern bieten können, sind Sicherheit, Liebe, Aufmerksamkeit und Zuwendung. So können sich die innewohnenden biologischen Mechanismen entfalten. Stressbeladene Tagespläne für die Kleinen oder Frühförderung wie Chinesisch im Kindergarten halte ich für überflüssig, eine Schweizer Durchschnittsfamilie kann ihren Kindern genügend Stimulation bieten. Aber dazu ist es schon nötig, dass Eltern mit ihren Kindern etwas unternehmen, beispielsweise mit ihren Kindern lesen oder ihnen klassische Kultur näherbringen. Ausserdem haben wir hier ja so viele Möglichkeiten, von Musikschulen über Sportvereine bis Pfadi: Das ist ein reiches Angebot an Stimulation.

Eltern müssen keine Akademiker sein, um ihre Kinder gut zu fördern. Das Wichtigste, was sie ihnen bieten können, sind Sicherheit, Liebe und Zuwendung.

Porträt Hirnforscher Lutz Jäncke
«Das Stirnhirn ist für Fähigkeiten wie Voraussicht, Motivation und Disziplin zuständig. Vom 11. bis 15. Lebensjahr herrscht dort ein Ausnahmezustand.» - Hirnforscher Lutz Jäncke. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Aber gleichzeitig können Eltern enorm viel falsch machen …

Was Eltern stets bewusst sein muss: Kinder imitieren sie dauernd. Das heisst, ob Eltern das wollen oder nicht: Sie sind die Vorbilder ihrer Kinder. Das hängt mit den Spiegelneuronen zusammen, bestimmten Nervenzellkomplexen, die auf das Verhalten anderer Menschen reagieren, und zwar bereits, wenn wir bei diesen eine Handlung beobachten. Wir vermuten, dass diese Hirnaktivität einen mehr oder weniger automatischen Imitationsprozess anregt, mit dem wir Verhaltensweisen anderer Menschen lernen. Daher müssten die Eltern ihre Verantwortung wahrnehmen, den Kindern ein angemessenes Vorbild sein und auf die Einhaltung der Rahmenbedingungen achten. Hierzu gehört vor allem eine liebevolle Begleitung, bei der die Eltern ihren Kindern Werte beibringen. Diese Werte prägen sich ins Gehirn ein und begleiten die Kinder ein Leben lang.

Was Eltern tun, ist aber nur die eine Seite: Heute lassen sich Einflüsse aus TV oder Internet kaum mehr aus den Kinderzimmern verbannen. Was sagen Sie zu diesem Thema?

Kinder müssen lernen, mit der modernen Welt zurechtzukommen. Diese Entwicklung sollen sie aber nie allein machen müssen. Vielmehr müssen die Eltern — später auch die Schule — sie unterweisen, richtig damit umzugehen. Neue Medien an sich sind nicht gut oder schlecht. Es kommt nur darauf an, wie man sie einsetzt. Ich bin kein Befürworter der Theorie, dass elektronische Medien unsere Kinder per se verblöden. Eine allgemeine «digitale Demenz» befürchte ich nicht.

Es gibt jedoch Fachleute, die sagen, Fernsehen wirke sich bei Kleinkindern schädlich aus. Wie beurteilen Sie das?

Da sage ich auch klar «so wenig wie möglich»: Babys unter zwei Jahren gehören nicht vor das Fernsehgerät. Für ihre Hirnentwicklung brauchen sie die soziale Interaktion und müssen ihre motorischen Fähigkeiten trainieren können. Beides ist vor dem TV-Gerät mehr oder weniger unmöglich, hier werden sie bloss mit einer wilden Bilderflut überschwappt, die sie überfordert, weil sie diese überhaupt nicht einordnen können. Auch die Sprache lernen sie übrigens durch Fernsehen nicht im Geringsten besser, das ist erwiesen. Kleine Kinder brauchen ein Gegenüber, das sie aktiv fördert.

Ändert das bei den grösseren Kindern, schadet ihnen Fernsehen weniger?

Ich umschreibe das gerne mit «Zurück in die Zukunft». Damit meine ich, Kinder und Jugendliche müssten wieder mehr lernen, sich mit dem Wesentlichen auseinanderzusetzen, statt sich vom Unwesentlichen überfluten zu lassen. Diese Fähigkeit müssen ihnen jedoch die Eltern beibringen, und dafür müssen sie den Kindern auch manchmal Grenzen zeigen. Besser als Verbote von Fernseher und anderen Medien finde ich jedoch, den Kindern Alternativen aufzuzeigen und in ihnen die Freude zu wecken an anderen Tätigkeiten wie Lesen und Musizieren.

Sie sind ja vor allem bekannt geworden durch Ihre Entdeckung, dass Musizieren die Entwicklung von Kinderhirnen kräftig unterstützt.

Ja, wenn ein Kind den Musikunterricht besucht, werden seine Hirnverknüpfungen messbar gestärkt, was wahrscheinlich sogar Auswirkungen auf die Schulleistungen hat. Beim Musizieren werden Kinderhirne vielfältig gefördert: Die Kinder schulen ihr Gehör — was für das Erlernen von Fremdsprachen förderlich ist —, sie trainieren ihre allgemeine Aufmerksamkeit und lernen, ihre Zeit zu organisieren. Und weil sie Zeit für die Musikstunden, das Üben und danach die Hausaufgaben brauchen, verbringen sie erst noch weniger Zeit vor dem Fernseher, was sich auch wieder vorteilhaft auswirkt. Ähnlich funktioniert übrigens auch die sportliche und künstlerische Betätigung.

Musizieren und Sport hin oder her: Spätestens ab der Mittelstufe sind Handy, Internet und Fernsehen eine fast unvermeidliche Verlockung. Was bewirkt das in Jugendhirnen?

Heute sind bei Jugendlichen Handys und Internetfilme angesagt. Fernsehen, das haben amerikanische Studien gezeigt, spielt eine immer weniger wichtige Rolle. Das ist auf der einen Seite positiv. Denn der Gebrauch von Internet setzt Basisfähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Verarbeiten von Informationen voraus und kann diese sogar fördern. Das Hauptproblem liegt jedoch darin, dass die Jugendlichen auf dem Netz mit viel Spannendem, aber auch mit ungeheuer viel Schrott überlastet werden. Sie sind völlig überfordert damit, diese Masse zu filtern, und verlieren diese Fähigkeit noch zunehmend. Gleichzeitig werden sie immer mehr berieselt. Das bereitet mir ein wenig Sorge.

Müssten die Eltern also einschreiten?

Ich rate nicht, Medien generell zu verbieten. Aber empfehlenswert wäre es, wenn Eltern mit ihren Kindern schon klare Abmachungen treffen und bewusst Zeit für Handy und Computer einräumen. Computerspielzeiten empfehle ich zu begrenzen. Man könnte beispielsweise abmachen: am Wochenende zwei Stunden gamen, unter der Woche jedoch erst erlaubt als Belohnung nach einer weniger verlockenden, aber wichtigen Aufgabe — umgekehrt schaffen es Jugendliche nämlich praktisch nicht, vom Lustgewinn, den Youtube und Chats bringen, umzuschalten und sich für Hausaufgaben zu motivieren, die ja einen wenig lustbetonten Aufwand bedeuten. Anderseits gibt es heute auch ganz sinnvolle Spiele, die beispielsweise die Fähigkeit zu planen und zu organisieren fördern. Auch hier gilt jedoch: Wenn Jugendliche zu viel spielen, verlieren sie die Stimuluskontrolle und geraten in eine Abhängigkeit. Im Vordergrund sollte jedoch immer die Kontrolle des Spielenden über das Spiel erhalten bleiben. Und nie sollte umgekehrt der Spielende durch das Spiel kontrolliert werden.

Wo liegt denn da die Grenze?

Das ist individuell verschieden und hängt auch immer davon ab, was man mit dem Spiel und Computer wirklich macht. Wenn man ein bestimmtes Spiel sehr häufig, also mehr als 30 Stunden pro Woche, spielt, dann ist man schon sehr stark davon abhängig. Das Spielen führt dann zu starken Aktivierungen des «Lustzentrums» im Gehirn. Als Folge davon vergrössert sich dieses Zentrum und ändert auch die Umstände, unter denen es aktiviert wird. Bei Vielspielern ist das «Lustzentrum» auch bei Verlusten aktiviert. Wahrscheinlich deswegen, weil bei einem Verlust das System im nächsten Durchgang einen Gewinn vorhersagt. Mit der Zeit kommt es dann zu einer Sucht mit allen Anzeichen wie verändertem Sozialverhalten und verändertem Essverhalten. Das passiert nicht allzu häufig, ungefähr bei zehn Prozent der männlichen Jugendlichen, wirkt sich aber gerade auf jugendliche Gehirne fatal aus.

Jugendliche Gehirne sind ja ohnehin ein wenig speziell.

Ja, in dieser Zeit befindet sich jener Teil, der Stirnhirn oder Frontalcortex genannt wird, in einem Totalumbau: Da ist nichts mehr so, wie es mal war oder mal sein wird. Ich bezeichne diesen Zustand jeweils als «Denn sie können nichts dafür»: Das Stirnhirn ist jener Teil, der für Fähigkeiten wie Verantwortung, Voraussicht, Aufmerksamkeit, Motivation und Disziplin zuständig ist. Vom 11. bis zum 15. Lebensjahr herrscht dort quasi ein Ausnahmezustand, denn dieser Hirnbereich wird umgebaut. Dann funktionieren die von diesem Hirngebiet kontrollierten Prozesse anders. Die Jugendlichen haben mehr Mühe mit ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Selbstkontrolle, beim Umgang mit Störreizen und beim Planen für die Zukunft. In dieser Zeit sind sie auf die Hilfe ihrer Eltern ganz besonders angewiesen: Denn diese sollten ihnen helfen, die Defizite auszugleichen und mit ihnen zu üben.

Dabei ist das auch genau die Zeit, in der Jugendliche nichts annehmen wollen und die Freunde viel wichtiger werden als die Eltern.

Ja, je älter ein Kind, desto stärker wird die Aussenorientierung, und desto mehr nimmt die Elternbindung ab. Gerade darum ist es umso wichtiger, dass die Jugendlichen in dieser Zeit einen sicheren Rückzugsraum haben, denn in der Pubertät brauchen sie genau genommen besonders viel Sicherheit. Dann zeigt sich auch, ob eine Bindung stabil ist. Man kann das am Beispiel der Schimpansen schön sehen: Die Schimpansenjugendlichen bewegen sich zwar in einem immer grösser werdenden Revier um die Mutter herum. Droht jedoch eine Gefahr, flitzen sie blitzschnell zu ihr. Das ist bei jugendlichen Menschen gar nicht so anders.

Wir können auch im Alter eine Menge lernen — das ist doch eine optimistische Botschaft.

Was also könnte Jugendlichen in dieser Zeit helfen?

Eltern und Lehrpersonen sollten diesem Ausnahmezustand des jugendlichen Gehirns mehr Rechnung tragen. Auch unser System funktioniert da nicht ideal, die schwierige Zeit zwischen 11 und 15 Jahren ist zum Beispiel ein sehr ungünstiger Moment für wichtige Prüfungen und Entscheide. Ich hätte da eine andere Idee: Statt zu selektionieren, sollten Jugendliche — ja, eigentlich Menschen jeden Alters — schon ganz früh optimal gefördert werden. Dabei sind ganz unterschiedliche Lebenswege möglich. Es muss nicht immer direkt via Gymnasium und Universität laufen. Man sollte Kindern und Jugendlichen viele Möglichkeiten zur Entfaltung bieten, sie dabei aber gut leiten und ihnen helfen, Motivation für bestimmte Tätigkeiten zu entwickeln.

Das heisst, wiederum sind die Eltern gefragt.

Ja, die Entwicklung der Kinder passiert nicht von allein. Eltern sind die wichtigsten Partner und müssen ihren Kindern aktiv beim Wachsen helfen. Aber zur Beruhigung: Internet und Handy bewirken zwar dramatische kulturelle Veränderungen. Das führt dann auch dazu, dass unsere Welt sich ständig verändert und anders funktioniert. Dies zwingt uns dazu, dass wir uns ständig mit uns selber und unseren Kindern auseinandersetzen müssen. Zugleich eröffnet uns das auch immer wieder neue, tolle Möglichkeiten, die Welt zu ergründen und neu zu erfahren. Diese Veränderungen muss und wird unser Gehirn meistern, indem es sich laufend anpasst — und dies sogar bis ins hohe Alter. Einschränkungen im Alter sind nicht nur genetisch bedingt, sondern hängen auch davon ab, wie wir uns mit unserer Umwelt auseinandersetzen. Wir können auch im Alter eine Menge neu lernen — das ist doch eine optimistische Botschaft.

Autor: Claudia Weiss