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11. April 2016

Frühes Frühenglisch

«Mir sy vo der Führwehr»
«Mir sy vo der Führwehr» vom Löschzug-Chörli.

Eltern wissen immer, was für ihre Kinder gut ist. Nur: Die Kinder wissen es selber meist noch besser. «Genau das Richtige für die Kleinen», befanden wir, als die «Ohrewürm» aufkamen, diese lustigen Songs zu zeitgemässen Sounds. Vermutlich dachten wir das aber, weil wir Älteren diese Musik von Schtärneföifi, Sina, Kuno Lauener und Konsorten mochten. Sohn Hans, dreijährig, erkor stattdessen eine ausgeleierte Tonbandkassette des Interlakner «Löschzug-Chörlis» zu seiner Lieblingsmusik, und ich weiss nicht, wie oft ich mir «Mir sy vo der Führwehr» ­mitanhören … ähm … durfte.

Bänz Friedli (51) rappt mit.
Bänz Friedli (51) rappt mit.

Ebly tischten wir auf, die Weizenspeise, damit die Kinder auch mal etwas Gesundes ässen. Und Quinoa aus dem «Weltladen» – das Gänsefussgewächs aus Südamerika war noch nicht so en vogue, damals, aber es erinnerte mich an meine WG-Zeit.
Und eben: Es war furchtbar gesund. Denn ginge es nach den Kindern selber, stünden bestimmt jeden Tag Fischstäbchen und Pommes frites auf dem Menüplan. Dachten wir. Doch was schrieb unser Erstklässler im Freundebuch eines Klassenkameraden in die Spalte «Lieblingsessen»? Krautstiele! Weil er sie fürs Leben gern hatte.

Mit wie vielen modernen Jugendbüchern wir ihn doch versorgten, in denen pfiffige Heldinnen und tollpatschige, aber liebenswerte Jungs knifflige Fälle lösten. Allesamt politisch korrekt in der Rollenverteilung und rasant im Tonfall der Jetztzeit erzählt. Er aber, unser Sohn, fand am antiquierten «Doktor Dolittle» Gefallen, und ehe man noch erläuternd eingreifen konnte, erklärte er schon selbstbewusst: «Weiss ich denk, dass man heutzutage nicht mehr ‹Neger› sagt! Aber so redeten die halt früher, und das Buch ist ja uralt. Es zeigt uns, wie die Menschen dachten.» Sehen Sie? Man darf getrost darauf vertrauen, dass Kinder selber wissen, was ihnen guttut. Und vor allem: was ihnen gefällt. Und jedes Mal, wenn sie einen mit ihrer eigenen Wahl überraschen, ists eine kleine Übung im Loslassen. Ihren Weg werden sie ohnehin gehen. Ihren und nicht denjenigen, den wir vorgeben.

Auch die eigens für Kinder gedachten Songs fanden sie ja ganz okay, unsere Kinder. Für wesentlich prickelnder aber hielten sie die rüden Raps von Eminem, und ich habe ihr «Raundi autsäid, raundi autsäid …!» noch im Ohr: wie sie, zwei- und vierjährig, den Vers «Two trailer park grils go ’round the outside …» nachbrabbelten. Ihr erstes Früh­englisch. Wenn Sie Ihren ­Kleinen also trotz allem etwas schmackhaft machen möchten, ein Buch, ein Joghurt, eine DVD – dann heften Sie doch einen Zettel daran: «Nicht für Kinder geeignet!» 

Bänz Friedli live: 22. und 23. 4., Altstätten SG


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli