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22. Dezember 2014

Früher, am Teufelshang

Habe ich hier letzte Woche das Klagelied «O du hektische» gesungen? Mag sein. Aber da hatte ich ja den Besuchstag an der Schule unserer Kinder noch nicht erlebt. Was diese jungen Menschen alles leisten müssen! Was die alles erlernen, wissen, beherrschen, und zwar im 45-Minuten-Takt auf jeweils völlig anderem Gebiet! Sie debattieren die Entstehung des deutschen und des italienischen Nationalstaats um 1870, Garibaldi und Bismarck und so, auf Englisch, weil das Fach Geschichte englisch unterrichtet wird. Sie lernen, weshalb Fische rückwärts schwimmen können. Sie turnen an den Ringen. Sie berechnen das Gewicht, das auf einem lawinenverschütteten Skifahrer lastet. Sie zeichnen einen Früchtekorb als Stillleben. Sie finden heraus, wie gross die mittlere Arbeitsleistung einer Wärmekraftmaschine ist, indem sie mithilfe des Logarithmus naturalis die Fläche unter einer Hyperbel berechnen, und ich verstehe nur noch Bahnhof.
Die Jugendlichen aber sind konzentriert und engagiert. Wer nervöselt derweil im Schulzimmer am Handy herum? Wir Eltern. Die Berufslehre, höre ich von Nachbarsjugendlichen, sei genauso taff wie das Gymi. Chapeau vor diesen jungen Leuten! Nein – dagegen nimmt sich mein kleiner Adventsstress beschaulich aus.

Damit sie die Schlitten hervorholen können
Damit sie die Schlitten hervorholen können...

Und womit tröstet Leserin Sabrina sich übers vorweihnachtliche Gehetze? «Damit, dass der allererste Advent wohl auch kaum besinnlich war. Hochschwanger auf einer beschwerlichen, weiten Reise, vermutlich ohne Mailänderli und ohne Schoggi im Gepäck», schreibt sie – das könne es ja auch nicht gewesen sein. Meine frühen Dezember hingegen waren wunderbar. Ich erinnere mich an Grossmutters Brunsli, rund und klein und fein, und an sehr viel Schnee. An endlose Nachmittage am Schulhaushoger, an winterliche Samstage droben hinter der Anhöhe der Buchlen. Wir Kinder im Schnee, tagelang, wochenlang. Nannten wir den Hang nicht Teufelshang? Oder Teufelshecke? Verschwörerisch klang es jedenfalls, wenn wir uns nach der Schule verabredeten, das weiss ich noch. Gefährlich wars und steil. Wir kamen uns gross und verwegen vor, bauten Schanzen, stapften mit unseren Schlitten ein ums andere Mal wieder hinauf, nass bis auf die Unterwäsche, träppelten mit den Skiern hoch, frästen wieder runter, sprangen über die Schanze – und flogen bestimmt fünfundzwanzig Meter weit …!

Alles gar nicht möglich, wenn ich mir die leicht abschüssige Wiese, die unser Teufelshang war, heute anschaue. Der Schanzenflug wird uns nicht weiter als zwei Meter getragen haben. Und waren die Winter wirklich so schneereich? Oder warens drei, vier Nachmittage pro Jahr, die sich in der Erinnerung mächtig ausgewachsen haben? Ich weiss nur, dass ich mal einen Riesengrittibänzen erhielt, zum Trost, dass mein Arm gebrochen war, aber wirklich riiiiesig. Und dass ich tagelang im Pyjama unterm Tannenbaum mit der neuen Faller-Autorennbahn spielte, mich gar nicht mehr schlafen legte und wenn, dann gleich dort, am Stubenboden unterm Tannenbaum.

Damit sie die Schlitten hervorholen können.

Unseren Kindern wünsche ich ein wenig Schnee, gerade so viel, dass sie wenigstens für einen Vormittag ihre Schlitten hervorholen und drüben den Hang runterbrettern können, Hans mit seinem Spezialbob, gefertigt aus alten Skiern. Damit er seinen Kindern dereinst erzählen kann, wie er sich mit seiner Schwester am Rand der Stadt ausgetobt habe, tagelang, wochenlang. Früher, als es noch geschneit habe.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli